Der Schwarze Kanal
Gegründet 1947 Dienstag, 17. September 2019, Nr. 216
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Aus: Ausgabe vom 14.09.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Heilige Einfalt

Zu jW vom 7./8.9.: »Dauerhafter Faktor«

(…) Sachsen hat gewählt und dabei alle Vorausahnungen übertroffen: fast 60 Prozent der Stimmen reaktionär-faschistoid, d. h. mehr als 30 Prozent Stimmen für die CDU und mehr als 25 Prozent für die AfD. Das Denken für sich in Anspruch nehmende Menschen begründen das so: »Es ist heute und hier genauso wie die letzten Jahre in der DDR. So kann’s nicht weitergehen! Angela Merkel und die da oben brauchen einen Denkzettel! Ich wähle die AfD aus Protest, es ist keine Nazipartei, und ich bin kein Nazi!« – O sancta simplicitas, heilige Einfalt! Wie 1932! (…) Hätten die AfD-Protestler nachgedacht, wäre ihnen aufgefallen, dass Teile der CDU schon lange vor der Landtagswahl mit der AfD als möglichem Mehrheitsbeschaffer liebäugelten. Das verstanden sie nicht, und so haben sie den Scheuerhader mit dem Putzlappen schlagen wollen. Und CDU und AfD hat’s gefreut. Ein wirklich durchdachter Protest, der auch glaubhaft gewesen wäre, hätte die CDU im Quadrat springen lassen: die Wahl der Linken! Andererseits, ob die Partei Die Linke diesen Protest bei ihrem derzeitigen Zustand (…) in entsprechendes Handeln hätte umsetzen können oder wollen, steht auf einem anderen Blatt. (…)

Siegfried Wunderlich, Plauen

Nichts begriffen

Zu jW vom 9.9.: »Maulkorbträger des Tages: Peter-Michael Diestel«

Was dieser (…) narzisstische Altpfau Peter-Michael Diestel in der illustren Runde »Riverboat« des MDR beklagt, ist eigentlich nichts anderes, als dass die »oberen Zehntausend« im Osten seinerzeit nicht genügend von der Beute bei der Zerschlagung der DDR abbekommen und nach seiner Meinung bis heute zuwenig Einfluss innerhalb des kapitalistischen Nachfolgesystems erlangt hätten – während in Wirklichkeit Figuren wie er sich bereits vor drei Jahrzehnten bereitwillig im Kapitalismus eingerichtet hatten und seitdem unentwegt ihre Pfründe mehren. Zur Lage der Abgehängten hingegen kein einziges Wort. Offensichtlich überhaupt nicht zu verstehen scheint er, dass die Menschen im Osten (…) inzwischen begriffen haben, wie sie von den Wendehälsen à la Diestel, Günther Krause, Lothar de Maizière und Co. seinerzeit an den Westen verraten wurden. Und nichts kränkt und verletzt Menschen nun mal mehr als schändlich verratenes Vertrauen. Mit dem Satz: »Niemals hätte ich mein Vaterland den Kommunisten überlassen«, grenzt Diestel ferner nicht nur unzählige Menschen als nicht zum »Vaterland« gehörend aus, sondern er ignoriert auch noch die Tatsache, dass es eben genau jene Kommunisten waren, die im erbitterten Kampf gegen die sein »Vaterland« zerstörenden und in den Abgrund führenden Nazis den größten Blutzoll erbracht hatten. (…)

Reinhard Hopp, per E-Mail

EU im Unrecht

Zu jW vom 10.9.: »EU-Trio kritisiert Teheran«

Die USA haben im Mai 2018 das Atomabkommen mit dem Iran gebrochen. Sie haben es nicht »einseitig aufgekündigt«, wie die deutschen Medien es formulieren, sondern gebrochen, denn es gab keine Ausstiegsklausel in dem Abkommen. Der Iran hat daraufhin ein Jahr lang trotz US-Sanktionen stillgehalten und darauf gehofft, dass wenigstens die EU-Staaten ihre Verpflichtungen aus dem Abkommen umsetzen und den Handel und den Zahlungsverkehr mit dem Iran ermöglichen. Nachdem die EU jedoch ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen ist, hat der Iran ab Mai 2019 schrittweise ebenfalls die Umsetzung seiner eingegangenen Verpflichtungen reduziert. Aber: Das war kein Vertragsbruch durch den Iran, denn Artikel 26 des Abkommens erlaubt ihm das ausdrücklich, wenn vorher ein anderes Land wieder Sanktionen gegen den Iran eingeführt hat, was die USA bekanntermaßen getan haben. (…)

Stephan Menzer, per E-Mail

Nach fremder Pfeife

Zu jW vom 11.9.: »Ab in den Westen«

Man muss nicht der Meinung des Autors sein (…), dass die wirtschaftliche (Fehl-)Entwicklung und der Unwillen der Bürger zum Ende der DDR führten. (…) Die von Gorbatschow eingeleitete »Erneuerung« brachte vielmehr nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in den übrigen Ländern des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe die sogenannten Reformer ans Tageslicht, die sich auf höheren Ebenen der SED breitmachten (…). Letztlich wählten sie das alte »System« (den Sozialismus) ab und dienten sich dem neuen »System« (dem Kapitalismus) an. (…) Es war den Reformern dabei schlichtweg egal, dass die soziale Komponente verschwand. Häufig vergessen wird übrigens, welche rechten Kreise das »paneuropäische Picknick« sponserten. Reform-Ungarn tanzte bereits seit Anfang der achtziger Jahre, zu Beginn vorsichtig, nach der Pfeife des IWF.

Alexandra Liebig, per E-Mail

Irrationale Strategie

Zu jW vom 11.9.: »18 Jahre Zerstörung«

Die Anschläge vom 11. September 2001 waren eine große Tragödie. Der größte Teil der Welt hatte Mitgefühl mit der US-amerikanischen Bevölkerung und den Opfern des Terrors. Doch seitdem haben sich die USA nur zum Schlimmsten hin entwickelt und mehr oder weniger die ganze Welt in Unsicherheit und Chaos gestürzt. Die internationale Sicherheitsstruktur auf der Grundlage von Abrüstung und Rüstungskontrolle wurde systematisch fragmentiert. Washington lebt von seiner militärischen und wirtschaftlichen Dominanz, die es in der Vergangenheit aufgebaut hat, und schafft neue Unzufriedenheit und Hass in allen Regionen der Welt. Die Entscheidungsträger der USA verfolgen eine irrationale Strategie, indem sie den Nationalismus anstacheln und ihre Vasallen, Verbündeten und sonstigen Abhängigen in einen mörderischen und selbstmörderischen Krieg gegen China und Russland, aber auch gegen jedes Land, das sich dem Hegemon widersetzt, hineinziehen. Es darf keine Frage sein, ob sich konservative politische Kräfte an dem Kampf gegen diese verhängnisvolle Weltmacht mit allen fortschrittlichen und linken Kräften vereinen können und müssen.

Josef Witte, Hefei/China (über die Kommentarfunktion für Onlineabonnenten)

Hätten die Protestwähler nachgedacht, wäre ihnen aufgefallen, dass Teile der CDU mit der AfD liebäugeln. Ein glaubhafter Protest hätte die CDU im Quadrat springen lassen: die Wahl der Linken!