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Aus: Ausgabe vom 23.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Reden ist Silber

»Streifen freie Fenster«

Von Gerhard Henschel
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»Fünftausend« mehr, es geht voran!

»Epsteins Sex-Sklavin floh durch Hai verseuchtes Gewässer«, titelt frohgelaunt Bild und führt im zweiten Absatz Näheres dazu aus: »Die in Südafrika geborene Schottin Sarah Ransom erhebt neue Vorwürfe und ging mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit: Es geht um zahlreiche Vergewaltigungen und einen Fluchtversuch von der Privatinsel des Milliardärs durch Hai verseuchtes Karibikwasser.«

Die Ursache für die Verwandlung des haiverseuchten Gewässers in »Hai verseuchtes Gewässer« ist wahrscheinlich in dem Wirrwarr zu suchen, das die Rechtschreibreform, die Reform der Rechtschreibreform und die Reform der Reform der Rechtschreibreform in den Köpfen hinterlassen haben. Auf der Website Fehler-Haft.de hat jemand ähnliche Klöpse aufgelistet: »Prostituierte und Freier im Whirlpool, beim Champagner trinken« (Süddeutsche Zeitung), »Es ist zum Mäuse melken« (Spiegel online), »Dadurch hat die Steuerleitung des Sitzairbags vielleicht ein paar Ohm zu viel, was sich durch einfaches auseinander- und wieder zusammenstecken bessert« (Zeit online), »Bald soll es die süße Limonade aus der Kapsel zum selber brauen geben« (Berliner Zeitung). Man wird aber auch leicht fündig, wenn man sich selbst auf die Suche nach getrennt geschriebenen Wörter begibt, die nach alter Väter Sitte zusammengehört hätten: Bei Amazon gibt es »Abzieher mit Silikonlippe für Streifen freie Fenster«, in Stephan Küttners Roman »Unterm Maulbeerbaum« stehen »zwei Paar Schmutz verkrustete Schuhe« herum, die Düsseldorfer Verbraucherzentrale erläutert, wie man »privat kranken versichert bleiben« kann, in seinem Werk »Asymmetrische Künstlerpaare« sagt Hanns Sedlmayr Billie Holiday nach, sie sei »Heroin abhängig« gewesen, laut Tripadvisor.de kann man in einem Restaurant in Los Angeles »eine Käse gefüllte Pizza« bestellen, und die Westdeutsche Zeitung weiß mitzuteilen: »Wollte Wilhelm Grimm sein ›Rotkäppchen‹ heutzutage den Bundestag passieren lassen, würde aus der scheuen Magd eine Alkohol kranke Hartz-IV-Empfängerin (…).«

Einen Rekord in der Disziplin des Wörterzerhackens hat Spiegel online bereits 2007 aufgestellt: »Während der Geiselhaft war der Zucker kranke Rüdiger D. zusammen gebrochen.« Und ein Ende dieser Hirn verbrannten, Nichts nutzigen Getrennt Schreibungs Mode ist nicht ab zu sehen. Das glauben Sie nicht? Dann lesen Sie, was das Musikportal Laut.de über den Solokünstler Marcus Miller schreibt – er habe schon mehr als 600 Werke geschaffen: »Und ein Ende ist nicht ab zu sehen.«

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