Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Dienstag, 17. September 2019, Nr. 216
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Aus: Ausgabe vom 14.09.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zaziki

Von Maxi Wunder

Mit dem Mietwagen unterwegs von Arnitha nach Gennadi auf Rhodos. Brütende Julihitze, trockenes Gelände. Wir sind mal wieder als Spitzel unterwegs für einen Reiseveranstalter, der von Touristenbeschwerden überhäuft wird. Hotel dreckig und laut, Klospülung dauerhaft defekt, Urlaub auf der Baustelle – das Übliche. Uns wundert, dass sich kein Gast über den Gestank aus dem Pool beschwert hat: Chlor, und zwar in atemberaubender Menge, damit der Hotelier nicht so oft das Wasser wechseln muss (denkt er).

Ich sitze am Steuer, Silvana, Mitte 20, hat noch eine Ouzofahne von gestern Nacht, sie ist zur Zeit unzufrieden, weil ihr Kerl in Deutschland am Wochenende nie Zeit für sie hat. Das gibt ihr zu denken und damit das aufhört, gibt sie sich die Kante.

»Haaaalt! Halt sofort an!!! Kehr um! Kehr sofort um!!!« Reflexartig mache ich eine Vollbremsung, und wir schlingern auf die Gegenfahrbahn, wo uns glücklicherweise keiner entgegenkommt. Silvanas Augen sind schreckensgeweitet: »Da! Da da!!«, stammelt sie, »da war sie«, und deutet mit ihrem rosa lackierten Fingernagel auf die graue Fahrbahn. »Was denn bloß?!« Ich sehe niemanden. »Eine Schlange, eine riesige schwarze Schlange, sie greift gleich an …!« In einem Psychologiebuch habe ich mal gelesen, dass es keinen Zweck hat, Kinder und Verrückte beim Zubettgehen von der Nichtexistenz von Gespenstern, Hexen oder wilden Tieren im Zimmer überzeugen zu wollen, sondern man soll zu ihnen sagen: »Ok, ich akzeptiere: Unter deinem Bett lebt eine alte Hexe, der befehle ich jetzt aber, dass sie nachts auch schlafen soll und dich nicht erschrecken darf. Auf mich muss sie nämlich hören.« Ich steige also aus dem Auto, um einer schwarzen Plastiktüte, die ich auf dem Sand entdecke, eine Ansprache zu halten, stelle dann allerdings fest, dass Silvana recht hatte und es sich tatsächlich um eine zirka drei Meter lange armdicke, schwarzglänzende Schlange handelt. Aber tot.

Ich will die gute Nachricht sogleich verkünden, doch Silvana ist auf die Fahrerseite rübergerutscht und braust mit quietschenden Reifen und mit meiner Handtasche auf dem Rücksitz davon: Schlangenphobie.

Allein in der Pampa ohne Auto, Geld, Pass, Wasser … Sternstunden der Reiseleitertätigkeit. Ich durchwühle meine Hosentaschen. Alles was ich finde, ist ein Schmierzettel mit einem Rezept. Hatte ich mir gestern Abend notiert, das schlechte Hotel hat nämlich gutes Essen:

Zaziki: Knoblauch in beliebiger Menge schälen und durch die Presse drücken, so dass nur der Knoblauchsaft gewonnen wird. Mit griechischem Joghurt (10 Prozent Fett), Olivenöl und Essig mischen und salzen. Eine geschälte Gurke reiben, die Masse in ein Tuch geben und Wasser rausdrücken (Gurkenwasser in den Kühlschrank stellen und mit dem Saft das Gesicht betupfen – sehr angenehm bei Sonnenbrand). Die geriebene Gurke dann in den Knofijoghurt geben und alles verrühren. Nach Geschmack mit Dill oder Minze abschmecken.

Es war ein langer, staubiger Fußmarsch ins Hotel. Dort nachts angekommen ließ ich mich in voller Montur in den Chlorpool fallen: herrlich!

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