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Aus: Ausgabe vom 23.09.2019, Seite 11 / Feuilleton
Rock

Du bist nicht allein

Es ist okay, ihn zu dissen. Schlauer wäre, seine Musik zu hören. Bruce Springsteen zum 70.
Von Michael Merz
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Auf Ochsentour durch die Bars und Klubs der US-Ostküste: Bruce Springsteen Mitte der 70er Jahre

Wer Bruce Springsteens Musik hört und sich auch noch dazu bekennt, darf nicht davon ausgehen, zu den Coolen gezählt zu werden. Erst kürzlich sah sich wieder eine Radiomoderatorin gezwungen, ihrer Abneigung Ausdruck zu verleihen: Auf diese Art von Songs habe sie ja noch nie gestanden, und sie sei ja eher der Madonna-Fraktion zuzurechnen. Springsteen-Fans brauchen ein dickes Fell. Madonna ist nun wirklich, besonders live, ein Inbegriff des Grauens.

Aktuell läuft im Kino die Coming-of-Age-Tragikomödie »Blinded by the Light«. Handlung: Der pakistanischstämmige Teenager Javed findet in der britischen Arbeiterstadt Luton des Jahres 1987 zu sich selbst, zeigt allen Poppern und Skinheads den Mittelfinger. Er verwirklicht seinen Traum, Schriftsteller zu werden. Und die Musik Springsteens ist sein Motor. Javed stellt sich mit seiner Vorliebe für dessen 70er-Jahre-Rockhymnen gegen alle Trends, und schließlich klappt es sogar mit den Mädchen.

Heute wird Springsteen 70 Jahre alt. Gerade hat er ein neues Soloalbum veröffentlicht. Das muss man nicht unbedingt kaufen, es ist im Gesamtwerk eher zu vernachlässigen. Zumindest füllt es für beinharte Fans die Lücke bis zur nächsten Tour mit der E Street Band, nächstes Jahr soll es angeblich soweit sein. Bei allem Auf und Ab seiner Albumveröffentlichungen, allen Ins und Outs in der Musikbranche sind es seit Ende der 60er Jahre die Livekonzerte, die Springsteen stets über sich hinauswachsen lassen. Einmal erlebt, kommt man nicht mehr davon los: eine Feier der Größe des Rock ’n’ Roll und der Chancen, die er für jeden von uns bereithält – unfassbar energetisch und unerbittlich lang. Bis auch die letzte Reihe aufgesprungen ist und mitgeht. Auf den Bühnen dieser Welt stehen glücklicherweise immer noch einige große Bands und Künstler, die glaubwürdig und authentisch den Rock zelebrieren – von Pearl Jam bis zu den Foo Fighters. Springsteen legt im Vergleich zu ihnen immer noch eine Schippe drauf.

Es ist die Ochsentour durch die Bars und Clubs der US-Ostküste, die den am 23. September 1949 in Long Branch, New Jersey, Geborenen formen. Die Skyline Manhattans in Sichtweite, tritt er gegen die Arroganz der dortigen Großstadtszene an und hat angesichts umjubelter Kellergigs letztlich leichtes Spiel. Dann entdeckt ihn CBS-Guru John Hammond, er wird zunächst zum neuen Dylan erklärt, kann mit seinen ersten beiden Alben die hochgesteckten Verkaufserwartungen aber nicht erfüllen. Springsteen experimentiert mit Texten, die er auf dem Weg zum Studio im Taxi schreibt, leichtfüßigen Arrangements von Hard Rock bis Jazz und dringt zielsicher zum Kern seiner Musik vor. Das sind die Geschichten von den Terrys, Wendys und Bobby Jeans, deren Selbstbehauptung und finalem Ausbrechen aus den Konventionen. Zum Erfolg verdonnert, installiert Springsteen ein strenges Bandregime, treibt kompromisslos das dritte Album »Born to Run« voran. Allein die Aufnahme des Titelsongs dauert sechs Monate. Die Endlosfrickelei macht sich bezahlt und ihn 1975 zum Superstar.

Darauffolgende Werke gehen in die Annalen der Rockmusik ein: »Darkness on the Edge of Town«, »The River« und schließlich »Born in the U. S. A.«, das Überalbum. Springsteens politisches Engagement ist über die Jahre nicht nur ein unbestimmt lyrisches Hochhalten der Arbeiterklasse. 1979 tritt er etwa beim »No Nukes«-Festival gegen Atomkraft und -waffen an, 1985 beim »Sun City«-Projekt gegen die Apartheid in Südafrika, 2001 mit »American Skin (41 Shots)« gegen rassistische Polizeigewalt oder 2012 für Occupy Wall Street. Von Präsidentschaftskandidaten der Democratic Party lässt er sich immer wieder einlullen, das steht auf einem anderen Blatt.

Das Image Springsteens als Fels in der Brandung, des durch nichts zu Erschütternden, damit räumt er höchstselbst 2016 in seiner Autobiographie auf. Seit 30 Jahren sei er von schweren Depressionsschüben und Panikattacken geplagt, Musik das einzige Mittel, dem beizukommen. Eine therapeutische Wirkung, die seine Anhänger wohl nicht bestreiten werden. Wenn alles drum herum kollabiert, kein Ausweg darauf wartet, beschritten zu werden, dann gibt es da immer einen Springsteen-Song. Man lässt sich reinziehen, fühlt sich verstanden, zieht Kraft raus.

Und manchmal ist es sogar so, dass der gemeine Fan auf Gleichgesinnte trifft. Im Film »Blinded by the Light« steht der britische Teenager Javed irgendwann auf dem Newark-Airport vor einem grimmig-bulligen Beamten der U. S. Immigration. Er möchte die Heimatstadt von Springsteen besuchen, lässt er kleinlaut wissen. »I can’t think of a better reason to visit the United States than to see the home of The Boss« (Ich wüsste keinen besseren Grund, die Vereinigten Staaten zu besuchen, als die Heimat von »The Boss« sehen zu wollen), donnert ihm die Antwort entgegen, und zack hat er das Visum im Pass.

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