Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 24.09.2019, Seite 5 / Inland
Baugewerbe

Bauboom zu Ende

Umfrage: Erwartungen der Immobilienbranche erreichen angesichts der Rezessionsgefahr Tiefstand. Mieten sinken aber nicht
Von Efthymis Angeloudis
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Entscheidend für die Konjunktur ist, dass das Immobilienklima nun dreimal in Folge gesunken ist

Fast zehn Jahre und mehr als 2,1 Millionen fertiggestellte Wohnungen später ist der Punkt endgültig erreicht: »Wir sind am Ende des Baubooms«, urteilt Ralph Henger, Fachmann für Immobilienkonjunktur beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), im vierteljährlich erscheinenden IW-Immobilien-Index, der am Montag veröffentlicht wurde. Der Index erfasst die Geschäftslage von großen Immobilienunternehmen und Projektentwicklern. Die Ergebnisse lassen aufhorchen: In diesem Herbst erreicht die Umfrage den schlechtesten Wert seit Einführung des Immobilien-Index im Jahr 2014. Dreimal in Folge hat sich das Immobilienklima nun verschlechtert – eine Ära geht damit wohl zu Ende.

Bei der Befragung des IW überwiegen zum ersten Mal nach Jahren des Booms die negativen Erwartungen. Gemäß den Angaben von gut 100 leitenden Angestellten der Immobilienbranche erwarteten mehr Unternehmen für die nächsten zwölf Monate eher eine schlechtere als eine bessere Entwicklung. Damit folge der Immobilienmarkt der Stimmung der deutschen Wirtschaft. Sie war im zweiten Quartal geschrumpft. Wenn das Wirtschaftswachstum ein zweites Quartal in Folge absinkt, wovon viele Experten ausgehen, wird sich Deutschland endgültig in einer Rezession befinden. Deren Auswirkungen könnten sich schneller als befürchtet auch auf dem Immobilienmarkt bemerkbar machen. Noch ist die Lage besonders bei der Nachfrage nach Büroflächen aber entspannt. Das hat laut Henger seine Gründe: »Im Büromarkt wird kaum spekulativ gebaut«, Bürogebäude seien oft bereits vor der Fertigstellung vermietet.

Was den Immobilienunternehmen und der IW im weiteren Sinne Kopfschmerzen bereitet, sind nach Einschätzung des Fachmanns »die eingeführten und geplanten politisch überzogenen Regulierungen« auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Die Kritik aus der Branche an den Plänen von Bausenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) für eine Mietpreisbremse und einen Mietendeckel ist allseits bekannt. Auch der IW scheut nicht vor ihr zurück »Die Beschäftigung und die Einkommen steigen. Der Konsum ist hoch. Die Mietentwicklungen gehen in der Regel mit den lokalen Einkommen Hand in Hand und entkoppeln sich nicht vollständig von den Preisen«, schlussfolgert Henger. Dabei wird jedoch nicht berücksichtigt, dass jeder siebte in Deutschland mehr als 40 Prozent des Einkommens für die Miete ausgibt, wie aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums von Ende August auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion hervorgeht.

Und das wird sich auch nach Einschätzung der meisten Experten nicht ändern: »Noch wird sich das nicht in sinkenden Mieten niederschlagen«, sagte Timo Schnadler, Deutschland-Chef der internationalen Immobilienberatung JLL, dem Handelsblatt (Montagausgabe). Immerhin schätzen ausländischen Investoren laut IW immer noch die hohe Stabilität des deutschen Immobilienmarktes. »Das klingt wie eine Bedrohung«, meint Daniel Fuhrhop, der an der Uni Oldenburg über alternative Wohnmodelle forscht. »Wenn der deutsche Wohnungsmarkt für Investoren attraktiv bleibt, heißt das, dass man weiterhin mit Anlagenobjekten Riesengewinne machen will.« So riesig, dass der Immobilienkonzern Vonovia mit den Gewinnen aus Deutschland auch in Schweden zum Marktführer werden will. Vonovia will 69,30 Prozent der Aktien von Hembla AB vom Finanzinvestor Blackstone erwerben. Der Gesamtkaufpreis für den Stockholmer Wohnimmobilienkonzern mit seinen 21.411 Wohnungen liege damit bei 1,14 Milliarden Euro.

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