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Aus: Ausgabe vom 19.09.2019, Seite 5 / Inland
Versanddienstleistungen

Profit statt Grundversorgung

Deutlich weniger Post-Filialen. Auch der Weg zum Briefkasten wird immer weiter.
Von Steffen Stierle
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Die Deutsche Post baut den Service systematisch ab

Richtige Post-Filialen mit richtigen Post-Angestellten sind heutzutage eine Rarität. Meist wird das Versandgeschäft der Deutschen Post AG von Schreibwarenhändlern oder Kioskbetreibern nebenbei erledigt. Denn innerhalb der vergangenen zwanzig Jahre wurden 5.000 von 6.000 originären Post-Niederlassungen geschlossen, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke hervorgeht, die der dpa am Mittwoch vorlag. Selbst wenn man die irgendwo im Einzelhandel untergebrachten Hinterzimmerfilialen einbezieht, bleibt seit 2000 ein Rückgang um mehr als 900 Filialen.

Doch nicht nur der Weg zum Schalter ist weiter geworden. Auch wer die Marke schon aufgeklebt hat und nur mal eben den Brief einwerfen möchte, muss zunehmende Wegstrecken in Kauf nehmen. Denn auch das Briefkastennetz wurde deutlich ausgedünnt. Rund 20.000 gelbe Kästen wurden seit 2002 abmontiert, wie die Antwort der Bundesregierung zeigt. 110.000 sind verblieben. Der Trend ist 25 Jahre nach der Privatisierung der Deutschen Post und zehn Jahre nach der vollständigen Liberalisierung der Zustelldienste klar: Serviceabbau, Stück für Stück.

Die Deutsche Post dominiert den Markt weiterhin. Beim Briefversand liegt ihr Anteil bei rund 84 Prozent. Seit der Überführung des früheren Staatsunternehmens in eine Aktiengesellschaft ist der öffentliche Auftrag, eine flächendeckende Grundversorgung mit Postdienstleistungen zu gewährleisten, jedoch weit hinter den Auftrag der Aktionäre zurückgefallen, immer größere Profite einzufahren. Während das Filial- und Briefkastennetz schrumpft, steigen daher Portokosten und Gewinne zuverlässig. Als nächster Schritt des Serviceab- und Profitaufbaus steht bereits die Reduzierung der wöchentlichen Zustelltage zur Debatte (siehe jW vom 3.8.).

»Die Deutsche Post muss mehrheitlich zurück in die öffentliche Hand«, forderte der Vorsitzende der Linksfraktion, Dietmar Bartsch, gegenüber dpa als Reaktion auf die neuen Zahlen. Der Service verschlechtere sich seit Jahren. Für viele Bürger sei es ein großes Ärgernis, wenn Post-Filialen in ihrem Ort schließen und gleichzeitig das Porto steigt. Als die Deutsche Post in öffentlichem Besitz war, sei sie bürgernäher und preiswerter gewesen.

Die Bundesregierung verweist laut dpa in ihrer Antwort auf die »Post-­Universaldienstleistungsverordnung« von 1999, die den Grundversorgungsanspruch näher bestimmt. Demnach müsse es, so argumentiert sie in dem Schreiben, bundesweit mindestens 12.000 stationäre Einrichtungen für den Postversand geben, mindestens eine Einrichtung in allen Gemeinden mit mehr als 2.000 Einwohnern und in allen Landkreisen jeweils eine pro 80 Quadratkilometer Fläche. Dieser Untergrenze nähern sich die realen Zahlen deutlich an. Alle gelb lackierten Nebentische bei Getränkehändlern und ähnliches mitgerechnet, gibt es derzeit noch 12.744 solcher Einrichtungen. Es wirkt, als betrachte die Regierung die Vorgaben der Verordnung nicht als rechtlich verankerten Mindeststandard, sondern als Zielmarke.

Dass mittlerweile so viele originäre Post-Filialen geschlossen und durch die Einbindung in andere Läden ersetzt wurden, geht auf eine Klausel in der Verordnung zurück. Damals wurde festgelegt, dass bis 2007 mindestens 5.000 Filialen mit unternehmenseigenem Personal zu betreiben sind. Nachdem diese Hürde gefallen war, wurde mit dem so möglich gewordenen Stellenabbau nicht lange gezögert. Kleine Entgelte, mit denen Kioskbetreiber ihr Einkommen aufbessern, lassen höhere Dividenden zu als Gehälter für festangestellte Post-Mitarbeiter.

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