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Aus: Ausgabe vom 20.09.2019, Seite 8 / Ansichten

Fast-Kaiser des Tages: Winfried Kretschmann

Von Arnold Schölzel
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Es wäre schön, er würde mal gegenüber den Autobauern im Ländle auf den Putz hauen: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne)

Am 2. September war einst »Sedantag«: 1870 hatte an diesem Datum Frankreich kapituliert. Das Deutsche Reich entstand und dessen Propaganda nötigte den angeblichen Siegesspruch Kaiser Wilhelms I. (damals 73), »Welch Wendung durch Gottes Führung«, für Jahrzehnte den Untertanen auf. Winfried Kretschmann (71, Bündnis 90/Die Grünen), seit 2011 Ministerpräsident von Baden-Württemberg, wird voraussichtlich nicht Kaiser, obwohl: Er soll vor drei Jahren als Nachfolger des düsteren Kriegs- und Aktenpfaffen Joachim »mehr Verantwortung« Gauck im Gespräch gewesen sein. Passend wär’s. Denn eine Wendung, die nur durch übernatürlichen Beistand erklärbar ist, hat Kretschmann mehrfach hinbekommen. Erster Regierungschef seiner Partei 2011, die 2016 stärkste im »Ländle« wurde, und jetzt das: Fast am Sedantag teilte er seinem Wahlvolk mit, dass er 2021 zum dritten Mal anzutreten geruhe. Am Donnerstag brachen daraufhin alle Meinungsforschungsdämme. Infratest-Dimap ermittelte bundesweit bislang unerreichte 38 Prozent für seine Landespartei. Die CDU, die vor 2011 diktatorisch die Vetterleswirtschaft führte, bei 26 Prozent, AfD bei zwölf, SPD acht, Die Linke drei – ein Schlachtfeld. Kretschmanns Rezept: Die »biodynamische« Gewaltfreiheit seiner Partei noch weniger ernst nehmen als Joseph Fischer, also Daimler, Porsche, Bosch etc. pampern, die Stuttgarter Luft verpesten lassen bis zum gerichtlichen Gehtnichtmehr, im Bundesrat für schnellere Abschiebungen stimmen und als theoretischer Konfusionsrat wie früher im Kommunistischen Bund Westdeutschland in einem Buch offenbaren: »Nachhaltig ist das neue Konservativ.« So wurden Die Grünen zur heute wildesten Kriegspartei und die AfD überflüssig. Der Kretschmann-Effekt ist der des Grundgesetzes: Das verbietet angeblich auch Angriffskriege. Wem die heutige Reichspropaganda die Untertanen so zujubeln lässt wie dem Kretschmann, der muss Kaisers Nachfolger werden.

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