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Aus: Ausgabe vom 18.09.2019, Seite 8 / Ansichten

Versöhnungsangebot des Tages: Russophobie

Von Reinhard Lauterbach
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Unabhängigkeitstag in Warschau (11. November 2018)

Kein Zweifel: Vier Jahre Regierungszeit der Sozialchauvinisten von der PiS haben die polnische Gesellschaft gespalten. Viele Freundschaften sind über die Haltung zu Jaroslaw Kaczynski und seiner Partei zerbrochen, so manches Weihnachts- oder Osteressen im Familienkreis endete im Streit. Und die Diagnose, die Michal Szuldrzynski, stellvertretender Chefredakteur der konservativen Tageszeitung Rzeczpospolita, am Dienstag stellte, ist zweifellos richtig: Weder die Anhänger noch die Gegner Kaczynskis werden am Tag nach der Wahl verschwunden sein. Zwar reden viele PiS-Gegner von Emigration, wenn die Regierungspartei am 13. Oktober bestätigt werden sollte – wonach es aussieht. Aber die meisten werden wohl bleiben.

Wie also »die Polen« miteinander »versöhnen«? Dazu unterbreiteten Szuldrzynski und der Chefredakteur des linksliberalen Onlineportals Kultura Liberalna, Jaroslaw Kuisz, einen Vorschlag – zwei Menschen aus unterschiedlichen politischen Richtungen, der eine konservativer Katholik, der andere Atheist. Der Vorschlag lautet, den 17. September zu einem Gedenktag zu erklären, der »alle Polen vereinen« könne. Warum gerade den 17. September? Weil an diesem Tag 1939 die Rote Armee die Ostprovinzen Polens mit ihrer überwiegend ukrainischen und belorussischen Bevölkerung besetzte, übrigens von vielen Nichtpolen mit Blumen begrüßt. Und weil – vermutlich war das Absicht – am gleichen Tag im Jahr 1993 die letzten sowjetischen Soldaten Polen verließen. Seitdem, so die Autoren, sei Polen endlich »Herr im eigenen Haus«.

Unten auf derselben Seite forderte dann der Vizedirektor eines »Zentrums für polnisch-russische Verständigung« (!), Polen solle endlich Reparationen für die »sowje­tische Besatzung« von Teilen seines Territoriums verlangen. Nichts eint eben so schön wie ein gemeinsamer Feind.

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