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Aus: Ausgabe vom 26.09.2019, Seite 8 / Ansichten

Synonym des Tages für Effizienz: Sozialismus

Von Sebastian Carlens
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Die neue »Enterprise«? Nein, das ist der soeben eröffnete Beijinger Flughafen (25.9.2019)

Wie machen die Chinesen das bloß? Nach nur vier Jahren Bauzeit haben sie am Dienstag in Beijing den größten Flughafen der Welt der Bevölkerung übergeben; seine Eröffnung erfolgte »wie geplant rechtzeitig zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik«, wundert sich Springers Welt. Rechtzeitig! Planmäßig! Und dann ist das Terminal auch noch hübsch geworden: Es hat »organische Formen und viel natürliches Licht«, dank der Schnellzuganbindung dauert die Fahrt in die Innenstadt nur 20 Minuten. Und mehr als 600 Meter muss im Gebäude niemand laufen, um von jedem an jeden Ort zu gelangen.

Die Verwunderung des Blattes kommt nicht von irgendwo. Fahren Sie doch mal in Berlin mit der S-Bahn, Linie 9, raus zum (alten) Flughafen Schönefeld. Direkt daneben – dort, wo Tausende ungekaufte Pkw von Volkswagen auf den ungenutzten Landebahnen vor sich hinrotten – liegt der BER. Sein offizieller Name »Willy Brandt« wird gar nicht mehr benutzt; so, als könne der schlechte Ruf des Baus auf den namensgebenden Altkanzler abfärben. »Brandt« soll ja nicht für Baupfusch, Stillstand und Milliardenkorruption stehen. Im Vergleich zum neuen Flughafen Beijing Daxing ist der BER sowieso eine schäbige Kate, eine traurige Nissenhütte, die außerdem – viele Jahre nach geplanter Eröffnung – noch immer nicht fertiggestellt werden konnte. Es bleibt zu hoffen, dass wenigstens der Abriss schneller gehen wird.

In Beijing wurde in der Zeit, in der der BER nicht fertig wurde, nicht nur der neue, sondern auch der Vorgängerflughafen der chinesischen Hauptstadt aus dem Boden gestampft. Der ist auch noch in Betrieb, nun aber schon wieder zu klein, deshalb der Neubau.

Also, wie schaffen die das? Das darf man in der BRD leider nicht beim Namen nennen, es wäre eine Verunglimpfung unserer »freiheitlich-demokratischen Grundordnung«. Da müssen Sie sich Ihren Teil schon denken!

Debatte

  • Beitrag von Matthias M. aus H. (25. September 2019 um 19:59 Uhr)
    Wollt Ihr jetzt ernsthaft das politische System in China »Sozialismus« nennen? Für mich ist das ein knallhart maximalautoritär geführter Staatskapitalismus. Effizient: ja. Aber geht gegebenenfalls über Leichen.
  • Beitrag von josef w. aus H. (26. September 2019 um 01:47 Uhr)
    Für die Ideologen des kapitalistischen Systems ist die Zukunft nur in zwei Versionen denkbar: entweder als Fortsetzung des alten Systems und der gnadenlosen Ausbeutung von Natur und Mensch, in dem es sich als Mitglied der Eliten allerdings recht gemütlich leben lässt, oder als finstere Dystopie eines alle gleichmachenden diktatorischen Systems, das sie als »Sozialismus« o. ä. diskreditieren. Vor allem der sogenannte Qualitätsjournalismus übernimmt die Rolle, dieses Weltbild in den Köpfen der Menschen zu formen, zu festigen. Sie spielen eine ähnliche Rolle wie die Vertreter des Ersten Standes (der Kirche) vor der bürgerlichen Revolution in Frankreich: Predigen des Weltuntergangs und eines ewigen Höllenfeuers für die armen Seelen, sollten sie es wagen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und das Ancient Régime zu stürzen.

    Was liegt da näher als den realen Sozialismus, wie er in der VR China heranwächst, als Höllengeburt zu verunglimpfen? Leider haben auch einige Linke nicht begriffen, dass Fortschritt und Entwicklung der Menschheit nur unter der Herrschaft der Arbeiterklasse möglich sind. Sie messen die VR China nicht am realen gesellschaftlichen Fortschritt, sondern an angeblichen Widersprüchen zu ihren Idealen. Als Folge schlagen sie sich dann auf die Seite der reaktionären Kräfte, vor allem wenn es von dort Zuspruch und Beifall für »kritisches Denken« gibt.
    • Beitrag von Matthias M. aus H. (26. September 2019 um 17:10 Uhr)
      So wenig wie das in China »Sozialismus« ist, so wenig ist das »Herrschaft der Arbeiterklasse«. Der »reale gesellschaftliche Fortschritt« ist eine nette Umschreibung für die von mir im vorigen Kommentar gemeinte Effizienz, die auch über Leichen geht.
  • Beitrag von Hubert K. aus A. (26. September 2019 um 18:25 Uhr)
    Es scheint so zu sein, dass die chinesische Bevölkerung und ihre Staatsführung wissen, was sie wollen. – Ich nehme auch weiterhin an, dass große Teile dieser Bevölkerung sehr zufrieden mit dieser Entwicklung sind, um nicht zu sagen: Sie sind stolz. – M. E. auch sehr zu Recht.

    Für die wenigen Sozialistinnen und Sozialisten in unseren Landen ist es schon erfreulich, zu sehen, wie in anderen Ländern ein anderes System als hier sich entwickelt. Und dabei erfolgreich ist.
    • Beitrag von Klaus D. aus D. (26. September 2019 um 20:57 Uhr)
      Ist es typisch sozialistisch, einen Mega-Flughafen zu bauen, durch den die Umwelt noch stärker belastet wird? Dazu noch in einem System totaler staatlicher Überwachung, mit andauernder Diktatur? Marxens Vision vom Reich der Freiheit in einer freien Assoziation freier Individuen war jedenfalls eine andere!
  • Beitrag von Klaus D. aus D. (26. September 2019 um 21:04 Uhr)
    Ist es typisch sozialistisch, einen Megaflughafen zu bauen, durch den die Umwelt weiter belastet wird? Dazu noch in einem System totaler staatlicher Überwachung, bei andauernder Partei-Diktatur? Marxens Vision vom »Reich der Freiheit« in einer »freien Assoziation freier Individuen« war jedenfalls eine andere!
    • Beitrag von Hubert K. aus A. (26. September 2019 um 21:33 Uhr)
      Flughäfen gehören zu Entwicklung und Infrastruktur.

      Menschen, denen das »Prinzip Gleichheit« etwas bedeutet, verstehen, dass »Errungenschaften« wie Fliegen und Reisen eben nicht nur den »westlichen Menschen« vorbehalten sind. (Die Ökobilanz des »durchschnittlichen Chinesen« und der »durchschnittlichen Chinesin« ist sicher weniger belastend für die Umwelt als die der Europäer und der Nordamerikaner.)

      »Totale staatliche Überwachung«? Wird oft behauptet und wenig fundiert dargelegt. – Im übrigen weiß ich nicht, ob es viel besser sein soll, von privaten Medienkonzernen »total überwacht« zu sein, wie es bei uns zu sein scheint.

      Und: Marx hat nicht nur eine Vision als Phantasma. Sondern er beschreibt und erklärt auch, wie es zu einer »freien Assoziation freier Individuen« kommen kann. Eine Voraussetzung dafür ist die »Diktatur des Proletariats«.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Sprudelnde Geldquelle Niemand hat die Absicht, in Berlin einen Flughafen oder in Stuttgart gar einen Bahnhof zu bauen, wohl aber auf unbestimmte Zeit Milliarden an öffentlichen Geldern in wenige private Taschen fließen zu ...

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