Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 13.09.2019, Seite 15 / Feminismus
Zeitreise

Leise Chronistin

Die »goldenen 1920er« prägten die spätere Exilschriftstellerin Joe Lederer aus Wien. Zu ihrem 115. Geburtstag wurde ihr Roman »Bring mich heim« neu aufgelegt
Von Christiana Puschak
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Neben dem Rollenkonflikt für Frauen gilt Lederers Blick auch den Problemen junger Mädchen zwischen ihren Bedürfnissen und der herrschenden Moral (Symbolbild, ca. 1922)

Es gibt Menschen, die am gebrochenen Herzen sterben – davon war Joe Lederer überzeugt. Eine Schriftstellerin, die vor allem über die Liebe schrieb, einen schlechten Zauber, der selten gut endet. Dass das Bild der »Neuen Frau« der »goldenen« 1920er Jahre nicht mit der Realität übereinstimmt, thematisierte Lederer in ihren Romanen und bereits in einem ihrer ersten Gedichte: »Ich bin das Mädchen, das junge Mädchen deiner Zeit (…)/ aber ich glaube, die Menschen kennen mich eigentlich nicht, / sie verwechseln mich mit der Dame im Abendkleid, / (…)/ Ich bin das kleine Mädchen im Straßenbahnwagen, / das früh verschlafen in die Arbeit fährt.«

Joe Lederer, einst als »deutsche Colette« bezeichnet, gehört zu den vielen vergessenen Schriftstellerinnen, deren Werk auf dem Index der Nazis stand. Geboren wurde Josefine Lederer in Wien vor 115 Jahren – am 12. September 1904.

Ehe sie mit dem Roman »Das Mädchen George« 1928 debütiert und Erfolg hat, ist sie Privatsekretärin des Autors Balder Olden. Nach ihren ersten Erfolgen als Romanautorin lebt sie ab 1929 als freie Schriftstellerin in Berlin, bevor sie wegen ihrer jüdischen Abstammung 1934 nach Shanghai fliehen muss, wo sie als Kindermädchen arbeitet. Krankheitsbedingt kehrt sie ein Jahr später nach Europa zurück und erhält gegen Ende der 1930er Jahre eine Aufenthaltserlaubnis für England. Hier arbeitet sie als Kindermädchen und als Sekretärin. Nach dem Krieg lebt sie ab 1956 über 30 Jahre in München, immer in Geldnot. Zeitweise arbeitet sie als Lektorin und Übersetzerin, schreibt für den Rundfunk und für verschiedene Zeitschriften sowie auch einige Drehbücher. Am 30. Januar 1987 stirbt sie vereinsamt in einem Münchner Krankenhaus.

Dem Milena-Verlag ist es nunmehr zu danken, dass er Joe Lederer mit ihrem dritten, 1932 in Berlin erschienenen Roman »Bring mich heim« vorstellt.

Da ist Jeannine, die Heldin der Erzählung, die sich »mondän« gibt, gern fotografiert, neugierig auf das Leben und begütert ist. Mit Harald, einem Seelenfreund aus Kindertagen, ist sie seit acht Tagen in Italien unterwegs. Sie genießen die schönen Städte, die herrliche Landschaft, doch Jeannine ist oft bedrückt. Zum Spiegel des menschlichen Herzens werden die Natur und Landschaft. Während der Zugfahrt spricht ­Jeannine Harald gegenüber von ihrer traurigen Kindheit, vor allem von ihrer Amme Emilia: »Wenn mich je ein Mensch gehasst hat, dann war es Emilia. (…) Erniedrigt und getreten ein Leben lang, war sie plötzlich zur Macht gekommen. (…) Sie war die Herrin. Jetzt sollte man vor ihr zittern.« Von ihr lernte Jeannine, »sich zu beugen, zu lügen, viel zu ertragen – und vor allem zu schweigen«. Gleichermaßen verlief ihre Jugend »ohne Zärtlichkeit und Güte«. Der einzige Mensch, der ihr zugewandt war, der sie wertschätzte und mit ihr lange Gespräche führte, war ihr älterer Cousin Andy. Sie meinte ihn zu lieben: »Ich war damals noch ein Kind – aber es ist ganz gleichgültig, wie alt man ist, wenn man liebt.« Ihr Vater erfuhr von dieser Liebelei und zwang ihren Cousin, sie zu verlassen. Jeannine blieb allein zurück – mit ihrer ungestillten Liebe und mit dem Gefühl, etwas Schlimmes getan zu haben. Jahre später nach dem Tod ihres Vaters trifft Jeannine Andy wieder, ohne dass sich die Zuneigung erfüllt: »Wir haben nie mehr über die Vergangenheit gesprochen – aber sie war immer da und wie eine eiserne Kette!«

In der Hoffnung, ihre »brennende Sehnsucht nach Ruhe« stillen zu können, lässt sich Jeannine auf eine Liebesbeziehung mit dem viel älteren Schauspieler Mathieu Corodi ein. Allerdings ist Corodi »kein amüsanter Gesellschafter, aber er störte sie auch nicht. Ihr schien, als sei es bei einem Mann wie Corodi ein Vorzug, dass er im Privatleben einfach und sogar langweilig war«. Ob Joe Lederer damit ihre Liaison zu dem 13 Jahre älteren Schauspieler und Sänger Hans Albers verarbeitet hat, mag dahingestellt bleiben. Den Roman hat sie ihm jedoch gewidmet.

Dass Jeannine am Ende bei Mathieu bleibt und meint, bei ihm ihr Daheim gefunden zu haben, wirkt wie eine Wunschprojektion und ein tröstliches Ende: »Es war gut, … Mathieus Herzschlag zu fühlen und zu schweigen.«

Mit wenigen Strichen versteht es Lederer, Liebesprobleme bildkräftig und gefühlstark zu zeichnen. Seismographisch fängt sie seelische Erschütterungen ein und lotet Unsicherheiten, Abhängigkeiten und Kränkungen psychologisch in ihrer Tiefendimension aus.

Neben dem Rollenkonflikt für Frauen, den Joe Lederer immer wieder in ihren Romanen aufzeigt, gilt ihr Blick hier auch den Problemen junger Mädchen zwischen ihren Bedürfnissen und der herrschenden Moral Erwachsener. Folgt man indes der Lesart von Evelyne Polt-Heinzl, die sie in ihrem kenntnisreichen Nachwort durchblicken lässt, dann wird hier in diesem Roman ein Fall von Kindesmissbrauch erzählt, verschoben auf die Figur des Cousins und abgeschwächt als Verführung einer Minderjährigen. Welche Lesart zutreffend ist, darauf mag jede Leserin und jeder Leser für sich selbst eine Antwort finden.

Was Joe Lederer darüber hinaus – hier wie in fast all ihren Büchern – einbringt, ist die zeithistorische Verankerung des Plots: Sie ist eine leise Chronistin ihrer Zeit.

Joe Lederer: Bring mich heim. ­Milena-Verlag, Wien 2019, 152 Seiten, 22 Euro

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