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Aus: Ausgabe vom 24.09.2019, Seite 5 / Inland
Arbeitskampf

Zusammen gegen Mitgliederverlust

Verdi-Kongress in Leipzig: Steinmeier und Bsirske zufrieden mit Gewerkschaftsarbeit
Von Susanne Knütter
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Frank Bsirske, Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, beim Bundeskongress in Leipzig (23.9.2019)

Die Eröffnung des fünften Bundeskongresses der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) wurde Sonntag abend wie ein Staatsakt inszeniert. Über Leinwände konnten die Delegierten die Ankunft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) in der Leipziger Messehalle verfolgen. Als er, begleitet von der Verdi-Bundesspitze, den Saal betrat, machten etwa hundert Delegierte mit orangefarbenen Rettungswesten und einem Plakat mit der Losung »Im Mittelmeer ertrinken die Menschenrechte – Solidarität statt Festung Europa« auf sich aufmerksam.

Der Bundespräsident hatte viel und sehr spezielles Lob zu verteilen. Gewerkschaften seien »Experten für den Zusammenhalt unserer sozialen Ordnung«, Gewerkschaftsarbeit sei mehr als die nächste Gehaltserhöhung: »Gewerkschaften leisten einen Dienst an der Demokratie.« Es gehe um die großen Fragen »unserer Zeit«: »faire« Mieten, »gerechte« Renten und eine »gerechte« Klimapolitik. Diese seien um so wirksamer, je mehr Menschen die Möglichkeit haben mitzumachen. Als Positivbeispiel der Sozialpartnerschaft nutzte Steinmeier die Digitalisierungsstrategie bei dem Containerterminalbetreiber Eurogate. Hier hätten sich der Betriebsrat und die Geschäftsführung auf einen Kompromiss geeinigt, der die Dividende der Digitalisierung »fair aufteilt«. »Es ist gut, dass es Verdi gibt«, fasste Steinmeier seine Botschaft mit einem sozialpartnerschaftlichen Appell an die Gewerkschafter zusammen: »Bringen Sie sich ein – für unsere Wirtschaft, unsere Gesellschaft und für unsere Demokratie.«

Mit Lob ging es auch am Montag weiter. Der scheidende Verdi-Bundesvorsitzende Frank Bsirske stellte in seinem zweistündigen Rechenschaftsbericht die Erfolge der Gewerkschaft heraus. Dazu zähle die Durchsetzung eines Tarifvertrages bei der irischen Billigfluglinie Ryanair ebenso wie die Ausbildungsvergütung angehender Logopädinnen oder Röntgenassistentinnen an Unikliniken. Hätten die langen Auseinandersetzungen im Erziehungsbereich 2015 zur gesamtgesellschaftlichen Wertschätzung des Berufs beigetragen, könne Verdi jetzt als die Gewerkschaft der Pflege bezeichnet werden. Nun gehe es darum, mit den Veränderungen im Zuge der Digitalisierung umzugehen. Als drastisches Beispiel nannte er die Situation in den Privatbanken. 40 Prozent der Beschäftigten fürchteten wegen der Digitalisierung, in den nächsten zwei Jahren ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Übergreifende Aufgabe bleibe die Mitgliederentwicklung. Nur dann sei Verdi durchsetzungsfähig. Obwohl seit 2015 im Grunde kein Tag ohne eine Streikmaßnahme vergangen sei und die »Zuführungen zum Streikfonds« in den letzten vier Jahren kontinuierlich gestiegen sind, wie Bundesvorstandmitglied Frank Werneke in seinem Finanzbericht ergänzte, hat Verdi Mitglieder verloren. Auch 2019 zeichnet sich demnach ein Minus von rund 20.000 Mitgliedern ab. Im Gründungsjahr hatte Verdi noch 2,81 Millionen Mitglieder, vergangenes Jahr waren es noch 1,97 Millionen. Die Diskussion um Ursachen und Lösungsansätze dürfte ein Thema der nächsten Tage des Kongresses sein.

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