Gegründet 1947 Donnerstag, 17. Oktober 2019, Nr. 241
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 23.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Ästhetik der Unterbietung

Ein ungeheurer Sog: Thomas Heises neuer Essayfilm »Heimat ist ein Raum aus Zeit«
Von Hannes Klug
S 10.jpg
»Die Bilder sind nicht aufgeräumt«

»Im Kriege wird der Mensch zum Tier.« Die Zeile stammt aus dem »achten häuslichen Aufsatz« von Wilhelm Heise, dem Großvater des Filmemachers Thomas Heise. Er schrieb sie im Alter von 14 Jahren am 9. März 1912, also noch vor dem Ersten Weltkrieg. Sie wird in Heises neuem Film eingesprochen, dazu sieht man Porträts des Verfassers, stehend in Jackett und steifem Kragen, dann als Sanitäter im Krieg, im Gestrüpp neben einem Bahngleis, mit Rotem Kreuz auf der Armbinde. So eröffnet Heise seinen epischen Dokumentarfilm »Heimat ist ein Raum aus Zeit«. Anhand der Geschichte seiner Familie vermisst er in mehr als dreieinhalb Stunden ein Jahrhundert, markiert auch Brüche und Leerstellen. Dabei entsteht ein ungeheurer Sog.

Man muss genau hinsehen und zuhören, was viel Konzentration erfordert. Die Texte spricht der Regisseur alle selbst – das kann verwirren, weil etwa männliche und weibliche Stimmen nicht unterscheidbar sind, spielt aber keine Rolle für die Fragen nach der »Heimat«, nach dem Hier und Jetzt, die der Film stellt. Er könnte nicht kleiner und zugleich nicht größer sein – ein radikal persönliches Dokument, in dem das Kollektive durch das Subjektive hindurchscheint und jede noch so private Aussage immer schon vom Politischen angesteckt ist.

Dieses konsequent nüchterne und sehr indirekt melancholische Werk schleust die Zeit in einen Heimatbegriff zurück, der gemeinhin territorial gefasst wird. Heise folgt dem brüchigen, vergilbten Papier in Kladden und Briefumschlägen, dem Staub in Kartons, die unter dem Bett lagerten, flüchtigen Abschieden an Türen. Verblasste Linien aus Tinte oder Bleistift winden sich durch die Zeit. Karge Bilder entfalten ungeheure Wirkung. Exemplarisch ist eine Passage, in der Deportationslisten mit Namen jüdischer Familien über die Leinwand laufen, wobei eine kaum erträgliche Spannung entsteht. Zunächst heiratet Wilhelm Heise in der Familienchronik Edith Hirschhorn, eine Wiener Jüdin, deren Eltern den Schwiegersohn »aufs wärmste in der Familie willkommen« heißen. Bald ziehen dann Namen von Wiener Deportierten vor unseren Augen vorbei, während wir zunehmend verzweifelte Briefe der Familie Hirschhorn vorgetragen bekommen – »Die Polensache nimmt leider konkretere Formen an«, heißt es an einer Stelle. Bangend warten wir darauf, in den Listen ihre Namen zu lesen. Selten wurde »Suspense« beklemmender inszeniert.

Die Nachkriegsjahre beginnen, die nächste Generation tritt auf. Nach viel Schwarzweiß schließt ein Farbbild dieses zweite Kapitel ab, das zwei Jungen in kurzen Hosen zeigt: Thomas Heise, acht Jahre alt, steht trotzig neben seinem Bruder Andreas vor einer Hecke aus Blumen: »Was mir sehr auffiel: wie umsichtig und ruhig sich Ihre beiden Knaben verprügelten«, heißt es dazu in einem Brief aus dem Jahr 1963. Das dritte Kapitel beginnt mit dem Bild eines umgepflügten Ackers und einer Erinnerung von Christa Wolf. Jetzt folgen wir Rosemarie und Wolfgang Heise, Wolf Biermann, Heiner Müller und der »Tragödie« des Sozialismus. Wir sehen Aufnahmen verschneiter Landschaften, Holzlatten stehen herum, es gibt nichtssagende Hügel aus aufgeschütteter Erde, Sand oder ausgerissenem Wurzelwerk. Die Bilder sind nicht aufgeräumt, oft treten Fenster oder Glasscheiben zwischen den Betrachter und die abgebildete Szenerie, wobei die Kamera die Scheiben, die den Blick versperren, oder die Regentropfen am Heck einer Wiener Straßenbahn, hinter denen die Stadt sich auflöst, in den Fokus nimmt. Die Bilder öffnen oder schließen Räume, schweifen über Orte des Durchgangs, und wenn sie die Möglichkeit eines Aufenthalts andeuten, hängt ein Rolladen schief im Fenster, während aus dem anderen traurig ein verirrter Schneemann herausschaut wie im »Trinkparadies« in irgendeiner Bahnhofstraße.

Windräder werfen Schatten, die über Bäume ziehen wie düstere Gedanken. Häuser stehen leer, die Fenster ausgeschlagen, die Höhlen schartig. Menschenleer sind diese Welten. Die Menschen, um die es im Film geht, fehlen. Es gibt Leitmotive, die wiederkehren: Bahnhöfe gehören dazu, Güterzüge, die sich durchs Bild schieben, brandenburgische Felder. Ausnahmslos sind sie unspektakulär in Szene gesetzt, folgen fast einer Ästhetik der Unterbietung, so wie die Lebenslinien sich jeglichem Symbolismus verweigern. Das Rattern der Zugräder, die Schreie der Vögel bleiben dabei auch unter den Texten geisterhaft im Hintergrund präsent.

Sein eigenes Werk, sein eigenes Leben holen Thomas Heise ein, Aufnahmen vom Bahnhof Ostkreuz, dann der Tod seiner Mutter: »Ich müsste in Rosis nach meiner Katze stinkenden Wohnung drehen – die verteilten Trümmer, die Zettel, den Dreck.« Doch das tut er nicht, sondern verweigert die illus­trative, das Textgeschehen erläuternde Schau. Statt dessen geht der Blick der Kamera von Rosemarie Heises Balkon an der Schönhauser Allee hinunter auf die Gleise der Hochbahn. Es ist Nacht, während ein von innen heraus leuchtender Zug vorbeifährt. Ganz unten gehen ein paar Passanten den dunklen Gehweg entlang.

»Heimat ist ein Raum aus Zeit«, Regie: Thomas Heise, BRD/Österreich 2019, 218 min, Kinostart: 26.9.

Mehr aus: Feuilleton