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Aus: Ausgabe vom 26.09.2019, Seite 1 / Titel
Erderwärmung

Das große Schmelzen

Sonderbericht des Weltklimarats: Meeresspiegel steigt immer schneller, Lebensräume werden zerstört
Von Steffen Stierle
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Kunstinstallation in Paris: Schmelzendes Grönlandeis (2015)

Am Dienstag wurden im norditalienischen Aostatal erste Straßen gesperrt, weil der Gletscher des Mont Blanc abzustürzen droht. 250.000 Kubikmeter Eis könnten ins Tal krachen. Die wissenschaftliche Bestätigung, dass Gletscher und Kryosphäre (bestehende Eismassen) immer schneller schmelzen, folgte am Mittwoch mit der Präsentation des Sonderberichts des Weltklimarats (IPCC) zu den Folgen der Erderwärmung auf Ozean und Eisgebiete.

Der in Monaco präsentierte Report zeigt, dass Küstenökosysteme und biologische Vielfalt durch die Veränderungen empfindlich getroffen werden – mit dramatischen Folgen für einen großen Teil der Weltbevölkerung. Vier Millionen Menschen leben in der Arktis, 680 Millionen in niedrig gelegenen Küstenregionen, 65 Millionen auf weniger entwickelten Inselstaaten und weitere 670 Millionen in Hochgebirgsregionen. Die Lebensräume dieser rund 20 Prozent der Menschheit würden durch meterhoch steigende Meeresspiegel und zunehmende Extremwetterereignisse immer schneller zerstört. Die Folgen für Ernährungssicherheit und Gesundheit seien schon heute deutlich zu erkennen, so der IPCC.

Der Bericht ist ein dramatischer Appell an die Politik. Ein weiteres und immer schnelleres Abtauen von Gletschern und Permafrost – und damit die Freisetzung zusätzlicher großer CO2-Mengen – bis 2050 ist den Wissenschaftlern zufolge kaum mehr zu verhindern. Weitere Veränderungen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts könnten allerdings durch »starke Verringerungen der Treibhausgasemissionen« reduziert werden. Voraussetzung sei »die Intensivierung der Zusammenarbeit und Koordination unter Regierungsbehörden über räumliche Maßstäbe und Planungshorizonte hinweg.«

Auf der politischen Bühne ist jedoch das Gegenteil dieses gemeinschaftlichen Denkens in großen Maßstäben zu beobachten, offenbarte doch der UN-Klimagipfel Anfang der Woche einmal mehr die Grenzen, die ein auf Standortkonkurrenz beruhendes Weltwirtschaftssystem setzt. Das am vergangenen Freitag präsentierte Klimapaket der Bundesregierung, ein Sammelsurium marktgläubiger, zaghafter und nicht aufeinander abgestimmter Einzelmaßnahmen, taugt als Symbol für die mangelnde Handlungsbereitschaft der politischen Elite hierzulande.

Die UN-Handelskonferenz UNCTAD hält eine ökologische Wende in der Weltwirtschaft für möglich, betonte aber in ihrem am Mittwoch veröffentlichten Investitionsbericht, dass es hierfür einen »Global Green New Deal« mit gigantischen Ausmaßen bräuchte: Investitionen in umweltfreundliche Transportmittel, Energie und Nahrungsmittelproduktion. Allein in die weniger entwickelten Länder müssten jährlich zwei bis drei Billionen US-Dollar fließen. Politiker hielten jedoch an neoliberalen Dogmen fest, von denen nur wenige profitierten.

Die Bundesregierung versteht den IPCC-Bericht laut Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) »als Handlungsaufruf«. Die Untersuchung zeige, »was passieren würde, wenn die Staatengemeinschaft das Pariser Klimaschutzabkommen nicht umsetzt«, sagte sie am Mittwoch in Berlin. Der klimapolitische Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag, Lorenz Gösta Beutin, wies auf den tiefen Graben hin, der in der deutschen Klimapolitik zwischen Worten und Taten klafft. »Das Klimapaket der Bundesregierung ist noch nicht einmal ausgeliefert, und schon ist klar, dass es das wissenschaftlich Notwendige völlig ignoriert«, sagte er.

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