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Aus: Ausgabe vom 26.09.2019, Seite 8 / Ansichten

Widersprüchliche Bilanz

Verdi-Bundeskongress
Von Daniel Behruzi
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Abschied: Frank Bsirske sprach am Dienstag in Leipzig zu den Delegierten des Verdi-Bundeskongresses

Den Zustand der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft kann man ganz unterschiedlich beschreiben. Man kann, wie es der bisherige Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske am Montag in seinem Rechenschaftsbericht beim Bundekongress in Leipzig getan hat, auf die vielen kleinen und großen Erfolge verweisen – von der Durchsetzung von Tarifverträgen bei Ryanair über die partielle Aufwertung des Sozial- und Erziehungsdienstes und die Rückführung der ausgegliederten »Delivery«-Gesellschaften in die Deutsche Post AG bis hin zur Bewegung für Entlastung in den Krankenhäusern. Man könnte aber auch ein gegensätzliches Bild zeichnen: Seit Verdi-Gründung 2001 ist die Zahl der Mitglieder von 2,8 Millionen auf unter zwei Millionen geschrumpft. Durchschnittsalter: 52,5 Jahre. Und die Tarifbindung geht selbst im Aufschwung kontinuierlich zurück.

So widersprüchlich die Bilanz, so unklar ist die Zukunft. Auf der einen Seite vertritt Verdi Branchen im Niedergang. In der Druckindustrie verteidigt die Gewerkschaft Errungenschaften der Vergangenheit, doch die Reichweite der immer noch sehr guten Tarifverträge ist mittlerweile stark geschrumpft. Bei den Banken gehen im Zuge von Digitalisierung und Umstrukturierungen immer mehr Jobs verloren und im Handel findet die Gewerkschaft bislang kaum Mittel, Tarifflucht und Mitgliederverluste zu stoppen. Über ein Drittel ihrer Beitragszahler hat sie inzwischen verloren. Andererseits sind zum Beispiel mit den Erzieherinnen und Pflegekräften neue gewerkschaftliche Akteure auf den Plan getreten, die wochenlange und harte Arbeitskämpfe führen. Sie machen Verdi weiblicher – und erfolgreich.

In dieser Situation geht der ewige Vorsitzende in Rente. Als charismatische Führungspersönlichkeit war Frank Bsirske seit dem Zusammenschluss mehrerer Einzelgewerkschaften 2001 das Gesicht von Verdi nach außen und die weitgehend unumstrittene Autorität nach innen. Er hat die Gewerkschaft klar links der Industriegewerkschaften positioniert und für soziale Bewegungen geöffnet – wie zuletzt in bezug auf »Fridays for Future«. Sein Weggang reißt zweifellos eine Lücke. Und doch könnte es Verdi guttun, dass sich die Führung verjüngt und stärker auf Teamarbeit setzt.

Der neue Vorsitzende Frank Werneke hat klargestellt, dass er Verdi als politische Organisation sieht, die sich im Kampf gegen rechts, aber auch in bezug auf Klimawandel und Krieg klar positioniert. Das lässt hoffen. Nötig wäre, die Politisierung auch in Tarifkonflikten voranzutreiben. Im Bereich der öffentlichen Daseinsfürsorge sind alle Arbeitskämpfe naturgemäß politische Auseinandersetzungen. Verdi sollte sie bewusst als solche führen. Dazu gehört die öffentliche Thematisierung von Verteilungs- und auch Eigentumsfragen. Fazit: Der Dienstleistungsgewerkschaft stellen sich viele Probleme, ihr bieten sich aber auch etliche Chancen.

Debatte

  • Beitrag von Susanne Riedhammer aus Stuttgart (27. September 2019 um 08:33 Uhr)
    Ich hätte mir eine solidarische Berichterstattung über den Verdi-Bundeskongress gewünscht, sie ist teilweise herablassend und belehrend.

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