Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 20.09.2019, Seite 4 / Inland
St.-Hedwigs-Kathedrale

Abriss aufgehalten

Berliner Bezirksamt untersagt Arbeiten in St.-Hedwigs-Kathedrale
Von Horsta Krum
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Protest gegen die Umgestaltung des Innenraums vor der St.-Hedwigs-Kathedrale (15.8.2018)

Darf der Berliner Erzbischof machen, was er will? Er sieht das wohl so, denn sonst hätten hinter der St.-Hedwigs-Kathedrale nicht zwei große Container gestanden mit Bruchstücken des Kapfenberger Marmors, die aus dem Fußboden des Innenraumes gehauen waren. Dieser ungenehmigte Abriss ist eine wichtige Etappe eines Vorhabens, das 2013 seinen Anfang nahm, als der damalige Erzbischof Rainer Maria Woelki, aus Köln stammend, während der Sonntagsmesse verkündete: Der denkmalgeschützte Innenraum solle umgebaut werden, da er liturgischen Erfordernissen nicht mehr genüge (siehe jW vom 28.8.2018). Gegen das Erzbistum haben die an der bisherigen Gestaltung des Innenraumes beteiligten Künstler bzw. deren Erben geklagt. Der Prozess vor dem Landgericht findet am 15. Oktober statt. Wollte das Erzbistum mit der Zerstörung des Innenraumes Tatsachen schaffen, um die Erfolgsaussichten der Kläger zu mindern?

Immerhin hat das Bezirksamt Mitte am Freitag vergangener Woche dem skandalösen Zerstörungswerk durch eine Verfügung Einhalt geboten. Der Gerichtsprozess wird zeigen, ob das »Selbstbestimmungsrecht der Kirchen« irgendwo Grenzen hat. Die öffentliche Hand soll jedenfalls ein Drittel der Umbaukosten tragen, das sind zunächst 20 Millionen Euro. »St. Hedwig« war ein Geschenk von Preußenkönig Friedrich II. an die Berliner Katholiken und wurde 1943 zerstört. Baufachleute sowie Künstler aus der BRD und der DDR schufen den Innenraum neu, im Geiste des II. Vatikanischen Konzils.

Erzbischof Woelki ließ damals einen Auslobungswettbewerb ausschreiben und nicht etwa einen Ideenwettbewerb, der eine breite Meinungsbildung ermöglicht hätte. Zur Jury gehörten neben anderen der Kölner Prälat Karl Jüsten, Aufsichtsratsvorsitzender der katholischen Pax-Bank und Leiter des katholischen Verbindungsbüros zur Bundesregierung, sowie die ehemalige Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner als einzige Fachkraft für Denkmalschutz unter den Fachpreisrichtern. Sie hatte die Architektur als »komplett verhunzt« bezeichnet.

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Bruchstücke des Kapfenberger Marmors, die aus dem Fußboden des Innenraumes gehauen wurden (Berlin, 6.9.2019)

Jenes Kölner Quartett, dem auch Berlins aktueller Erzbischof Heiner Koch angehört, wurde unterstützt von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Sie ist wie Jüsten Mitglied im Zentralkomitee Deutscher Katholiken und hatte sich über die Kathe­drale ähnlich qualifiziert geäußert wie Schock-Werner. Sie alle agieren im Sinne der Deutschen Bischofskonferenz, die in der Mitte Berlins eine moderne Hauptstadtpräsenz wünscht. Zur Verwirklichung dieser Pläne brauchte es die Aufhebung des Denkmalschutzes, die das Erzbistum zunächst beim Bezirksamt Berlin Mitte beantragte. Der politische Leiter dieser Behörde setzte sich mit einer kurzen, handschriftlichen Notiz über die starken Bedenken seines eigenen Fachmannes hinweg und hob den Denkmalschutz auf. Aber die nächste Instanz, das Landesdenkmalamt, stellte den Umbauplänen ein klares, ausführlich begründetes Nein entgegen. Nun musste die Oberste Denkmalschutzbehörde entscheiden, die beim Kultursenat angesiedelt ist.

In einer Mitteilung vom Februar 2018 gab die Behörde bekannt, dass sie die liturgischen Gründe der Umbaupläne für plausibel halte und »die geplante Um- und Neugestaltung des Innenraums (…) denkmalrechtlich weitgehend zulässig« sei. Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) betonte das »verfassungsrechtlich garantierte Selbstbestimmungsrecht der Kirchen«. Gleichzeitig sei laut Mitteilung der »Verlust einer vollständigen Zeitschicht« durchaus »tragisch«. Das stimmt insofern, als die Umbaupläne sich einordnen in die weitreichende Zerstörung von DDR-Architektur.

Fachleute aus dem In- und Ausland reagierten bestürzt auf das Vorhaben des Erzbistums und die Aufhebung des Denkmalschutzes. Auch Katholiken protestierten, die ihre 1963 wieder eingeweihte Kirche lieben und stolz sind auf die einmalige, aussagekräftige Architektur.

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