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Aus: Ausgabe vom 20.09.2019, Seite 5 / Inland
Polarisierung

Mehr Geld für wenige

»Global Wealth Report«: Geldvermögen sinken weltweit. Wachstum in Deutschland
Von Dieter Schubert
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Görlitz: Auch eine Stadtansicht kann die Kluft zwischen Reichtum und Geldmangel symbolisieren

Eine geläufige Behauptung lautet: Deutschland ist ein reiches Land. Wenn auch mit Einschränkungen, stimmen dem die Autoren des am Mittwoch vorgelegten »Allianz Global Wealth Report« (Weltreichtumsbericht) zu. Demnach ist das Geldvermögen »der Deutschen« im vergangenen Jahr gestiegen. Entgegen dem internationalen Trend.

Laut Bericht stieg das Nettogeldvermögen hierzulande rein statistisch pro Kopf 2018 um 1,6 Prozent auf 52.860 Euro. Damit rangiert die Bundesrepublik in der Liste der 20 reichsten Länder unverändert nur auf dem 18. Platz. Allein in der EU wird der »Exportchampion« BRD dabei von den Niederlanden, Schweden, Belgien, Dänemark, Großbritannien, Frankreich, Österreich und Italien abgehängt. Auf Platz eins der Liste stehen laut dem vom Finanzkonzern Allianz SE lancierten Report die USA mit umgerechnet 184.410 Euro pro Kopf, gefolgt von der Schweiz (173.840 Euro) und Singapur (100.370 Euro).

In der Studie wurden die Geldvermögen und die Verschuldung der privaten Haushalte in 53 Ländern (die laut Allianz 91 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und 68 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren) analysiert. Für das vergangene Jahr wurde ein alarmistische wirkendes Fazit gezogen. 2018 seien die Geldvermögen in Industrie- und Schwellenländern gleichzeitig zurückgegangen. Dies sei selbst auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 nicht der Fall gewesen.

Weltweit betrachtet sanken die »Bruttogeldvermögen« der privaten Haushalte, also Vermögen eingerechnet der Schulden, um 0,1 Prozent und stagnierten bei 172,5 Billionen Euro. Die Studienautoren machen dafür vor allem die zunehmende Unsicherheit angesichts geopolitischer Spannungen, des Handelskonflikts zwischen den USA und China und der »endlosen ›Brexit-Saga‹« verantwortlich.

Die Vertreter der neoliberale Globalisierung haben empfindliche Rückschläge einstecken müssen. Der »robuste« Einsatz der US-Regierung für ein aus ihrer Sicht besseres Handelsregime hat Regulierungsgremien wie die Welthandelsorganisation WTO zu Statisten gemacht. »Die Demontage der regelbasierten globalen Ordnung ist Gift für den Vermögensaufbau«, kommentierte Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise denn auch die Lage. Handel sei kein Nullsummenspiel. »Entweder gewinnen alle – wie in der Vergangenheit –, oder es verlieren alle – wie im letzten Jahr.« Gewiss gibt es dennoch den einen oder anderen Superreichen, der noch reicher geworden ist.

Deutschland steht zwar in der Liga der Reichtumschampions eher auf einem Abstiegsplatz. Aber dessen Milliardäre und Multimillionäre müssen nicht in Sorge sein: Denn das Land steht auch beispielhaft für eine immer stärkere Polarisierung zwischen großem Reichtum einiger weniger und Kargheit, womöglich Elend auf der anderen Seite. Das versucht man im Bericht ein wenig zu verschleiern, wenn es heißt, die Entwicklung in Deutschland hebe sich vom globalen Trend vor allem wegen des robusten Arbeitsmarkts und der daraus resultierenden steigenden Beschäftigung und der höheren Löhne ab. Doch der ermittelte »Gini-Koeffizient« erzählt eine andere Geschichte.

Das ist ein vom gleichnamigen italienischen Statistiker entwickeltes Maß zur Darstellung von Ungleichverteilungen. Der Koeffizient nimmt laut Wikipedia einen Wert zwischen 0 (bei einer gleichmäßigen Verteilung) und 1 (wenn nur eine Person das komplette Einkommen erhält) an. Hier nun »glänzt« die Bundesrepublik mit einem aktuellen Wert von 0,71. Das liegt auf einem Level mit Chile, Kolumbien und der Türkei, kommt aber nicht an den mit diesem Maßstab ermittelten »Ungleichheitsweltmeister« USA (0,81) heran. Interessant ist, dass Staaten, die in der westlichen Wahrnehmung gerne als zivilisatorische Hochburgen gelten, fast gleichauf mit den Amis rangieren: Schweden und Dänemark mit jeweils 0,80.

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