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Aus: Ausgabe vom 26.09.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Gegen das DFB-Monopol

In einem alternativen Dachverband sollen Deutschlands Amateurfußballer organisiert werden
Von Oliver Rast
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»Weit von der Basis entfernt«: DFB-Auswahl am 11. Oktober 2015 in Leipzig

Jede Sportart ist hierzulande unter dem Dach eines Verbandes organisiert – das ist die Regel. Und genau die will die Confederation of Football e. V. (COF) brechen. Gegründet wurde sie im Januar 2018 in Leipzig. Ein Ort mit Symbolcharakter. Dort wurde am 28. Januar 1900 der DFB aus der Taufe gehoben.

Wer sich mit dem DFB anlegt, legt sich mit dem weltgrößten Sportfachverband an. Rund sieben Millionen Mitglieder in 25.000 Vereinen zählt der Bund, allein 70.000 Spiele absolvieren Amateurfußballer Wochenende für Wochenende in dieser Republik. Auf diese Unterklassenkicker hat es die COF unter Präsident René Jacobi besonders abgesehen: Sie sollen organisiert werden.

Jacobi nennt im jW-Gespräch ein Schlüsselerlebnis, das der Gründung vorausging. Am 12. Oktober 2015 war das. Die DFB-Auswahl spielte in Leipzig gegen Georgien. Den knappen 2:1-Heimsieg quittierten einige Fans mit einem Pfeifkonzert. Die Spieler reagierten wenig souverän: »Kein Danke an die Fans, keine Ehrenrunde, nichts«, erinnert sich Jacobi. Schlimmer noch: Autogrammjäger, darunter viele Kinder, wurden vor dem Mannschaftshotel von den Stars ignoriert. »Sinnbildlich« fand Jacobi diese Szenen: »Die heutigen ›Spitzenverbände‹ und ihre Vertreter haben sich zu weit von der Basis entfernt.«

Kontroversen um Verbandsmonopole im Sport sind nicht neu. Für einen Präzedenzfall sorgten Eisschnelllauf-Olympiasieger Mark Tuitert und Shorttrack-Staffelweltmeister Niels Kerstholt (beide Niederlande) mit einer Klage bei der EU-Kommission gegen die Internationale Eislaufunion (ISU). Die untersagte Athleten, bei einem Wettkampf zu starten, der nicht unter ihrem Schirm veranstaltet wurde – bei Strafe einer Sperre für Olympia oder Weltmeisterschaften. Ein klarer Verstoß gegen europäisches Kartellrecht, urteilte EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager 2017. Die Sanktionsdrohungen der ISU dienten dazu, deren »eigene geschäftliche Interessen zu schützen und andere daran zu hindern, eigene Veranstaltungen zu organisieren«.

Skurril findet Jacobi die deutsche Verbandswelt im Fußball: »Wir haben in Deutschland mit den Landes- und Regionalverbänden 26 Königreiche sowie unzählige Kreisverbände, die einander gegenseitig kostenintensiv mit administrativen Aufgaben beschäftigen und Vorgaben gegenüber den Vereinen machen.« Aber wenn einmal ein Verein Hilfe benötige, stehe er alleine da. Die Probleme der Klubs an der Basis drängen oft: drohender Finanzkollaps, marode Infrastruktur der Sportanlagen, Gewalt auf den Plätzen, Schiedsrichtermangel. »Der DFB und seine Landesverbände haben für nichts eine Lösung, aber immer jemand anderen, der sich darum kümmern soll«, ärgert sich Jacobi.

Noch ist die COF mit 35 Mitgliedern ein Verband in spe. Regelwerk, Organisationsstrukturen und IT-Abläufe, alles braucht seine Zeit. Jacobi sagt: »Unser größtes Risiko wäre jetzt ein zu schnelles Mitgliederwachstum.« Was meinen Vertreter von Amateurvereinen? Tamara Dwenger, Präsidentin des 2014 von HSV-Fans gegründeten HFC Falke, erklärt auf jW-Nachfrage: »Es ist einfach erst einmal positiv zu sehen, dass hier gehandelt wird, und wir freuen uns schon auf den ersten Austausch.« Der DFB müsse merken, dass er keine allmächtige Monopolstellung habe, so Dwenger, dass er also nicht »machen kann, was er will«.

Skeptisch äußert sich Gerd Thomas, Vereinsvorsitzender des preisgekrönten Vorzeigeamateurklubs FC Internationale Berlin, gegenüber jW: »Ich glaube nicht, dass Einzelaktionen in Leipzig weiterhelfen, es braucht eine breite Bewegung mit viel Diskussion.« Dazu müssten sich viel mehr Vereine aktiv einbringen. Thomas will keinen Alternativverband, sondern Veränderungen in den bestehenden Organisationen. Die Gründer von Internationale hätten sich 1980 ganz bewusst für den Berliner Fußballverband (BFV) und nicht für Freizeit- oder Uniliga entschieden. Die Grundlagen dieser Entscheidung gebe es heute noch. Es müsse sich »elementar« etwas ändern. Nur sei ein zweiter Dachverband dabei »eher nicht zielführend«.

BFV-Sprecherin Vera Krings teilte auf jW-Anfrage mit: »Aktuell sehen wir von der Beantwortung Ihrer Fragen ab, da sie sich für den BFV nicht stellen.« Der DFB ließ Anfrage gleich komplett unbeantwortet, wie zuvor schon eine des Deutschlandfunks. Der Fußballverband der Stadt Leipzig (FVSL) hingegen reagierte. In einem Beschluss vom 29. Mai werden die Mitgliedsvereine in sperrigem Deutsch ermahnt: »Die Teilnahme von Spielern, Schiedsrichtern oder Trainern von Mitgliedsvereinen an Spielen, die außerhalb des vom DFB einschl. FVSL organisierten Spielbetriebs, hierzu zählen u. a. auch Freundschaftsspiele oder diverse Turniere, stattfinden sollen, bedürfen der Genehmigung des FVSL.« Ohne Genehmigung drohten Sportgerichtsverfahren.

Jacobi zeigt sich unbeirrt. Bisherige Versuche, neue Strukturen aufzubauen, hätten auf die Durchführung eines eigenen Spielbetriebs abgezielt, erklärt er. Sein Ansatz gehe weiter: »Wir wollen einen vollwertigen Verband mit breitem Angebot an Service für die Mitglieder.« Eine Pionierarbeit, auch gegen den DFB.

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