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Aus: Ausgabe vom 17.09.2019, Seite 6 / Ausland
Italien

Eine Statue für Faschisten

Italien: Triest ehrt Schriftsteller D’ Annunzio mit Denkmal. Protest auch aus Kroatien
Von Gerhard Feldbauer
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Enthüllung des Denkmals für Gabriele D'Annunzio am Donnerstag in Triest

Kroatien hat in einer Erklärung des Außenministeriums »mit aller Entschiedenheit« dagegen protestiert, dass eine Statue zu Ehren des faschistischen Revanchisten, des Schriftstellers Gabriele D’ Annunzio (1863–1938), auf der Piazza della Borsa in Triest errichtet wurde. Das berichteten italienische Medien am Wochenende. Eingeweiht wurde die Statue bereits am vergangenen Donnerstag. Am 12. September 1919 hatte D’ Annunzio, der mit Benito Mussolini um die Führung in der faschistischen Bewegung konkurrierte, mit 2.500 Mann die Industrie- und Hafenstadt Fiume, kroatisch Rijeka, besetzt und ihren Anschluss an Italien erklärt. Zwei Tage zuvor war im Friedensvertrag von Saint Germain-en-Laye, der nach dem Ersten Weltkrieg die Verteilung der Beute unter den Staaten der Entente regelte, dem Königreich Italien die zur ungarischen Reichshälfte der Habsburger Doppelmonarchie gehörende Stadt verweigert worden.

Während Il Giornale, das Hausblatt von Expremier Silvio Berlusconi, das Denkmal als »eine große Ehre für Italien« feierte, verurteilen andere Medien sie als »Ehrung eines Faschisten«. Die linke Tageszeitung Il Manifesto sprach von einem »skandalösen Vorgang«. Der Mailänder Corriere della Sera erinnerte daran, dass D’ Annunzio nach dem »Marsch auf Fiume« den »Marsch auf Rom« plante, wobei ihm Mussolini zuvorkam. Die römische La Repubblica berichtete, dass in der Stadtverwaltung eine Allianz aus Berlusconis »Forza Italia« (FI), den faschistischen »Brüdern Italiens« (FdI) und der rassistischen Lega von Matteo Salvini für das Denkmal verantwortlich sei. Bürgermeister Roberto Dipiazza (FI) habe die Statue trotz starker Proteste errichten lassen. Dipiazza verherrliche den Revanchisten als »einen großen Italiener«. Das Hauptstadtblatt Messagero schrieb, es gebe keinen Anlass, an D’ Annunzio zu erinnern, wenn, dann nur, um ihn »zu verurteilen«.

D’ Annunzio wirkte 1910 führend an der Gründung der nationalistischen Partei »Associazione Nazionalista Italiana« der Großbourgeoisie mit und wurde ein führender Exponent ihrer Expansionsziele. Als Vertreter dekadenter Literaturströmungen schrieb er Schauspiele, Romane und Gesänge und brachte darin die nationalistische Politik des Imperialismus und den Hass gegenüber jedweder demokratischer Bewegung zum Ausdruck. So wurde er letztlich zu einem ideologischen Wegbereiter des Faschismus. An Nietzsche anknüpfend propagierte er den »Übermenschen« und sein Recht, auf grausamste Weise imperiale Ziele durchzusetzen, beispielsweise in »Der Triumph des Todes« und »Das Feuer«.

Die Nationalisten traten für eine verstärkte Rüstung und eine forcierte koloniale Expansion ein. Die Arbeiterklasse war von Anfang an ihr erklärter Feind. 1914 forderte D’ Annunzio Italiens Kriegseintritt, der 1915 an der Seite der Entente erfolgte.

D’ Annunzio wollte mit dem Einmarsch in Fiume seinen Anspruch unterstreichen, an Stelle Mussolinis die Führung der faschistischen Bewegung mit vordergründig nationalistischem Charakter zu übernehmen. Als das scheiterte, verhielt er sich nach dessen Machtübernahme 1922 ihm gegenüber reserviert. Von irgendeiner Opposition zum »Duce« konnte allerdings keine Rede sein. Seine Anhänger schlossen sich mehrheitlich der faschistischen Partei Mussolinis an.

Nachdem Fiume 1920 in internationalen Verhandlungen zum Freistaat erklärt wurde, okkupierte Mussolini 1923 die Stadt erneut und schloss sie 1924 an Italien an. Danach feierte er D’ Annunzio als Vorkämpfer der »Heimführung« Fiumes und verlieh ihm den Titel eines Fürsten von Monteneveso. Im Friedensvertrag von 1947 musste Italien Fiume an Jugoslawien zurückgeben. 1975 erkannte das Land im Grenzvertrag von Osimo die Nachkriegsgrenze zu Jugoslawien endgültig an. Die Faschisten der »Italienischen Sozialbewegung« (MSI, 1946–1995) bezeichneten ihn als »Schandvertrag« und weigerten sich, die Grenzregelung anzuerkennen. Daran halten heute auch die auf die MSI zurückgehenden FdI fest.

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