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Aus: Ausgabe vom 20.09.2019, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Aufruf zum »Klimastreik«

»Wir müssen politische Streiks führen«

Auf die Straße für konsequenten Klimaschutz: Gewerkschafter schließen sich den Forderungen von »Fridays for Future« an. Ein Gespräch mit Ralf Sander
Interview: Jan Greve
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Werbung für die »Fairwandel«-Demonstration der IG Metall für mehr Klimaschutz am Berliner Kanzleramt (24.6.2019)

Am heutigen Freitag gehen weltweit Menschen im Rahmen des »Klimastreiks« auf die Straße. Wie stehen Sie als aktiver Gewerkschafter zu dieser Aktionsform?

Zunächst finde ich es traurig, dass junge Menschen angesichts so großer Probleme wie der Klimaerwärmung gezwungen sind, freitags der Schule fernzubleiben, um ihre Forderungen auf die Straße zu tragen. Es ist andererseits beeindruckend, was diese Generation in den letzten Monaten auf die Beine gestellt hat. Persönlich wünsche ich mir, hierzulande auch politische Streiks führen zu können.

Warum sollten sich Gewerkschafter für den Klimaschutz einsetzen?

Mit diesem Thema sind viele weitere eng verbunden. Durch den Klimawandel gehen etwa Arbeitsplätze verloren, auch wenn andere entstehen mögen. Es geht aber auch ganz allgemein alle Menschen etwas an, die den kommenden Generationen noch einen funktionierenden Planeten hinterlassen wollen.

Verdi-Chef Frank Bsirske unterstützt die Proteste am Freitag, betonte aber auch, nicht zu einem ordentlichen Streik aufzurufen. Beschäftigte sollten sich für die Teilnahme »ausstempeln«. Das kritisieren Sie gemeinsam mit anderen Gewerkschaftern, mit denen Sie einen Aufruf unterzeichnet haben. Was stört Sie?

Unter den gegebenen Bedingungen wird die Teilnahme am Klimastreik für diejenigen schwierig, die im Berufsleben stehen und nicht schon mittags in den Feierabend gehen können. Auch ich persönlich muss mir noch überlegen, wie ich das am Freitag mache. Würde ich mich einfach um 12 Uhr ausstempeln, würde ich meinen Arbeitsvertrag nicht erfüllen. Die Folge davon könnte eine Abmahnung, vielleicht gar eine Kündigung sein. Damit solche Situationen gar nicht erst entstehen, muss es uns gelingen, politische Streiks zu führen, an denen sich alle beteiligen können. In Frankreich gibt es dafür immer wieder gute Beispiele, wie das aussehen könnte, etwa bei rentenpolitischen Forderungen.

Sind hier nicht die Gewerkschaften in der Pflicht?

Sicherlich. Es muss ihnen gelingen, dass Aufrufe wie der zum Klimastreik legal sind. Ich hoffe natürlich, dass sich viele Kolleginnen und Kollegen am Freitag beteiligen. Ich weiß aber auch, dass sich viele vor Sanktionierungen durch die Unternehmen fürchten. Wir brauchen in diesem Bereich Rechtssicherheit.

Um Sanktionen geht es auch bei den »Fridays for Future«-Demonstrationen. Bürgerliche Politiker drohten etwa mit Nichtversetzung von Schülerinnen und Schülern. Dennoch beteiligen sich seit Monaten Zehntausende an den Protesten. Sollten sich ältere Gewerkschafter ein Vorbild an den jungen Menschen nehmen?

Es ist beeindruckend, dass die Jugendlichen und Heranwachsenden dort Opfer bringen, wenn man etwa an Schulzeugnisse denkt, in denen Dutzende unentschuldigte Fehltage vermerkt sein werden. Das wird bei späteren Bewerbungen sicher nur zu verhaltener Freude auf Unternehmerseite führen.

Die Klimakrise trifft insbesondere die Menschen im globalen Süden. Diese sind es wiederum auch, die für buchstäbliche Hungerlöhne und häufig auch unter sie selbst und die Umwelt schädigenden Bedingungen von Konzernen ausgebeutet werden. Aus Ihrer Perspektive als Betriebsratsvorsitzender bei einem Textildiscounter: Was lässt sich gegen solche Verhältnisse unternehmen?

Ich bin in einem internationalen Gewerkschaftsnetzwerk organisiert, das sich mit der Textilherstellung in Asien beschäftigt. In diesem Frühjahr hatte ich die Möglichkeit, nach Indien und Bangladesch zu reisen. Ich habe mir die Produktionsbedingungen und Unterkünfte der Näherinnen anschauen können. Diese acht Tage, die ich dort unterwegs war, haben mein Leben geprägt. Die Probleme sind dabei nicht nur einzelnen Konzernen anzukreiden: Die übergroße Mehrheit der Textilien wird in diesen Ländern hergestellt. Da sind auch namenhafte Firmen dabei. Die produzieren alle in den gleichen Fabriken.

Die Menschen dort wie hier müssen gemeinsam auf die Straße gehen und für ihre Interessen einstehen. Es gibt ja nicht eine Welt in Bangladesch und eine in Deutschland. Nein, es gibt nur eine Welt, die wir gemeinsam gestalten müssen.

Ralf Sander ist ­Betriebsratsvorsitzender beim Textildiscounter ­Primark in Hannover

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