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Aus: Ausgabe vom 23.09.2019, Seite 1 / Kapital & Arbeit
Energieversorgung

Strom so teuer wie noch nie

Preise steigen seit Deregulierung des Marktes rasant – aber Ökostrom ist nicht der Grund
Von Efthymis Angeloudis
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Es sind nicht die Windräder, die den »liberalisierten« Strom verteuern (Teutschenthal, Sachsen-Anhalt, 12.9.2019)

Die 1998 in Kraft getretene, als Liberalisierung angepriesene Deregulierung des Energiemarkts sollte Strom günstiger, sauberer, besser machen. 21 Jahre danach ist Strom in Deutschland so teuer wie nie zuvor. Nach Berechnungen der Bundesnetzagentur müssen Privathaushalte erstmals im Durchschnitt mehr als 30 Cent pro Kilowattstunde bezahlen. Für den Stichtag 1. April ermittelte die Behörde einen Durchschnittspreis von 30,85 Cent je Kilowattstunde, wie aus dem Monitoringbericht der Bundesnetzagentur hervorgeht, der der Deutschen Presseagentur vorliegt.

Seit dem Jahr 2000 hat sich der Strompreis in Deutschland mehr als verdoppelt. 2019 ist der Preisanstieg um 3,3 Prozent einer der stärksten seit Jahren. Preistreiber waren laut Netzagentur die von den Lieferanten beeinflussbaren Kosten, die etwa ein Viertel des gesamten Strompreises ausmachen. Auf den Stromrechnungen stieg der Anteil für Beschaffung, Vertrieb und die Handelsspanne der Versorger um 0,91 Cent auf 7,61 Cent je Kilowattstunde. Das ist ein Plus von rund 13,6 Prozent.

Verbraucherschützer kritisieren, dass die Lieferanten Verteuerungen an der Strombörse deutlich schneller weitergeben als fallende Preise. Dadurch wird auch weitenteils die These widerlegt, dass Ökostrom allein am Höhenflug der Stromkosten schuld sei. Der Kostenanstieg bei fossilen Energieträgern, der Wegfall der staatlichen Preisaufsicht und die Steuerbelastung sind weitere Faktoren. Aber auch die Kraft-Wärme-Kopplung, eine gesonderte Umlage, mit der große Stromkunden entlastet werden, oder eine Umlage für abschaltbare Lasten, mit der Unternehmen entschädigt werden, die bereit sind, sich bei hohem Strombedarf zeitweise vom Netz nehmen zu lassen, müssen vom privaten Stromverbraucher gezahlt werden.

Auch Gas wurde erstmals seit 2014 für Haushaltskunden teurer. Der Durchschnittspreis je Kilowattstunde stieg um fast 4,5 Prozent auf 6,34 Cent. Und es könnte noch weiter nach oben gehen. Nach Angaben des Vergleichsportals Verivox haben bereits 40 örtliche Gasversorger für September, Oktober und November Preiserhöhungen angekündigt.

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