Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 26.09.2019, Seite 4 / Inland
»Vulkangruppe Ok«

Gelungene Diskreditierung

Debatte nach »linkem« Brandanschlag auf Kabelschacht der Berliner S-Bahn
Von Markus Bernhardt
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Die »Vulkangruppe Ok« fährt nicht mit: Zug der Berliner S-Bahn am Ostbahnhof

Die Berliner Polizei hält ein auf der Internetplattform Indymedia veröffentlichtes Schreiben, in dem sich eine Gruppierung mit dem Namen »Vulkangruppe Ok/Fridays for Future im Generalstreik« zu einem Montag morgen verübten Brandanschlag auf die S- und Regionalbahnstrecke im Berliner Ortsteil Karlshorst bekennt, für echt. Der Polizei zufolge waren in einem Kabelschacht zwischen den Bahnhöfen Karlshorst und Wuhlheide zwei Feuer gelegt worden. Der Anschlag legte pünktlich zum Auftakt des morgendlichen Berufspendelverkehrs Teile des Bahnnetzes im Osten Berlins lahm.

In ihrem Bekennerschreiben nehmen die Verfasser Bezug auf die Schülerinnen- und Schülerbewegung »Fridays for Future« und behaupten, Teil dieser Bewegung zu sein. »Wir unterstützen den ausgerufenen Generalstreik, weil wir die Sorgen um unsere Zukunft teilen. Wir haben uns für eine militante Aktion entschieden, weil ein Generalstreik auch mit den Mitteln der Sabotage zu unterstützen ist«, schreibt die Gruppierung, der offenbar entgangen ist, dass »Fridays for Future« nicht explizit zu einem Generalstreik aufgerufen hatte.

In Medien und »sozialen Netzwerken« sorgte der Anschlag durchweg für Empörung und wurde zur Stimmungsmache gegen die Klima- und Umweltschutzbewegung, aber auch gegen die politische Linke im Allgemeinen genutzt. Explizit auf Distanz zu besagter Gruppierung, die auch für ähnliche Anschläge in der Vergangenheit verantwortlich gemacht wird, gingen Sprecher der »Fridays for Fu­ture«-Bewegung. »Wir können ganz klar sagen, dass wir uns von der Aktion distanzieren«, betonte deren Sprecherin Irma Hausdorf am Dienstag in der RBB-Abendschau. Man habe »mit der Aktion nichts zu tun«, stellte sie klar.

Zweifel an der Urheberschaft vorgeblich »linker« Aktivisten äußerte unterdessen Monika Herrmann (Bündnis 90/Die Grünen), Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg. »Bin etwas skeptisch, was die angeblichen Täter betrifft«, schrieb die Politikerin in einem Diskussionsbeitrag im Internet und mutmaßte, dass es sich bei der Tat auch um »eine bewusste Diskreditierung der Bewegung« der Schülerinnen und Schüler handeln könne. Auszuschließen ist das nicht. Bei Indymedia kann jeder anonym posten, was er möchte. Dass Rechte diese Internetseite für eskalierende Diskussionsbeiträge und Provokationen missbrauchen, ist kein Geheimnis.

Der neuerliche Anschlag der »Vulkangruppe«, die von den Behörden ohne weitere Begründung dem »linksextremen Spektrum« zugerechnet wird, lässt jedoch die Möglichkeit offen, dass es sich tatsächlich um einen Anschlag einer sich selber dem linken Spektrum zuordnenden Gruppierung handeln könnte. Das Vorgehen der Gruppe wäre bemerkenswert irrational und destruktiv, da die Aktion einzig und allein die Klima- und Umweltschutzbewegung wie auch die radikale Linke diskreditiert hat und am Ende nichts anderes als eine indirekte Propagandabeihilfe für die AfD ist. Dass in den vergangenen Tagen sogar Kreise, die ähnlichen militanten Aktionen ansonsten nicht ablehnend gegenüberstehen, keinerlei Sympathie für die Aktion geäußert haben, sollte die »linken« Urheber, so es sie denn gibt, eigentlich ein bisschen nachdenklich stimmen. Es würde sich auch lohnen, den seit Montag verschiedentlich geäußerten Hinweis zu bedenken, dass die »Sabotage« des öffentlichen Personennahverkehrs eher ungeeignet ist, um ein Zeichen für Umwelt- und Klimaschutz zu setzen. Wie dem auch sei: Sollte die Verantwortung für den Anschlag vom Montag bei radikalen Linken liegen, dann haben sie erfolgreich zur weiteren Isolation und Marginalisierung linker Politik beigetragen.

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