Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Dienstag, 17. September 2019, Nr. 216
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Aus: Ausgabe vom 14.09.2019, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Zuhause ist kein Postkartenidyll«

Gespräch mit Michael Girke. Über unverhoffte Wiedersehen, antizyklische Comebacks und das Überleben im Alltag
Interview: Ulrich Kriest
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»Irgendwann muss auch der Dada-Artist von der Bühne runter«: Michael Girke in Bad Driburg

Michael, zwei Jahre nach deiner Jetzt!-Kompilation »Liebe in großen Städten (1984–1988)« überraschst du jetzt mit dem ersten regulären Jetzt!-Album, »Wie es war«. Die Popgeschichte ist zwar reich an ungewöhnlich langen Veröffentlichungspausen, aber deinen Fall finde ich doch besonders. Hast du als Musiker privatisiert oder die ganzen Jahre für die Schublade geschrieben? Und dann noch: Ich habe mal nach deinen Veröffentlichungsbiographien geguckt. Ich persönlich habe dich als Filmkritiker kennen- und schätzen gelernt. War die Musik also, wie man so sagt, passé?

Eine 30 Jahre lange Pause – was für eine herrlich verschrobene, legendentaugliche, auch zu allerlei Spekulationen über die Ignoranz oder Boshaftigkeit der Musikwelt einladende Geschichte. Leider kann ich sie nicht erzählen. Mein Verhältnis zur Musik war irgendwann so gut wie tot. Schuld war … Das ist viel zu lang, zu verwickelt, um es hier zu erwähnen. Ich schrieb immer schon lieber, versuchte, daraus ein Leben zu machen. Irgendwann aber eine Art Offenbarung – Van Morrison gehört und gedacht: Die Songform, von der ich annahm, sie bestehe bloß noch aus Wiederholungen, füllte und füllt Van Morrison auf bewegende Weise mit Leben. Indem er Hörern singend etwas einhaucht. Die Sprache kennt lediglich 26 Buchstaben und eine begrenzte Anzahl von Wörtern. Und doch gelingt es den Menschen seit Jahrtausenden, mit diesem limitierten Material die ganze facetten- und schmerzensreiche Welt immer wieder so zu erzählen, dass andere dadurch ein Stück weit besser zu sehen vermögen, als sie es ganz auf sich gestellt könnten. Bedeutet: »Du bist nicht allein« – im allertiefsten existentiellen Sinne nicht. Der Song kann ähnliches bewirken. Ich will mich in keiner Weise mit dem Wunder an Ausdruck Van Morrison vergleichen, nur sagen, dass ich den Song als Erzählform seit einiger Zeit neu für mich entdecke, was in stillen Momenten an einem unspektakulären Ort stattfindet – das neue Album ist Ausdruck dessen. Ich würde mich gerne legendärer, glänzender und faszinierender präsentieren, aber …

Was ist das für ein Gefühl, wenn man mit 30 Jahren Verspätung zur »großen verlorenen Band der deutschen Musikgeschichte« erklärt wird?

Wer verlorengeht, fühlt sich, milde gesagt, unwohl, den hat es irgendwohin verschlagen, wo er nicht sein mag – schön ist daran gar nichts. Dass »Verlorenheit« etwas Schätzenswertes bezeichnen kann, hatten wir erst zweimal: In den 1920er Jahren gingen Schriftsteller wie Ernest Hemingway unter dem Ehrentitel »Verlorene Generation« in die Annalen ein. Und dann noch bei »Let’s get lost«, dem Film von Bruce Weber über den Jazzer Chet Baker. In dem Titel schwingt das schöne Außerhalb-der-gesellschaftlichen-Konventionen-Stehen genauso mit wie das damit vielleicht einhergehende Elend. Worauf ich hinauswill: Die Bezeichnung »große verlorene Band« meint, dass etwas Verkanntes oder Vergessenes jetzt doch erinnert wird, das ist schön. Man darf aber nicht übersehen, dass eine ehrenwerte Formel von Alexander Kluge schlicht nicht stimmt. Kluge hat einmal gesagt: Die nicht gedrehten Filme kritisieren die gedrehten Filme – weil ästhetisch mutiger oder spielerischer, den Companies aber zu riskant zum Realisieren. Die nicht publizierten Alben kritisieren aber nicht die publizierten Alben, sie sind einfach nicht vorhanden. So war es jedenfalls in Zeiten vor dem Internet.

Wie hörst du denn die Songs, die du mit Mitte 20 geschrieben hast, heute? Mit Mitte, Ende 50?

Verlor Menschen, gewann welche, wuchs mit Menschen zusammen, wurde verlassen, verlief und verzettelte mich, musste mich wieder zusammenschrauben. Also kurzum, ich höre meine eigenen alten Songs nicht ganz wie jeder andere auch, aber fast, sprich: aus einer gewissen, mit dem Weiterwachsen entstandenen Distanz. Aber wo gibt es das schon, Biographien, die linear und bruchlos verlaufen? Wer daran glaubt, spinnt sich was zurecht. Der junge Michael Girke konnte definitiv viel besser hoffen als der alte – für das Ganze, für sich selbst –, der ältere Michael Girke ist womöglich … Ach, das sollen andere entscheiden. Jedenfalls gibt es bei mir gerade viel Nachdenken darüber, welche von den alten Songs und Haltungen noch »Ich« sind. Der Protest in »Nieder mit den Umständen« gewiss; die Häme in »Bringt mir den Kopf von Michael Kunze«, ich weiß nicht.

Du bist Jahrgang 1962, gehörst also zur Generation der »Zaungäste« (Reinhard Mohr), die zu jung für »1968«, aber von den Nachwehen geprägt, und vielleicht schon zu alt für »Punk« war. Erklären sich aus diesem Bewusstsein Songs wie »Meine stille Generation« oder auch »Unsere wilden Jahre«, die ja immer auch eine Mystifikation waren?

Der Song »Meine stille Generation« protestiert anders als »My Generation« von The Who nicht gegen fühllose Erwachsene, sondern gegen die Altersgenossen des Sängers, gegen die eigenen Leute. The kids are not alright – und zwar weil sie politisch und auch sonst indifferent sind, sich entziehen. Entertainment über alles – und wehe, du nimmst oder meinst irgend etwas ernst. Einen solchen Song konnte nur schreiben, wer, trotz Viel-zu-jung-dafür-Seins, wenigstens ein kleines Stück von 1968 mitbekommen hatte. Und so war es in der Tat. Ich sog Musiken, Bilder und Bücher der Vorgängergeneration fasziniert auf, identifizierte mich, fand deshalb Leute meines Alters überwiegend lahm, geistesarm, haltungslos. Die Auseinandersetzung mit den Segnungen, Folgen und Fragen dieser Zeit hat für mich auch niemals aufgehört.

Der Name deiner Band, Jetzt!, klingt ja deutlich nach dem Popsommer 1982, aber die Musik klingt in meinen Ohren älter. Ich höre da Liedermacher. Und »Bring mir den Kopf von Michael Kunze!« klingt fast schon bemüht wie ein Punkzitat. Ich habe die Zeit nach dem Ende der Neuen Deutschen Welle nicht »krisenhaft« erlebt, sondern viel Neo-Psychedelia, Paisley Underground, Leather Nun, die frühe Creation-Szene oder Hüsker Dü gehört. Aus ostwestfälischer Perspektive lesen sich diese Jahre anders, scheint mir. Erzähl mal.

Zu Schulzeiten begann die Freundschaft mit Bernd Begemann; jemand brachte uns zusammen, weil er meinte, ein Typ aus Bad Salzuflen höre exakt dieselben Bands wie ich: The Jam, Undertones, Buzzcocks – und sei auch ähnlich »verrückt«. Das Besondere: Wir haben von allem Anfang an nicht wie unsere Idole, sondern immer auf deutsch getextet. Bei mir waren es Fehlfarben, Abwärts und Ton Steine Scherben, die mir das Gefühl gaben: Das geht, das klingt, das trifft. Aber aus Künstlerperspektive, der von sich am Deutschen reibenden und versuchenden Songautoren, war man 1985 »daneben«, Spottgegenstand, wurde in Schlagernähe gerückt. Das Label Fast Weltweit hieß »Draußensein«. Was wir eine Zeitlang aushielten, weil wir uns gegenseitig anspornten. Ab 1992, glaube ich, veränderte sich die allgemeine Situation drastisch: Hamburger Schule und die Folgen, deutsche Texte wieder möglich – was der Feuilletonautor, der ich inzwischen sehr gerne war, aber aus einiger Entfernung beobachtete. Soweit die »Macherperspektive«. Als Hörer führte mein Weg, grob zusammengefasst, von Bob Dylan über The Clash hin zu den Folk- und Arbeitersongs, also Woody Guthrie etc., die ich über Bob-Dylan-, Billy-Bragg- und Red-Skins-Verehrung kennenlernte, sowie die sprachlich-musikalisch beeindruckenden Werke von Friedrich Holländer. Ich war also, was meine Vorlieben anging, bis auf ein paar Sekunden um das Jahr 1979 herum, nie so richtig auf der Höhe der jeweiligen Zeit. Aber so erklärt sich wohl, warum bei den alten Jetzt! Liedermacherhaftes durchscheint oder ich derzeit von jemandem wie Van Morrison derart berührt bin.

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Michael Girke

Könnte ein Song wie das Titelstück deines neuen Albums, »Wie es war«, nicht auch von 1987 sein? Oder bräuchte es dazu mehr Distanz?

Nicht Distanz, sondern Erfahrung. Um einigermaßen vernünftig zu ermessen, »wie man wurde, wer man ist« – dafür ist das Alter, also: ein paar Erfahrungen gesammelt zu haben, nicht das Schlechteste. Man kriegt als junger Mensch schon genau mit, wie etwa die Erwachsenen »ticken«, ob sie einen beim Wachsen fördern oder klein halten. Selbst Elternteil zu sein hilft aber, den schwankenden Boden zu sehen, auf dem man sich, mit Kindern lebend, wirklich jeden Tag bewegt, was keiner ohne Konflikte und »Fehler« bewältigt. Das soll die Idiotien von Erwachsenen nicht relativieren, nur sagen, dass jahrelanger Alltag die Illusionen abschleifen hilft, sie durch Zusammenlebenserfahrung zu ersetzen. Was, wenn es einigermaßen gut läuft, beispielsweise zu der Erkenntnis führen kann, dass es vermessen ist, das perfekte Glück aus dem Versandhauskatalog erreichen zu wollen. Es überfordert, ist Keim von Unglück. Auf dem Album »Wie es War« geht es viel um Gleichzeitigkeiten: »Unheimlich ist / wie fremd Du mir bist / und dann so schön nah / all das am selben Tag.« Schönes Gefühl und Konflikt, Euphorie und Enttäuschung, was ein anderer Mensch immer für einen ist und man für ihn, was man aushalten und in Balance bringen muss – das konnte ich früher nicht sehen, schon gar nicht benennen; war als junger Mensch immer entweder emotional im Himmel oder zu Tode betrübt, sehr einseitig also. Einseitigkeit macht dumm.

Bei dir spielt Familie eine zentrale Rolle, im Guten wie im Problematischen, im Gelingen und Verlieren von Liebe. Ich glaube, du singst: »Familie ist eine Wunde, die nicht verheilt.«

Mit Fragezeichen: »Ist Familie ein Wunde, die im Tiefsten nie heilt?« Was, wenn man irgendwann feststellt, ein Elternteil, ein Mensch, den man vielleicht nicht besonders geschätzt hat, steckt noch in den Knochen? Wenn man mit allem guten Willen der Welt im Gepäck verdammt noch mal anders und besser »erziehen« wollte als die eigenen Eltern und dabei dann aber manchmal ähnliche, früher zu Recht abgelehnte Verhaltensweisen an den Tag legt? Wenn also das, was man ablehnt und fürchtet, man durchaus auch selber ist? Das klingt für viele wahrscheinlich wie einem Themenkatalog der Therapeutenzunft entnommen, aber für mich sind es Themen, Geschichten von zu Hause, Heimatgeschichten. Zuhause ist kein Postkartenidyll, sondern ein Ort, wo man von den eigenen Leuten, von geliebten Menschen, Schmerz erfährt, wo man andauernd über Abgründe hinweggelangen muss, überfordert ist, um mit auch nur einer Sache halbwegs klarzukommen, Jahre des In-sich-Gehens und Nachdenkens braucht. Thomas Heises neuer Film »Heimat ist ein Raum aus Zeit« etwa erzählt eben genau davon, zeigt auch, wie die große Weltgeschichte sich im Alltäglichen, sprich: niemals nur privaten Leben konkreter Menschen, auswirkt. Ich glaube zutiefst, dass wir solche Erzählungen benötigen, die uns zeigen, wie Menschen mit den Konflikten, Spannungen ihrer jeweiligen Zeit klarzukommen versucht haben, welche Wege sie versuchten – es kann Augen öffnen helfen. Und in den Filmen von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub wird immer wieder deutlich: Es ist gut, die Literaturen der Vergangenheit als Reisegepäck dabeizuhaben, sie sind Wegweiser, Bündnispartner bei der Orientierung, bieten sogar Ausblicke. Die Arbeiten von Thomas Heise, Straub/Huillet – das sind in meinen Augen wahrhaftige, vor allem auch ästhetisch herausfordernde Heimatfilme, nicht »Schwarzwaldmädel« oder so. Ich möchte auch und gerade wegen der dort aufgerissenen Wunden auf Heimat nicht verzichten müssen.

In der Taz stand zur Jetzt!-Kompilation zu lesen, du hättest die deutschen Smiths oder Housemartins werden können. Du hast dich dafür entschieden, weiter Michael Girke zu werden. Eine gute Entscheidung?

Als Geschäftsmodell keine gute Idee. Deine Formulierung, auf die ich selbst nicht gekommen wäre, lädt zum Nachdenken ein. Ich weiß noch, dass ich in meinem 27. Jahr tatsächlich einmal dachte, ich bin jetzt 19, so gerade der Pubertät entwachsen. Menschen wachsen anders, als Kalender oder der Jugendamtetat es vorgeben. Man kann wirklich acht Jahre lang 19 sein – und entwickelt sich dann wiederum manchmal schneller, macht Sprünge. Und ich brauchte sehr lange, um halbwegs das Gefühl zu haben, nicht einem Ideal oder einem Blick von außen oder einer Geistesmode zu entsprechen, sondern mit meiner eigenen Stimme zu sprechen, von meinem Ort aus. So etwas ist eigentlich nicht vorgesehen, sich derart lange Zeit zu lassen oder zu nehmen, um »Ich« zu werden, was in meinem Fall nicht abgeschlossen ist. Ich würde, so wie die Gesellschaftsdinge derzeit liegen, auch niemandem dazu raten. Aber sich Zeit zu nehmen oder Zeit zu lassen, ist eigentlich immer gut, z. B. fürs Weiten des Blickes. Man gewinnt manchmal den Eindruck, dass den Leuten gerade deswegen die Zeit mit perfider Systematik verwehrt wird, etwa indem man sie mit »Arbeit« im wahrsten Sinne des Wortes zuschüttet.

Wo waren der Ethik von Fast Weltweit Grenzen gesetzt? An der Provinz leiden, in der Provinz nicht bleiben zu wollen? Warum bist du aus Berlin nach Herford zurückgekehrt?

Die Fast-Weltweit-Beteiligten suchten »das andere«, etwas, das die Provinz nicht bot. Ich fand dabei dann aber auch heraus: Die Provinz ist überall, auch in Berlin. Was Berlin aber massiv verdrängt. Es gibt Leute, die kommen nach Ostwestfalen und halten sich, allein aufgrund des Umstandes, dass sie in Berlin leben, für höherstehender als die hier lebenden Menschen, machen sich lustig über die vermeintliche Piefigkeit hier. Das kündet von derselben Begrenztheit und Provinzialität, die man Provinzlern unterstellt. Denn solche Städtebewohner sehen und kennen nichts, nicht die Landschaften und ihre Schönheiten oder Probleme, nicht die Menschen und ihre Geschichten, die so ziemlich dieselben Verlaufsformen und Widersprüche aufweisen wie überall. Eine dieser Geschichten ist meine. Sie handelt von jemandem, der an seiner provinziellen Umwelt auf extreme Weise litt und dann erleben durfte, diese selbe Umwelt kann auch klug, charmant, aufgeklärt und wunderschön sein, und der sich an genau diesem Fleck am wohlsten fühlt auf der Erde. Ich habe leider eine Art Sucht, der ich nur hier beikommen kann: Ich liebe es, mich, in der hiesigen Hügellandschaft wandernd, zu verlieren, könnte das für den Rest meiner Tage tun, »und mir würde nichts mangeln«.

Was mir gut gefällt als Pointe: Andere Protagonisten der Ostwestfalen-Szene haben ihre Musikkarrieren verfolgt und sind dann irgendwann Autoren geworden, ans Theater gegangen, haben Fernsehen gemacht. Dein Weg ist andersrum – und jetzt, wo kaum noch jemand von der Hamburger Schule spricht, meldest du dich als Musiker zurück, lässt dich auf die Usancen des Business ein? In Reutlingen, wo ich dich jüngst solo live sah, hatte sich dein Ruhm noch nicht herumgesprochen, und dein spezifischer Ansatz eines lyrischen Ichs verfing sichtbar nur bei anwesend Gleichaltrigen. Könnte man sagen: Jetzt! – seit mehr als 30 Jahren zuverlässig aus der Mode?

Dada ist sehr wichtig, sprengt Gewohnheiten auf. Aber irgendwann muss auch der Dada-Artist von der Bühne runter, das Image an die Garderobe hängen und nach Hause kommen, sehen, wie er sein Leben und sein Lieben auf die Reihe kriegt. Von solchen Momenten handeln die Songs von Leonard Cohen oder Joni Mitchell, die mich sehr viel tiefer anrühren als Dada und mich durchs Leben begleiten. Und ja, 30 Jahre zuverlässig aus der Mode, das kann man wohl wirklich so sagen. Aber es klingt zu heroisch. Es führt immer wieder in Sackgassen, dass ich auf mir bestehe. Etwa darauf, den Schriftsteller Adalbert Stifter für heute ins Spiel bringen zu wollen. Wäre ich literarischen Moden gefolgt, dem, was aktuell heiß und fettig diskutiert wird, wäre ich auf Stifter und viele andere niemals gestoßen. Sackgasse heißt, dass man auf Partys schnell ins Abseits gerät bei Leuten, die Entschleunigung, Aufs-Land-Ziehen und Schreiben-über-Natur als das neue, heiße Ding erachten, wenn man sagt, das gab’s vor 200 Jahren schon vielschichtiger und schöner, also Stifter als relevanten Autor erachtet. Straub/Huillet aufs Cover des Jetzt!-Albums zu nehmen und sich auf diese Weise vor ihrer Arbeit zu verbeugen – es interessiert wirklich niemanden. Bei mir zu Hause aber bleiben sie maßgeblich. Sind die tiefsten und schönsten Filme der Welt irrelevant, nur weil 99,8 Prozent der Menschen keinen Sinn dafür haben?

Michael Girke …

… geboren 1962, lebt als Schriftsteller, Dozent und Kurator in Herford (Ostwestfalen). 1983 gründete Girke die Gruppe Jetzt!, »eine Band, die auszog, die deutschen Aztec Camera/Pale Fountains/The Jam zu werden, nebenbei die sogenannte Hamburger Schule gründete und sich dann auflöste, ohne je ein Album veröffentlicht zu haben« (Tapete Records). Gemeinsam mit Achim Knorr, Andreas Henning, Bernd Begemann und Frank Spilker (von den Sternen) rief Girke 1985 das ostwestfälische Independentlabel Fast Weltweit ins Leben, auf dem Kassettensampler, Demoaufnahmen und Singles erschienen, u. a. die Jetzt!-Single »Meine stille Generation«. Auf dem Hamburger Label Tapete Records sind 2017 die Jetzt!-Kompilation »Liebe in großen Städten (1984–1988)« und im Juli 2019 das Jetzt!-Album »Wie es war« erschienen. Er ist mit dem Musikjournalisten Ulrich Kriest befreundet.

Jetzt! spielen am 20. September um 20 Uhr im Roten Salon der Volksbühne in Berlin

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