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Aus: Ausgabe vom 23.09.2019, Seite 2 / Ausland
Labour-Parteitag

»Brexit«-Streit in Brighton

Labour-Parteitag beginnt mit Flügelkämpfen
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»Einen Tory-Brexit kann man mit einem Labour-Brexit nicht verhindern«, steht auf dem Schild: Jeremy Corbyn nach einem Interview mit der BBC im Seebad Brighton (22.9.2019)

Mit Appellen zur Geschlossenheit und einem offen ausgetragenen Flügelstreit hat im südenglischen Brighton am Sonnabend der fünftägige Parteitag der britischen Sozialdemokraten begonnen. Labour-Chef Jeremy Corbyn mahnte seine Partei zur Einigkeit: »Ich möchte, dass wir zusammenfinden«, sagte er dem Sunday Mirror. Auch Generalsekretärin Jennifer Formby rief die Delegierten am Wochenende auf, Differenzen beizulegen. Statt dessen müsse die größte britische Oppositionspartei sich »zu 100 Prozent darauf fokussieren«, die konservativen Tories bei kommenden Wahlen zu besiegen, sagte sie.

Der Streit um die Linie beim Thema »Brexit« sorgt bei Labour unterdessen weiter für Konflikte. Die 1.200 Delegierten wollen am Montag darüber abstimmen, wie die Partei sich künftig zum geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU verhalten soll. Während sich ein großer Teil des Führungszirkels in der Parlamentsfraktion klar für eine Abkehr vom »Brexit« einsetzt, will sich Parteichef Corbyn weiterhin nicht festlegen. »Wir werden unsere Pläne darlegen, um die Brexit-Krise zu beenden«, schrieb er auf Twitter. In einem Gastbeitrag in der vergangenen Woche im Guardian stellte er in Aussicht, er werde sich für ein Referendum einsetzen, bei dem die Bevölkerung zwischen einem »glaubwürdigen Austritt« – einschließlich einer Zollunion mit der EU – und einem Verbleib in der EU entscheiden könne. Der BBC sagte Corbyn, er rechne trotz schlechter Umfragewerte mit einem Labour-Sieg bei Wahlen. Seine Rede wird für Mittwoch erwartet.

Für Aufregung sorgte gleich zu Beginn ein – dann zurückgezogener – Antrag von Vertretern des linken Flügels, den Posten des Parteivize abzuschaffen. Diesen hat Thomas Watson inne, ein »Gemäßigter«, der Corbyn offen wegen dessen »Brexit«-Kurses kritisiert. Der Antrag wurde als Versuch gewertet, den 52jährigen auszubooten. Watson beklagte, das Ziel der Einigkeit sei bereits zum Auftakt des Parteitages untergraben worden: »Wir hatten einen schlechten Start.« Corbyn sagte, er stehe zu Watson – er wolle nun aber die Schaffung von zwei Vizeposten, einer davon solle an eine Frau gehen.

Bei dem Parteitag in Brighton geht es aber auch um ein breites Spektrum von Themen, etwa um die Vier-Tage-Woche mit vollem Lohnausgleich, die Abschaffung von Privatschulen und verstärkten Klimaschutz. (dpa/Reuters/AFP/jW)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Claudio Coladangelo: »Brexit« ohne »Brentry«? Vielleicht ist diese ganze Debatte und mediale Überflutung unserer Aufmerksamkeit über diesen angeblichen »Brexit« einfach nur guter alter »Black British Humor«? Oder habe ich etwas verpasst? Wann ist...

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