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Dienstwagenprivileg

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Die Neo- und sonstigen Liberalen haben schon recht, wenn sie behaupten, man könne über höhere Preise für Benzin, Diesel usw. den umweltschädlichen Verbrauch dieser Sachen ein wenig verringern. Der Flugverkehr hat auch deshalb so überdimensional zugenommen, weil Flugbenzin verglichen mit dem Treibstoff für andere Fortbewegungsmittel mangels Besteuerung seit Jahrzehnten sensationell billig ist. Man könnte das anders regeln und die Förderung der größten Umweltschädlinge im Verkehr beenden. Aber man tut es nicht, weil man es nicht will.

Nun wird immer noch viel weniger geflogen als Auto gefahren. Aber auch dabei wirken bisherige Steuerregeln so, dass sie die größten Umweltschädlinge begünstigen. Gemeint sind die großen Karossen auf den Straßen, einschließlich der absurden SUVs, die am meisten Platz und vor allem am meisten CO2-Ausstoß pro Personenkilometer beanspruchen. Die steuerliche Regelung heißt »Dienstwagen«. Jens Berger hat in den Nachdenkseiten vom 16.9.19 die Funktionsweise und Wirkung dieses »Dienstwagenprivilegs« zusammengefasst. Hier eine verkürzte Wiedergabe: Unternehmen stellen dem gehobeneren Teil ihrer Angestellten oder Miteigentümern Dienstwagen zur freien, auch privaten Verfügung, manchmal gekauft, meist geleast. Die Kosten setzt das Unternehmen als Betriebskosten voll von der Steuer ab, einschließlich Versicherung, Reparaturen, Spritverbrauch etc. Die privilegierten Autonutzer müssen dafür ein Prozent des Listenpreises als »Lohneinkommen« versteuern. Kostet so ein hübsches Auto etwa 100.000 Euro, decken zum Beispiel bei einem Steuersatz von 30 Prozent 300 Euro im Monat seinen kompletten Unterhalt ab.

Da der Treibstoff komplett vom Unternehmen bezahlt wird, haben die Dienstwagennutzer keinerlei Anreiz, wenig verbrauchende Fahrzeuge zu nutzen oder gar mit der Bahn zu fahren. Der Preis kann auch locker hoch sein, weil nur ein geringer Teil bei ihnen anfällt. Weil die Unternehmen alle Kosten komplett vom zu versteuernden Gewinn absetzen, sind ihnen teure Karossen ganz lieb. Das Ergebnis ist der Absatzboom bei Luxusfahrzeugen in der Preisklasse über 100.000 Euro, in den letzten Jahren vor allem von SUVs. Berger nennt Zahlen aus der Zulassungsstatistik. Danach beträgt der Anteil gewerblicher Kunden bei neu zugelassenen Audi Q7 76,8 Prozent, bei BMW X5 77,3 Prozent, beim Porsche Cayenne 76,5 Prozent und beim VW Touareg 86,2 Prozent. Aber auch bei den relativ einfachen Mittelklassewagen wird der Neuwagenabsatz von Dienstwagen dominiert.

Das Dienstwagenprivileg stellt eine systematische Förderung CO2-intensiver Autos dar. Es nutzt den Unternehmen und den besser gestellten Lohnabhängigen (die damit auch systematisch bestochen werden). Es nutzt vor allem der Autoindustrie, deren Erfolg ganz erheblich auf dem durch das Dienstwagenprivileg im Heimatmarkt geförderten Luxussegment beruht. Das Privileg abzuschaffen ist ein notwendiger Schritt zur nachhaltigen Reduktion des CO2-Ausstoßes, der nicht den wirtschaftlich Schwachen schadet.

Gerade deshalb wird daraus nichts werden.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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