Gegründet 1947 Sa. / So., 19. / 20. Oktober 2019, Nr. 243
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 23.09.2019, Seite 5 / Inland
Rezession

Bescheidene Reallohnsteigerung

Höhere Kaufkraft soll nach jahrzehntelanger Lohnzurückhaltung Binnennachfrage stärken
Von Steffen Stierle
Inflation_im_Juli_62302365.jpg
Das Statistikamt bezeichnet den privaten Konsum im Inland als »wichtige Stütze der deutschen Konjunktur«

Die Reallöhne in Deutschland sind im zweiten Quartal dieses Jahres moderat um 1,3 Prozent gewachsen, wie das Bundesamt für Statistik am Freitag in Wiesbaden mitteilte. Im ersten Quartal legten die Löhne abzüglich der Inflation um 1,2 Prozent zu. Die Nominallöhne sind den Angaben der Statistiker zufolge im vergangenen Quartal um drei Prozent gestiegen. Um den Reallohn zu ermitteln, muss allerdings die Inflationsrate abgezogen werden. Diese betrug 1,6 Prozent.

Doch die Löhne wuchsen nicht allen Branchen in gleichem Maße. Überdurchschnittlich stark stiegen die Nominallöhne nach Angaben der Statistiker etwa in der öffentlichen Verwaltung (plus 5,9 Prozent), im Grundstücks- und Wohnungswesen (plus 4,7 Prozent), im Baugewerbe sowie im Bereich Erziehung und Unterricht (jeweils plus 4,2 Prozent). Deutlich geringere Zuwächse als im Durchschnitt gab es im Bereich Verkehr und Lagerei (plus 0,3 Prozent) und im verarbeitenden Gewerbe (plus 0,7 Prozent).

Damit setzt sich bei der Lohnentwicklung der Trend der vergangenen Jahre fort. Zwar haben die Beschäftigten Jahr für Jahr etwas mehr Geld in der Tasche, doch dieser Zuwachs kam in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs. Von diesem kam nur ein kleiner Teil bei jenen an, die den Wohlstand erwirtschaften. Damit die Arbeiter stärker vom Gesamtwohlstand profitieren, reicht es nicht, dass die Löhne stärker als die Inflation steigen. Auch die Produktivitätszuwächse müssen von der Lohnentwicklung ausgeglichen werden. Berücksichtigt man diese in den Berechnungen, ging der Aufschwung weitgehend an den Menschen vorbei. Profitiert haben vor allem die Unternehmen und ihre Eigentümer.

Mittlerweile ist der Aufschwung Vergangenheit. Deutschland steht am Rande der Rezession. Um den Abschwung abzufedern, wären kräftige Lohnzuwächse hilfreich. Schließlich ist es vor allem die Binnennachfrage, die die BRD bislang vor schlimmerem bewahrt. Das Statistikamt bezeichnet den privaten Konsum im Inland als »wichtige Stütze der deutschen Konjunktur«. Die Exportmärkte brechen angesichts des globalen Abschwungs, der Handelskonflikte und der Folgen der neoliberalen Kürzungspolitik in der EU längst ein. Exportabhängige Industriesektoren wie die Automobilindustrie und der Maschinenbau leiden seit Monaten unter rückläufigen Auftragsvolumen.

Dass die moderaten Lohnsteigerungen der vergangenen Jahren bei weitem nicht ausreichen, die vorangegangene jahrzehntelange Lohnzurückhaltung auszugleichen, zeigt sich auch daran, dass die Exportabhängigkeit Deutschlands sich kaum reduziert hat. Weiterhin liegt der Exportüberschuss deutlich oberhalb der sechs Prozent des Bruttoinlandprodukts, die in der EU eigentlich zulässig sind. Die Kommission, eigentlich eine Freundin kleiner Löhne, fordert daher seit Jahren kräftigere Einkommenszuwächse. Allein die Machtstellung des größten Mitgliedsstaates bewahrte Berlin bislang vor Strafverfahren.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • In die Röhre gucken, nicht in die Lohn-Preis-Spirale (Arbeiter i...
    17.07.2019

    Verbreiteter Mumpitz

    Hohe Arbeitskosten behindern den Wettbewerb, höhere Einkommen verteuern die Ware. So lauten die Phrasen der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaften. Über den Profit wird dabei nicht gesprochen. Zum Märchen von der Lohn-Preis-Spirale