Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 26.09.2019, Seite 2 / Inland
Diskriminierung von Sinti und Roma

»Die Lage verschärft sich tagtäglich«

Zunehmender Antiziganismus ist Thema bei Bundesjugendkonferenz der Roma und Sinti, die Freitag in Berlin beginnt. Ein Gespräch mit Merdjan Jakupov
Interview: Jan Greve
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Demonstration gegen Asylrechtsverschärfung auf dem Stuttgarter Schlossplatz (13.9.2014)

Am morgigen Freitag startet die Bundesjugendkonferenz der Roma und Sinti in Berlin. Worum soll es bei dem bis Montag dauernden Treffen gehen?

Wir organisieren diesen Zusammenschluss junger Sinti und Roma seit 2010. Inhaltlich geht es um die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Antiziganismus, heutigem Rassismus gegenüber Sinti und Roma, aber auch um den Umgang mit Medien und Wege der politischen Interessenvertretung. In den vergangenen Jahren hatten wir im Schnitt rund 100 Teilnehmer.

In was für einer Zeit findet die Konferenz aus Ihrer Sicht statt: in der des Aufbruchs oder der Abwehrkämpfe?

Wir bekommen den Rechtspopulismus deutlich zu spüren, sei es auf Landes- oder auf Bundesebene, aber auch international. Rechte Parteien gewinnen vielerorts an Einfluss. Das sehen wir hierzulande beispielsweise an vermehrten Abschiebungen oder den Kämpfen um Bleiberecht von Jugendlichen mit Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien, selbst wenn sie hier geboren wurden. Auch die Debatte über die sogenannten sicheren Herkunftsstaaten betrifft Roma und Sinti. Die Lage verschärft sich gewissermaßen tagtäglich. Das schlägt sich auch in Medienberichten nieder. Auf der anderen Seite wächst der Widerstand von zivilgesellschaftlichen Gruppen gegen diese Entwicklungen. Hier wollen wir anknüpfen und ein Zeichen des Zusammenhalts setzen.

Wie groß ist das Interesse der Presse an Ihrer Bundesjugendkonferenz?

Das hält sich sehr in Grenzen. Meist wird nur negativ über Sinti und Roma berichtet. Bei unserer Konferenz im vergangenen Jahr war die Präsenz von Medienschaffenden sehr überschaubar. Daraufhin haben wir im Oktober eine Stellungnahme veröffentlicht und kritisiert, dass über Probleme gerne und ausgiebig, aber über positive Ereignisse wie den bundesweit größten Zusammenschluss dieser Art kaum berichtet wird. Wir formulierten damals, dass es nahezu keine Aufmerksamkeit gebe, wenn im Zusammenhang mit Sinti und Roma Begriffe wie »Betteln«, »Kriminalität« oder »Obdachlosigkeit« fehlen (jW berichtete). Im Vorfeld der diesjährigen Konferenz beobachten wir erfreulicherweise ein breiteres Inte­resse. Das liegt vielleicht auch daran, dass mit Petra Pau von der Partei Die Linke eine Bundestagsvizepräsidentin an der öffentlichen Podiumsdiskussion am Samstag abend teilnehmen wird.

Neben medialen Zerrbildern sorgen hierzulande auch juristische Entscheidungen dafür, dass altbekannte Stereotype fröhliche Urständ feiern. In der vergangenen Woche etwa urteilte das Münchner Verwaltungsgericht, dass der von der NPD plakatierte Satz »Geld für die Oma statt für Sinti und Roma« nicht volksverhetzend sei (siehe jW vom Wochenende). Täuscht der Eindruck oder blieb auch hier eine öffentlich wahrnehmbare Empörung aus?

Nein, die fehlte in der Tat. Offenbar haben einige in diesem Land nichts aus der Geschichte Nazideutschlands gelernt. Auch damals war die Diskriminierung von Sinti und Roma wie die anderer Minderheiten für die Mehrheitsgesellschaft völlig selbstverständlich. Der folgende Genozid fiel bekanntlich nicht vom Himmel.

Welche Ansätze wollen Sie jungen Sinti und Roma am Wochenende mit auf den Weg geben, um einen positiven Bezug zur eigenen Identität zu entwickeln und selbstbewusst für ihre Interessen einstehen zu können?

Zunächst stellen wir fest, dass viele Jugendliche die eigene Identität leugnen und versuchen, sich nicht damit zu beschäftigen. Wir stehen für den Ansatz des Empowerments, der jungen Roma und Sinti vermittelt, dass sie stolz auf sich sein können. Wir wollen ihnen eine Plattform bieten, damit sie sich untereinander austauschen und stärken.

Zielen Sie dabei vornehmlich auf die diskursive Ebene oder erheben Sie auch materielle Forderungen, die eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen?

Klar ist, dass es auch politische Entscheidungen braucht, etwa in der Gesetzgebung. Viele Roma und Sinti sind in diesem Land zum Beispiel bei Wahlen ausgeschlossen, weil ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft fehlt. Es zeigt sich, dass wir lange kämpfen müssen, um Fortschritte zu erzielen. Daher müssen wir unsere Kräfte bündeln und dabei auch mit anderen Minderheiten gemeinsam handeln.

Merdjan Jakupov ist Geschäftsführer der interkulturellen Jugendorganisation »Amaro Drom«

amarodrom.de

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