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Aus: Ausgabe vom 18.09.2019, Seite 8 / Inland
Klimastreik in Hamburg

»Sitzen bleiben, damit es endlich vorangeht!«

»Klimastreik« am Freitag: Hamburger Aktivisten planen Blockade und problematisieren reine Konsumkritik. Ein Gespräch mit Jule Furthmann
Interview: Kristian Stemmler
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Protest von Klimaschutzaktivisten bei der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt am Main (15.9.2019)

Am Freitag findet der globale »Klimastreik« statt, an dem sich Ihr Aktionsbündnis in Hamburg beteiligen will. Was planen Sie?

Wir wollen nach der großen Demo von »Fridays for Future« in Hamburg auf der Straße sitzen bleiben und mit unseren Forderungen Politik und Konzernen Nachhilfeunterricht in Klimafragen geben. Wir werden den Autoverkehr unterbrechen und statt dessen ein Klima-Teach-In mit Workshops und Musik veranstalten. Los geht’s gegen 16 Uhr.

Was ist Ihre Botschaft?

Es muss sofort gehandelt werden, um die Klimakatastrophe noch aufzuhalten. Deshalb wollen wir jetzt den Druck auf Politik und Konzerne erhöhen. Demonstrieren und Streiken allein reicht uns nicht mehr. Wir unterbrechen den Alltag von Ausbeutung, Abschottung und Klimazerstörung. Es ist Zeit für einen Klima-Generalstreik!

Haben Sie auch konkrete Forderungen?

Ja. Wir fordern für Hamburg einen kostenfreien ÖPNV für alle, eine autofreie Innenstadt, Fahrradstraßen und den sofortigen Kohleausstieg. Das Kohlekraftwerk Moorburg muss abgeschaltet und dessen Eigentümer, der Stromkonzern Vattenfall, enteignet werden. Zudem ist uns wichtig, dass wir wegkommen von der Kritik am Konsumverhalten des einzelnen. Für die Probleme verantwortlich sind Politik und Konzerne.

Wer steht hinter Ihrem Aktionsbündnis?

Unsere Gruppe versteht sich als Teil der weltweiten Klimabewegung. Bei uns machen Leute von »Ende Gelände«, der Interventionistischen Linken und anderen Hamburger Klimagruppen sowie Einzelpersonen mit. Wir haben einen Aktionskonsens erarbeitet, den man auch auf unserer Internetseite nachlesen kann.

Wie haben Sie sich auf den Protest am Freitag vorbereitet?

Wir haben unter anderem Aktionstrainings angeboten. Eines hat am vergangenen Samstag stattgefunden. Und am morgigen Donnerstag wird ein weiteres öffentliches Training stattfinden.

In bürgerlichen Medien werden Sitzblockaden häufig als eine Form von Gewalt diffamiert. Wie sehen Sie das?

Wir halten Widerstand dieser Art für legitim, um den Druck auf die Politik zu erhöhen. Immerhin sind sie es, die versagt haben. Wir werden nicht weiter widerstandslos zuschauen, wie das Klima irreversibel zerstört wird. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass kollektive Aktionen des zivilen Ungehorsams funktionieren. Ohne diese wäre der Atomausstieg nie beschlossen worden, es gäbe keine arbeitsfreien Wochenenden, und Frauen hätten immer noch kein Wahlrecht.

Beim Kreuzfahrtspektakel »­Cruise Days« wurde am Wochenende eine Sitzblockade auf einer Kreuzung der Hamburger City von der Polizei rigoros aufgelöst (siehe jW von Montag). Haben Sie sich auf ein solches Szenario vorbereitet?

Von uns wird jedenfalls keine Eskalation ausgehen. Wir werden uns an unseren Aktionskonsens halten und haben uns durch unsere Trainings gut vorbereitet.

Immer wieder wird diskutiert, ob der Kampf gegen den Klimawandel mit der Forderung nach einer Überwindung des kapitalistischen Systems einhergehen muss. Wie sehen Sie das?

Die Klimakrise ist eine Gerechtigkeitskrise. Sie ist untrennbar verbunden mit Armut, Hunger, Flucht, Unterdrückung oder Ausbeutung. Seit Jahrzehnten notwendige Maßnahmen werden bis heute aufgeschoben und verhindert. Für viele Menschen im globalen Süden ist die Klimakrise längst bittere Realität. Mit einem Wirtschaftssystem, das auf scheinbar unendlichem Wachstum und der Ausbeutung von Menschen und Ressourcen basiert, wird der Klimawandel nicht zu stoppen sein. Wir brauchen einen grundlegenden und radikalen Wandel des Systems.

Wie der Protest von Klimaschützern bei der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt am Main und bei den »­Cruise Days« in Hamburg zeigt, gewinnt die Bewegung zunehmend an Fahrt.

Ja, der Widerstand wächst, und das gibt uns Rückenwind. Am Freitag kann die Devise nur sein: Sitzen bleiben, damit es endlich voran geht!

Jule Furthmann ist Aktivistin des Aktionsbündnisses »Sitzenbleiben!«

sitzenbleiben.org

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