Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 18.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Der Kuchen ist gegessen

Landpartie im Ausnahmezustand: Der französische Spielfilm »Mein Leben mit Amanda«
Von Peer Schmitt
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»Raus aus der sterilisierten Stadtidylle« scheint die heimliche Botschaft zu sein

Nach den Anschlägen im November 2015 war über die Stadt Paris (wie über alle urbanen Regionen Frankreichs) zwei Jahre lang der Ausnahmezustand verhängt. In unmittelbarer Nachfolge traten Antiterrorgesetze in Kraft, die nicht viel weniger als permanenten Ausnahmezustand bedeuten. Wer sich in Paris zum Parkspaziergang aufmacht, muss auf den Anblick schwerbewaffneter Ordnungskräfte weiterhin nicht verzichten.

Im Spielfilm »Mein Leben mit Amanda« wartet die siebenjährige Titelfigur (Isaure Multrier) nach Schulschluss auf ihren offenbar wenig zuverlässigen Onkel David (Vincent Lacoste), der sie pünktlich hätte abholen sollen, jedoch von Touristen aufgehalten wurde, denen noch die Schlüssel für das Gästeappartement zu übergeben waren. Das ist sein Job. Er ist eine Art Hausmeister, nebenbei Landschaftsgärtner auf Abruf – ein »Slacker«, wie sie wohl langsam auszusterben drohen. Ein gemächlicher Mittzwanziger, der nicht die Energie oder das Talent hatte, Tennisprofi zu werden, wie es vielleicht sein Traum war. Seine Schwester (Ophélia Kolb), die alleinerziehende Mutter von Amanda, ist Englischlehrerin. Für den kommenden Sommer hat sie Tickets für das Turnier in Wimbledon besorgt. Nicht nur wegen der Tennisleidenschaft ihres Bruders, es geht um eine Art Familienzusammenführung. Amandas Großmutter ist Engländerin und hat die Familie vor Jahrzehnten Richtung London verlassen.

Die Gemächlichkeit von Onkel David gibt dem Film ein generell schleppendes Tempo vor. Das Pariser Leben scheint irgendwie stehengeblieben. Einmal erklärt die Mutter ihrer kleinen Tochter die Redewendung »Elvis has left the building«: Der Kuchen ist gegessen. Ihr könnt brav nach Hause gehen, Freunde.

So zeigt der Film zunächst eine Stadt ohne Ereignisse. Ein sommerliches Paris, steril, leergeräumt und »weiß«, noch an der Peripherie des Wohlstands. Diese Stadt ist längst Landschaft geworden. Mit Idyllen wie einem freundlich versteckten Tennisplatz am sonnigen Nachmittag. Am Rand des Courts haben Obdachlose ihre bescheidene Zeltwohnstatt errichtet – ein Detail, das für die Beobachtungsgabe von Regisseur Mikhaël Hers spricht.

Die Stadtlandschaft seines Films erschließt sich nicht mit dem Auto, erst recht nicht mit der Metro. Es herrscht der Blick des Spazierens und Einkehrens, vor allem aber des Fahrradfahrens. Ein Paris für Radfahrer wie bei einer kleinen Landpartie. Stellenweise auch recht geschmäcklerisch. David hat eine Freundin, eine aus der Provinz – Périgueux – zugezogene Musikerin (Stacy Martin). Kennengelernt hat er sie in seiner Eigenschaft als Hausmeister. Sie arbeitet aushilfsweise in einem Schallplattenladen. Dort hört man die Go-Betweens, »Cattle and Cane«. Das Stück ist von einem Album mit dem bezeichnenden Titel »Before Hollywood«. Es erschien 1983. Da war der Regisseur – Jahrgang 1975 – ungefähr so alt wie die Titelfigur in seinem Film. Bessere Zeiten?

In der Gegenwart ist die fahrradfahrende Familie fragmentiert, die Beziehungen sind sind flüchtig, aber im Großen und Ganzen geht es recht freundlich zu. Dann bricht in die so gemächlich etablierte Normalität eines geplanten Picknicks im Park die Katastrophe herein. Bei einem Bombenanschlag im Park kommt Amandas Mutter ums Leben. Den Anschlag selbst sieht man nicht. Ein eventueller politischer Hintergrund wird nicht näher erläutert.

Es ist eine abstrakte Katastrophe, die das Idyll zerstört. Dem Film geht es – vielleicht dankenswerterweise – nicht um den Anschlag (es hätte sich genauso gut um einen tödlichen Fahrradunfall handeln können), sondern um die Auswirkung auf die Hinterbliebenen. Die Bewältigung des Traumas. Die Therapie. Neben aller Trauerarbeit ergibt sich für den kindischen Slacker die Notwendigkeit, »erwachsen zu werden«, die Vormundschaft für seine Nichte zu übernehmen.

Medium der Therapie ist dann: Tennis. Die von der Verstorbenen geplante Reise nach Wimbledon findet statt. Die Großmutter (Greta Scacchi) wird getroffen. Und das Trauma auf den Zuschauerrängen des Centre Courts von Wimbledon überwunden. Ein kathartisches Match wird da einigermaßen unbeholfen nachgestellt. Tennis, das altmodischer aussieht, als es 1983 gespielt worden wäre. Die reine Phantasmagorie.

Auch an diesem Punkt zeigt sich der qualitative Unterschied von Mikhaël Hers zu seinen Vorbildern. Ein Film von Eric Rohmer aus dem Jahre 1987 zum Beispiel, »L’Ami de mon amie« (»Der Freund meiner Freundin«), zeigt ein brandneues Paris der lichten Reformvorstädte, Sportstätten, sterilen Verwaltungs- und Konsumzentren. An einer Stelle gehen die Protagonisten auch zum Tennis, nicht in einem imaginären Wimbledon, sondern an den Ausläufern des Bois de Boulogne, im Stade Roland Garros, wo in jenem Film bei den French Open der wirkliche Ivan Lendl in der wirklichen Nachbarschaft der Leute aufschlägt. Dieses beiläufig Dokumentarische ist in Hers’ Film durch den »guten Geschmack« im Blick der Fahrradfahrer ersetzt.

»Raus aus der sterilisierten Stadtidylle« scheint dennoch die heimliche Botschaft dieses Films zu sein, der seine Protagonisten erst in den Weinbergen der Provinz oder auf den Dorfhügeln von Wimbledon wieder zur Besinnung kommen lässt.

»Mein Leben mit Amanda«, Regie: Mikhaël Hers, Frankreich 2018, 107 min, bereits angelaufen

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