Gegründet 1947 Sa. / So., 19. / 20. Oktober 2019, Nr. 243
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 23.09.2019, Seite 12 / Thema
Seelenkunde

Verdrängen und verarbeiten

Zum 80. Todestag von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse
Von Michael Zander
35972898(1).jpg
Wer bin ich und, wenn ja, wie viele? Sigmund Freud steht dem Bildhauer Oscar Nemon Modell (Wien 1931)

Seit ihrer Entstehung an der Wende zum 20. Jahrhundert ruft die Psychoanalyse heftige und kontroverse Reaktionen hervor. Die österreichische Sozialpsychologin Marie ­Jahoda (1907–2001) hat dieses Phänomen in den 1970er Jahren wie folgt charakterisiert: Dem Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud werde von den streitenden Parteien nachgesagt, er »sei ein Wissenschaftler oder ein Scharlatan; der Begründer einer neuen Psychologie oder ein Dichter; ein Philosoph oder ein Möchtegernphilosoph; ein Biologist oder ein Sozialdeterminist; ein Moralist oder ein Libertärer«. Im Falle der Evolutionstheorie und des historischen Materialismus, so Jahoda weiter, »gab es die Darwinisten oder die Marxisten, die den Kampf um die neuen Ideen führten«; aber die meisten Psychoanalytiker beschränkten sich weitgehend auf ihre Berufspraxis und träten nur gelegentlich Angriffen entgegen.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Während die Psychoanalyse im Laufe des 20. Jahrhunderts große Popularität erreicht und vor allem in den Geisteswissenschaften, teils auch in der Medizin Anerkennung gefunden hat, wird sie von der akademischen Psychologie nach wie vor als Außenseiterin betrachtet. Aus der Sicht des psychologischen Mainstreams, den Theodor W. Adorno als »positivistisch« kritisiert hat, besteht ihr Manko darin, dass sie ihre Erkenntnisse nicht experimentell gewinnt, sondern durch die Untersuchung und den Vergleich von Einzelfällen.

Manches an den Auseinandersetzungen um Freuds Lehre müsste den von Jahoda erwähnten Marxisten bekannt vorkommen. Auch der Geschichtsmaterialismus wird regelmäßig für unwissenschaftlich erklärt, weil sein Vorgehen und seine Befunde den vorherrschenden Lehrmeinungen widersprechen. Die Parallelen gehen aber noch weiter. Wie die Psychoanalyse, so ist auch der historische Materialismus zumindest im Hinblick auf seine Grundlagen das Produkt einer vergangenen Epoche. Wer sich intellektuell und politisch in seine Tradition stellt, muss sich fragen, welche seiner Annahmen nach wie vor richtig und welche durch die historische Entwicklung widerlegt oder außer Kraft gesetzt worden sind. Man muss also einem Dogmatismus widerstehen, der die Wahrheit allein aus den Schriften der »Gründerväter« herauslesen will und schon deshalb zum Scheitern verurteilt ist, weil die Werke der Klassiker kein schematisches System enthalten, sondern den Entwicklungsprozess einer wissenschaftlichen Theorie dokumentieren.

Sigmund Freud, geboren am 6. Mai 1856 im mährischen Freiberg, dem heute tschechischen Pribor, entstammte einer jüdischen bürgerlichen Familie und wuchs in Wien auf. Nach der Matura studierte er Medizin und spezialisierte sich anschließend auf Nervenkrankheiten. Unter anderem behandelte er spastisch gelähmte Kinder, untersuchte die anästhetischen Wirkungen des Kokains und prägte den – noch heute gebräuchlichen – Begriff der Agnosie für kortikal bedingte Schwierigkeiten, bestimmte Gegebenheiten zu erkennen, etwa die taktil erfahrbare Gestalt von Gegenständen, aber auch Gesichter, Geschwindigkeit oder die räumlichen Relationen von Straßen und Gebäuden.

Last der Erinnerungen

Unter dem Eindruck von Arbeiten der französischen Ärzte Jean-Martin Charcot (1825–1893) und Pierre Janet (1859–1947) begann Freud, sich für sogenannte Hysterien zu interessieren. Was man damals mit diesem Begriff bezeichnete, umfasst ein breites Spektrum an Phänomenen, die heute zur Diagnose einer »dissoziativen« oder »histrionischen Störung« Anlass gäben. Mit den damals konventionellen Methoden – insbesondere der »Elektrotherapie« – ließ sich keine Besserung erreichen, wie Freud bald bemerkte. Auch mit Hypnose hatte er anfangs wenig Erfolg. Dies änderte sich, als er gemeinsam mit Josef Breuer (1842–1925) an den 1895 veröffentlichten »Studien über Hysterie« arbeitete. Die Patientinnen, die im Zentrum der ersten Fallbeschreibungen standen, litten unter Schmerzen, Ausfällen oder Lähmungen, ohne dass dafür eine organische Ursache gefunden werden konnte, aber auch unter »abgespaltenen« Bewusstseinszuständen und bedrückten Stimmungen. Eine mit ihrer Hilfe gewonnene Einsicht lautete, dass sie traumatische Erinnerungen verdrängt hatten, etwa den plötzlichen Verlust geliebter Personen, erlittene Benachteiligungen aufgrund ihres Geschlechts oder sexualisierte Gewalt, die ihnen angetan worden war. Unbewusst, so die beiden Autoren, seien diese Erinnerungen weiterhin wirksam. An die Stelle unterdrückter Affekte trete das Symptom. Gelinge es den Patientinnen unter Hypnose, sich an das Trauma zu erinnern, dann milderten sich die Beschwerden oder verschwänden ganz. Da das Erinnern für die Patientinnen schmerzlich war, setzten sie ihm unbewusst Widerstand entgegen. Manche der Symptome hatten einen symbolischen Gehalt. So konnte eine schmerzende Wange für den »Schlag ins Gesicht« stehen, also für eine Beleidigung oder Enttäuschung, oder »hysterisches« Erbrechen für eine früheres Erlebnis, das Ekel hervorgerufen hatte. Freud fand solche unbewussten Symbolbildungen später auch im Zuge der 1899 veröffentlichten und auf 1900 datierten »Traumdeutung«, in der er nicht zuletzt auch eigene Träume analysierte.

Von der ersten Patientin Breuers, »Anna O.«, der späteren Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim (1859–1936), übernahm Freud einen Ausdruck für sein Verfahren und nannte es eine »Redekur«. Bald verzichtete er auf die Hypnose und ging dazu über, sich in psychotherapeutischen Sitzungen in »freier Assoziation« alle Einfälle seines Gegenübers mitteilen zu lassen. Auch weitete er seine Therapie auf neue »Störungsbilder« aus, etwa Phobien, Melancholie oder Zwangsstörungen. Bahnbrechend waren seine Bereitschaft, seinen Patientinnen und Patienten zuzuhören und daraus Schlüsse zu ziehen, sowie seine Erkenntnis, dass die Symptome einen Sinn hatten und sozialen Ursprungs waren. Scharf kritisierte er die Psychiater seiner Zeit, die »Neurotiker« als »Degenerierte« abwerteten und die Beschwerden, »wo immer es nur anging, auf somatische, anatomische oder chemische Störungsursachen« zurückführten.

Trauma und Phantasie

In einem frühen Aufsatz hatte Freud die zugespitzte These aufgestellt, dass jedem Fall von Hysterie »Erlebnisse von vorzeitiger sexueller Erfahrung« zugrunde lägen, die von Erwachsenen oder anderen Kindern initiiert worden seien. Später zog er diese These zurück und ließ sie nur für einen Teil seiner Patientinnen gelten. Andere Analysandinnen, so Freud, vermengten ihre Erinnerungen unbewusst mit sexuellen Phantasien, in denen sich libidinös gefärbte Bindungen ausdrückten. Spätere Kritikerinnen und Kritiker wie Alice Miller oder Jeffrey Masson haben Freud vorgeworfen, die eigentlich zutreffende »Verführungstheorie«, derzufolge sexueller Missbrauch die Ursache für »Hysterien« sei, aufgegeben zu haben, um gesellschaftlichen Konflikten aus dem Weg zu gehen. Gegen diese Behauptung spricht, dass Freud auch später wiederholt auf die Realität und Verbreitung sexuellen Missbrauchs hingewiesen und den Traumabegriff beibehalten hat. Allerdings enthält die Kritik doch einen realen Kern. Immerhin forderte bereits der ungarische Freud-Schüler Sandor ­Ferenczi (1873–1933) – mit Blick auf sexualisierte Gewalt gegen Kinder – eine »stärkere Beachtung des traumatischen Moments in der Pathogenese der Neurosen, der in letzter Zeit unverdient vernachlässigt wurde«.

Freud opponierte gegen die rigide Sexualmoral seiner Zeit und sah in ihr eine Ursache dafür, dass seine Patientinnen und Patienten eigene vitale Bedürfnisse verdrängten. Dies könnte ihn tatsächlich zu einer solchen Vernachlässigung bewogen haben. Ein Indiz dafür ist sein mehr als fragwürdiges Verhalten in dem 1905 publizierten »Fall Dora«. Hinter dem Pseudonym verbarg sich Ida Bauer (1882–1945), die Schwester des späteren marxistischen Theoretikers und Parteivorsitzenden der österreichischen Sozialdemokratie Otto Bauer. Die 18jährige Patientin litt unter psychosomatischen Symptomen. Sie berichtete unter anderem, dass sich vier Jahre zuvor ein Freund ihrer Eltern an sie gepresst und sie gegen ihren Willen geküsst habe. In seiner Falldarstellung interpretierte Freud ihren Ekel und das Ausbleiben einer sexuellen Empfindung als ein neurotisches Symptom. Er beging den schwerwiegenden Fehler, der jungen Frau Deutungen über ihre Sexualität aufzudrängen, ohne ihr gegenüber den sexuellen Übergriff als solchen zu benennen, zumindest lässt die Falldarstellung dies nicht erkennen. Die selbstbewusste Ida Bauer brach die Therapie ab. Das Beispiel macht deutlich, dass »Neutralität« gegenüber dem, was in der Therapie berichtet wird, nicht möglich ist. Zu Freuds Gunsten kann gesagt werden, dass er sich anderen Patientinnen und Patienten gegenüber wesentlich empathischer zeigte.

»Wo Es war, soll Ich werden«

Freud hat jedenfalls maßgeblich zur Wiederentdeckung der kindlichen Sexualität beigetragen. Diese hat stark autoerotischen Charakter und umfasst alle lustvollen Körpererfahrungen. Der »Ödipuskomplex« sollte unter anderem erklären, warum viele Kinder im Alter von vier oder fünf Jahren eine besondere Zuneigung für den gegengeschlechtlichen Elternteil empfinden und warum das Verhältnis zum gleichgeschlechtlichen Elternteil eher gespannt ist. Derartige Gefühle können demnach auf Menschen, denen man später im Leben begegnet, etwa einen Therapeuten, »übertragen« werden.

Manche Interpretationen Freuds sind durchaus fragwürdig. So scheint die »Kastrationsdrohung« damals ein gebräuchliches Mittel gewesen zu sein, um die Masturbation kleiner Jungen zu unterbinden. Daraus machte Freud eine angeblich allgemeine »Kastrationsangst«. Für einen kleinen Jungen mag es verstörend sein, den elterlichen Geschlechtsverkehr zu beobachten oder festzustellen, dass nicht alle Menschen einen Penis haben. Aber wie er das Erfahrene interpretiert und welchen Eindruck es hinterlässt, dürfte wohl auch davon abhängen, was man ihm erklärt und wie er das häusliche Zusammenleben sonst empfindet.

Freuds Darlegungen erwecken oft den Eindruck, als seien die Persönlichkeit und die Neurosen von Erwachsenen durch Kindheitserlebnisse determiniert. Manchmal nimmt er aber auch an, dass aktuelle Erlebnisse die Interpretation der früheren beeinflussen. In einem Fallbeispiel ist es etwa die repressive Moral der Gegenwart, die eine Jugendliche dazu bringt, sich für die sexuellen Spiele ihrer Kindheit zu schämen. Für Freud ist die »Neurose« der Ausdruck eines unbewältigten Konflikts zwischen uneingestandenen individuellen »Triebwünschen« einerseits und Verboten der »Kultur« andererseits. In seinem sogenannten Strukturmodell der Psyche ist das »Es« die Quelle jener »Triebwünsche«; das oft zu strenge »Über-Ich« repräsentiert die vom Individuum verinnerlichte gesellschaftliche Moral und nötigt zur Verdrängung anstößiger libidinöser oder aggressiver Impulse; das »Ich« muss zwischen den anderen beiden Instanzen vermitteln und beispielsweise den »Narzissmus«, also das Selbstwertgefühl, regulieren. Das Ziel der psychoanalytischen Therapie besteht nach Freud darin, »das Ich zu stärken, es vom Über-Ich unabhängiger zu machen, sein Wahrnehmungsfeld zu erweitern und seine Organisation auszubauen, so dass es sich neue Stücke des Es aneignen kann. Wo Es war, soll Ich werden.«

Eine gewisse Anerkennung erhielt die Psychoanalyse während des Ersten Weltkriegs durch ihre Kurzzeittherapie für traumatisierte Soldaten, da sich das oft brutale Vorgehen der Militärpsychiatrie als nutzlos erwiesen hatte. Ab den späten 1920er Jahren interessierten sich marxistische Intellektuelle, darunter Jahoda und Adorno, für den gesellschaftskritischen Gehalt der Psychoanalyse. Viele sahen in ihr eine passende Ergänzung zur marxistischen Sozialwissenschaft. Erich Fromm (1900–1980), damals Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, stellte einer »analytischen Sozialpsychologie« 1932 die Aufgabe, die »zum großen Teil unbewusste Haltung einer Gruppe« aus der »sozialökonomischen Struktur heraus zu verstehen«.

Auf »keiner Seite der Kämpfenden«?

Freud lagen solche Anwendungen seiner Lehre fern. Die Gegensätze zwischen seiner Vorstellung von Gesellschaft und derjenigen von Marx und Engels sind offensichtlich. Zwar schrieb er viel über die Kultur, aber letztlich weitete er damit seine klinisch gewonnene Theorie nur auf einen neuen Gegenstand aus. Seines Erachtens konnte diese Kultur gemäßigt reformiert, aber nicht grundsätzlich beeinflusst werden. Die Psychoanalyse sollte den Menschen mehr Freiheit geben in der Gestaltung ihres persönlichen Lebens, aber sie sollte politisch neutral sein. Eine demokratische oder gar sozialistische Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu unterstützen war nicht ihr Ziel.

Und doch blieben Freud die zunehmenden sozialen Spannungen nicht verborgen. Wenn es eine Kultur nicht darüber hinaus gebracht habe, schrieb er 1927, dass »die Befriedigung einer Anzahl von Teilnehmern die Unterdrückung einer anderen, vielleicht der Mehrzahl, zur Voraussetzung hat (…), so ist es begreiflich, dass diese Unterdrückten eine intensive Feindseligkeit gegen die Kultur entwickeln, die sie durch ihre Arbeit ermöglichen, an deren Gütern sie aber einen zu geringen Anteil haben. (…) Es braucht nicht gesagt zu werden, dass eine Kultur, welche eine so große Zahl von Teilnehmern unbefriedigt lässt und zur Auflehnung treibt, weder Aussicht hat, sich dauernd zu erhalten, noch es verdient.«

Aber es war nicht die angebliche Kulturfeindschaft der Ausgebeuteten, die die Gesellschaft bedrohte, es waren vielmehr diejenigen, die jeden Fortschritt im Sinne der Aufklärung, der Demokratie, des Sozialismus und der Frauenbewegung gewaltsam aufhalten und rückgängig machen wollten. Ab Mai 1933 begann die Christlichsoziale Partei unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß mit der Errichtung einer faschistischen Diktatur. Im Februar 1934 leisteten Arbeiter der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der verbotenen Kommunistischen Partei fünf Tage lang bewaffneten Widerstand zur Verteidigung der Republik. Die Revolte wurde unter Einsatz von Artillerie blutig niedergeschlagen. »Zweifellos«, schrieb Freud an die Dichterin Hilda Doolittle (1886–1961), »gehörten die Aufständischen dem besten Teil der Bevölkerung an, aber ihr Erfolg wäre nur sehr kurzlebig gewesen und hätte zur militärischen Invasion des Landes geführt. Außerdem waren sie Bolschewiken, und ich erwarte kein Heil vom Kommunismus. So konnten wir unsere Sympathie keiner Seite der Kämpfenden geben.«

Nachdem die einstigen Rivalen Italien und Deutschland sich verbündet und keine anderen Mächte Österreichs Unabhängigkeit garantiert hatten, marschierten im März 1938 Hitlers Armeen ein. Die Familie Freud konnte dank der Unterstützung aus dem In- und Ausland nach Großbritannien emigrieren. Zuvor aber pressten die deutschen Behörden ihr noch eine »Reichsfluchtsteuer« von 32.000 Reichsmark ab. Die Praxis und die privaten Räumlichkeiten in der Berggasse 19 nutzten die Nazis später zur Vorbereitung von Deportationen als »Judensammelwohnung«. Vier der fünf Schwestern Freuds blieben in Wien zurück, weil die Bemühungen um Einreisevisa in andere Staaten scheiterten. Sie wurden in den faschistischen Vernichtungslagern ermordet. Freud selbst starb am 23. September 1939 im Londoner Exil.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere nach »1968« erreichte die Psychoanalyse eine bis dahin nicht gekannte Popularität, zumindest unter den Angehörigen der akademisch ausgebildeten Schichten in den »westlichen« Industrienationen. Heute steht sie allerdings mit anderen klinischen Ansätzen, etwa der Verhaltenstherapie, in Konkurrenz. Die Ablehnung, die die Psychoanalyse nach wie vor erfährt, reflektiert teilweise deren eigene Widersprüchlichkeit. Freud entwickelte sie, anfangs weitgehend auf sich allein gestellt, als Work in progress und schwankte nicht selten zwischen genauer Beobachtung und kühner, manchmal zu selbstsicherer Spekulation. Freud war kein naiver Empirist. Bei der Beschreibung von Phänomenen könne man es »nicht vermeiden, gewisse abstrakte Ideen auf das Material anzuwenden, die man irgendwoher, gewiss nicht aus der neuen Erfahrung allein, herbeiholt«. Erst »nach gründlicherer Erforschung des Erscheinungsgebietes« könne man »dessen wissenschaftliche Grundbegriffe schärfer erfassen«.

Aus der Psychoanalyse sind bis heute zahlreiche und zum Teil widerstreitende tiefenpsychologische Richtungen hervorgegangen. Freud hat Abweichungen von seiner Theorie zum Teil scharf bekämpft, aber tatsächlich hat diese Vielgestaltigkeit die Verbreitung psychodynamischen Denkens gefördert. Allen wichtigen Strömungen ist gemein, dass sie die Annahmen eines Unbewussten und der Verdrängung angesichts von äußerer und innerer Not akzeptieren. Freuds großes Verdienst ist es, eine Sprache entwickelt zu haben, mit deren Hilfe sich Menschen der eigenen konflikthaften Subjektivität zuwenden und nach deren biographisch oder aktuell veranlasster Genese fragen können.

Weiterentwicklung

Der in vielen Lehrbüchern der akademischen Mainstreampsychologie pauschal erhobene Vorwurf, die Psychoanalyse sei unwissenschaftlich und empirisch nicht belegt, ist aus zwei Gründen falsch. Zum einen darf man Empirie nicht mit den Ergebnissen von Experimenten oder statistisch kontrollierten Untersuchungen gleichsetzen. Fallbeschreibungen spielen in der Medizin seit jeher eine wichtige Rolle. Die der Psychoanalyse beruhen zwar auf subjektiven Daten, aber das Kreuz in einem Fragebogen ist auch ein subjektives Faktum, nur dass hier das Individuum viel weniger Möglichkeiten hat, sich zu äußern oder seine Entscheidung zu begründen. Zum anderen wurden, beginnend noch zu Lebzeiten Freuds, zahlreiche experimentelle und Beobachtungsstudien durchgeführt, die psychoanalytische Annahmen teilweise stützen, darunter Forschungen zu Träumen, zur Verdrängung oder zur Entwicklung von Kleinkindern. Besonders hervorzuheben sind jüngere und zum Teil erfolgreiche Versuche der Neurowissenschaften, für die von Freud behaupteten psychischen Vorgänge neuronale Korrelate zu finden. Für den Nobelpreisträger Eric Kandel, der auf diesem Gebiet geforscht hat, ist die Psychoanalyse »immer noch die kohärenteste und intellektuell befriedigendste Sicht des Geistes«. Er zitiert den Philosophen Jonathan Lear mit den Worten: »Freud ist tot. Er starb 1939 nach einem außergewöhnlich produktiven und kreativen Leben. (…) Es ist wichtig, dass wir bei ihm nicht wie bei einem starren Symptom stehenbleiben und ihn weder zu einem Idol machen noch ihn diffamieren.«

Die sozialwissenschaftliche Debatte über das Verhältnis von Marxismus und Psychoanalyse scheint indessen aufgrund der derzeitigen relativen Schwäche der sozialistischen Bewegung weitgehend eingeschlafen zu sein. Aber das muss ja nicht so bleiben.

Michael Zander ist Psychologe und lebt in Berlin. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 26. Oktober 2018 über den Zusammenhang von Klassen- und Identitätspolitik.

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (24. September 2019 um 13:24 Uhr)
    Es ist mehr als unverständlich, wieso sich die große Sowjetunion, China und ganz besonders Indien nicht zur Animal-rationale-Anthropologie Spinozas entschließen konnten, die auch einschlägig religionskritisch ist, mit expliziter und detaillierter Bibelkritik und Inaugurierung der tödlichen Anthropomorphismuskritik, die sowieso das Körper-Geist-Problem zur Grundlegung der Neuro-/Psychofächer legt und sogar Staatstheorie liefert! Außerdem ist sie die Grundlage des marxistischen Strukturalismus und hätte als »Geophilosophie« (Einbettung der großen kulturellen und philosophischen Traditionen Chinas, Indiens und des Islams) die Einheit der Arbeiter-, Bauern- und Intellektuellenbewegung auf Vernunftbasis gebracht. Aber vielleicht: gerade deshalb! Es hätte die Massen ganz anders empowert – mit entsprechend wesentlich stabilerer Massenloyalität!