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Aus: Ausgabe vom 23.09.2019, Seite 11 / Feuilleton
Musikfestival

Haben Sie keine Angst?

Revolution, Melancholie und die Einsamkeit der Ingwerfelder: Eindrücke von einem Musikfestival in Südkorea
Von Asteris Kutulas
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»So göttlich«: Maria Farantouri (l.) und Mikis Theodorakis (r.) Anfang der 70er Jahre

Beim »DMZ Peace Train«-Musikfestival im südkoreanischen Cheorwon an der Grenze zu Nordkorea besuche ich eine Probe der legendären griechischen Sängerin Maria Farantouri. Sie wird am Sonntag (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe, jW) ein Konzert mit Tae Choon Jung geben, einem linken Aktivisten, der herrliche Melodien schreibt, vielleicht der Konstantin Wecker Südkoreas. Jedenfalls kennen alle hier seine Lieder.

Mitten in der Probe sieht Tae Choon Jung mich plötzlich an, hält inne, greift nach meiner Hand und sagt: »Ich träume jeden Tag von Revolution.« Und zu Maria Farantouri: »Als ich dich vor zwanzig Jahren entdeckte und diese wunderbaren Lieder von Mikis Theodorakis hörte, befiel mich immer wieder eine endlose Melancholie. Es war so schön, dass ich an Selbstmord dachte.« Die Griechin sah ihn zweifelnd an: »Wenn ich singe, denkst du an Selbstmord?« – »Ja, das ist so göttlich.«

Ich dachte in diesem Moment an die Eröffnung des DMZ-Forums vor zwei Tagen. Das Lied »Der Zug fährt um acht« ist hier in einer koreanischen Coverversion ein Megahit. Alle kennen es. Die meisten wissen nicht, dass Mikis Theodorakis es komponiert hat. Als Farantouri das Lied bei der Eröffnung in der griechischen Originalversion mit Klavierbegleitung zu singen begann, änderte sich sofort die Stimmung; das Publikum hielt den Atem an. Ein Gouverneur flüsterte mir ins Ohr: »Ich muss weinen.«

Gestern waren wir in der abgesperrten, demilitarisierten Zone. Am Checkpoint modisch gestylte, bis an die Zähne bewaffnete Soldaten mit sehr coolen Sonnenbrillen: »No photos!« Unsere Pässe wurden eingesammelt. Stacheldraht. Wachtürme. Die Regierungsvertreterin, die uns die »Visa« besorgt und vom Einfahrtstor abgeholt hatte, ist eine energische Schönheit um die 50. Sie erklärte uns, wie es sich hier leben lässt, in dieser »verbotenen« Zone, die mich an die Atmosphäre in Tarkowskis Film »Stalker« erinnerte und an DDR-Grenzschutzanlagen. Wir fuhren los. Ingwerfelder. Ein Fluss schlängelte sich durch die Hügellandschaft. Bussarde. Ein Naturreservat wie aus dem Bilderbuch.

»Haben Sie keine Angst, so dicht an der Grenze zu leben?« fragte einer. »Absolut nicht«, war die Antwort unserer Führerin. »Falls etwas passieren sollte, sind wir eigentlich zu nah, und deshalb weder von taktischem noch von strategischem Interesse.« Es ging in ein Dorf mit malerischen Häusern. »In der Zone gibt es drei Dörfer: unseres mit 60 Familien, ein anderes mit 40 Familien, wo Militärangehörige wohnen, und das größte mit 150 Familien. Da ist auch die Schule. Früher, während der Kriegshandlungen, hatten alle die Zone verlassen müssen. Nach einer langwierigen Auseinandersetzung mit der Regierung konnten diejenigen zurückkehren, die hier geboren worden waren, Landeigentum besaßen und genügend Geld zum Hausbau hatten. Die Regierung übernahm die Kosten für die gesamte Infrastruktur, für die Verlegung von Strom- und Wasserleitungen und so weiter.« »Wie ist das, hier zu wohnen?« frage ich. »Sehr schön. Ruhig. Alles sicher. Alle sind hier sehr glücklich.« – »Trotz des Stacheldrahts?« Sie lächelte: »Wir sind ja frei.«

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