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Aus: Ausgabe vom 26.09.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Stahlindustrie

Stuhltanz bei Thyssen-Krupp

Vorstandschef soll durch Aufsichtsratsvorsitzende ersetzt werden. IG Metall fordert Sicherheit für Arbeiter
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Vorstandschef Guido Kerkhoff zwischen Kuratoriumsvorsitzenden Ursula Gather (l.) und Aufsichtsratschefin Martina Merz (1.2.2019)

Das kriselnde Industriekonglomerat Thyssen-Krupp gibt Vorstandschef Guido Kerkhoff den Laufpass. Der Personalausschuss des Aufsichtsrats habe dem Gremium empfohlen, mit dem 51jährigen »Verhandlungen über eine zeitnahe Beendigung seines Vorstandsmandates aufzunehmen«, teilte das Unternehmen am Dienstag abend mit. Kerkhoff ist seit 2011 im Konzern und hatte im Juli 2018 die Nachfolge des überraschend zurückgetretenen Heinrich Hiesinger angetreten. Kerkhoff stand von Anfang an in der Kritik einiger Investoren. Nach mehreren Strategiewechseln und Prognosesenkungen hatte er zuletzt immer mehr Vertrauen verloren.

Anstelle von Kerkhoff soll die Aufsichtsratschefin Martina Merz für bis zu zwölf Monate als Vorstandsvorsitzende einspringen. Die ehemalige Bosch-Managerin führt erst seit Februar das Kontrollgremium. Sie hatte rasch klargemacht, dass sie Kerkhoff genau auf die Finger schauen werde. Der langjährige Finanzchef muss für das am 30. September endende Geschäftsjahr 2018/19 einen hohen Verlust ausweisen. Zudem musste der über 200 Jahre alte Konzern jüngst den Dax verlassen.

Die geplante Ablösung von Vorstandschef Guido Kerkhoff hat Sorgen bei den Mitarbeitern des angeschlagenen Stahl- und Industriekonzerns ausgelöst. »Ein weiterer Personalwechsel bei Thyssen-Krupp führt nicht zur Beruhigung, sondern zu weiterer Unruhe bei den Beschäftigten«, sagte der Bezirksleiter der IG Metall Nordrhein-Westfalen, Knut Giesler, am Mittwoch. Deshalb müsse es jetzt darum gehen, »für alle von Restrukturierung betroffenen Bereiche klare Strategien und Sicherheiten für Standorte und Beschäftigung zu schaffen«.

Insbesondere bei den Beschäftigten der Aufzugsparte von Thyssen-Krupp gebe es starke Verunsicherungen, kritisierte Giesler. »Es kann nicht sein, dass die Beschäftigten dem Finanzmarkt zum Fraß hingeworfen werden«. Giesler nannte es unsäglich, von großen Synergien zu träumen, die auf dem Rücken der Mitarbeiter entstehen sollen. »Wer diese Träume träumt, wird tief enttäuscht werden.« Um Geld in die leeren Kassen zu bekommen, hatte Kerkhoff zunächst den Börsengang des profitablen Aufzuggeschäfts geplant. Später schloss er auch einen Komplett- oder Teilverkauf nicht aus.

»Die im Mai 2019 angekündigte und vom Aufsichtsrat einstimmig beschlossene Neuausrichtung des Konzerns wird konsequent fortgesetzt«, kündigte der Konzern an. Der Börsengang oder Verkauf der lukrativen Aufzugsparte und die Disposition mehrerer Geschäfte dürfte also auch von dem neuen Management fortgeführt werden.

Sobald der Vorstandsvorsitz neu besetzt wird, werde Merz in den Aufsichtsrat zurückkehren, erklärte Thyssen-Krupp. In der Zwischenzeit soll der ehemalige Siemens-Manager Siegfried Russwurm die Funktion des Aufsichtsratschefs übernehmen. Russwurm war vor einem Jahr selbst als Nachfolger Hiesingers gehandelt worden. Der Manager genießt auch bei Arbeitnehmervertretern einen guten Ruf. Die Gewerkschafter und Betriebsräte stellen die Hälfte der Mitglieder des Aufsichtsrats. Sie spielen damit neben den Großaktionären Krupp-Stiftung und Cevian eine Schlüsselrolle bei den Entscheidungen im Konzern. Neu einziehen soll in den Vorstand Klaus Keysberg mit Ressortverantwortung für die Business Areas Materials Services und Steel Europe.

»Der Aufsichtsrat wird zeitnah in einer außerordentlichen Sitzung über die Empfehlungen des Präsidiums und des Personalausschusses beraten und entscheiden«, hieß es in einer Mitteilung des Konzerns. Dass Kerkhoff gehen muss, dürfte allerdings nur noch eine Formsache sein. (Reuters/dpa/jW)

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