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Aus: Ausgabe vom 26.09.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Staatskredit

Condor fliegt weiter

Bundesregierung rettet Airline mit 380-Millionen-Darlehen. Thomas Cook Deutschland folgt der Konzernmutter in die Insolvenz
Von Steffen Stierle
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Die Thomas-Cook-Tochter Condor soll mit Staatsgeld am Leben gehalten werden

Zwei Tage nach der Pleite des britischen Reiseanbieters Thomas Cook ist klar, die deutsche Tochter Condor soll nach dem Willen der Bundesregierung mit einem 380-Millionen-Euro-Staatskredit am Leben gehalten werden. Die im hessischen Oberursel ansässige Thomas Cook GmbH hingegen meldete am Mittwoch Insolvenz an.

Das Condor-Paket wurde schnell geschnürt: War am Montag noch über ein Kreditvolumen von 200 Millionen Euro spekuliert werden, soll nun fast das Doppelte fließen, getragen zu gleichen Teilen vom Bund und dem Land Hessen, wo Condor seinen Sitz hat. Vergeben werden sollen die Mittel in Form eines vom Bund garantierten KfW-Darlehens. Die Laufzeit beträgt sechs Monate.

Es gehe um eine »Brückenfinanzierung für den Winter«, sagte Condor-Chef Ralf Teckentrup am Mittwoch. Diese sei notwendig geworden, weil »unsere Liquidität für die saisonal bedingt schwächere Buchungsperiode von unserer insolventen Muttergesellschaft verbraucht wurde«. Auch Christine Behle vom Vorstand der Dienstleistungsgewerkschaft ist sich sicher, dass der Konzern überlebensfähig ist. Condor sei »für sich gesehen ein profitables Unternehmen«. Es müsse alles unternommen werden, um die Airline zu erhalten und die Arbeitsplätze zu sichern. Condor beschäftigt fast 5.000 Mitarbeiter.

Die Rettungsaktion steht allerdings noch unter Vorbehalt, denn in der EU sind staatliche Beihilfen nur unter strengen Vorgaben zulässig. Die Bundesregierung führt daher mit der EU-Kommission »konstruktive Gespräche«, wie eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums gegenüber jW sagte. Eine Einschätzung, bis wann die Kommission entscheidet, habe man allerdings nicht. Ein konkrete Vereinbarung mit dem Unternehmen über die Kreditkonditionen sei bereits getroffen worden. Brüssel muss nun darüber befinden, ob diese mit dem Beihilferecht vereinbar ist.

Wichtig ist für alle Beteiligten, Condor sauber aus dem Mutterkonzern zu lösen. So soll laut Unternehmensangaben ein »Schutzschirmverfahren« initiiert werden um zu verhindern, dass Gelder aus dem Staatskredit an den Mutterkonzern abfließen. Durch den Überbrückungskredit soll vor allem Zeit gewonnen werden, um neue Investoren zu finden. »Wir werden uns einen neuen Eigentümer suchen«, sagte Teckentrup. Man sei bereits in Gesprächen mit solventen Interessenten. Dabei profitiert die Airline davon, dass die Gespräche nicht bei null anfangen. So hatte Thomas Cook den deutschen Ableger bereits im Februar zum Verkauf gestellt, die Pläne aber später wieder verworfen.

Noch weniger klar sind derweil die Perspektiven der deutschen Thomas Cook GmbH, einer weiteren Tochter des britischen Reiseanbieters, die deutschlandweit rund 2.000 Mitarbeiter beschäftigt. Das Unternehmen hatte am Mittwoch einen Insolvenzantrag gestellt, obwohl zuvor schon ein Überbrückungskredit bei der Bundesregierung beantragt wurde, wie das Wirtschaftsministerium gegenüber jW bestätigte. Befunden worden sei über den Antrag noch nicht. Dem Unternehmen zufolge sei der Insolvenzantrag wegen der komplexen finanziellen Verflechtungen und Haftungsverhältnissen mit der britischen Konzernmutter unumgänglich gewesen. Man sei aber optimistisch, dass »die Traditionsmarken Neckermann Reisen, Öger Tours und Bucher Reisen die Chance bekommen, bald wieder in gewohnter Weise am Markt aktiv sein zu können«.

Verdi-Pressesprecherin Eva Völpel sagte im Gespräch mit jW, die deutsche Thomas Cook leide nicht unter hausgemachten Problemen. Eine Rettung sei daher sinnvoll, der Erhalt der Arbeitsplätze möglich. Anderenfalls könne es zu einer Kettenreaktion kommen, da etwa viele Reisebüros und Hotels darauf warten, dass ihre Rechnungen beglichen werden.

Eine Präzedenz für staatliche Rettungsaktionen von Fluggesellschaften liefert die Air-Berlin-Pleite vom August 2017. Damals sprang der Bund mit einem KfW-Darlehen über 150 Millionen Euro ein, damit der Betrieb fortgeführt werden und so der Verkauf erleichtert werden konnte. Das Vorhaben scheiterte, der Flugverkehr wurde im Oktober 2017 eingestellt. Die Summe ist mittlerweile in die Staatskasse zurückgeflossen, wie der Insolvenzverwalter vergangene Woche mitteilte. Die angehäuften Zinskosten von 27 Millionen müssen allerdings noch beglichen werden. Die EU-Kartellbehörde hatte die Staatshilfe seinerzeit bewilligt, trotz Widerspruchs des irischen Konkurrenten Ryanair.

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