Gegründet 1947 Sa. / So., 19. / 20. Oktober 2019, Nr. 243
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.09.2019, Seite 12 / Thema
DDR-Kunstgeschichte

Ein Jahrhundertwerk

Die Entstehung des Bildes »Frühbürgerliche Revolution in Deutschland« von Werner Tübke (Teil 2 und Schluss)
Von Richard Stephan
S 12.jpg
Der Anführer der Bauern Thomas Müntzer lässt die Fahne sinken – Ausschnitt aus Tübkes Panoramabild »Frühbürgerliche Revolution in Deutschland«

Werner Tübke war sich völlig darüber im klaren, dass zunächst ein umfangreiches theoretisch-wissenschaftliches Rüstzeug für die Bewältigung des neuen Auftrages erworben werden musste. Das Studium der alten Meister aus dem 15. und 16. Jahrhundert gehörte natürlich dazu. Am 3. Juli 1976 begann er mit der Arbeit. Mit Studienzeichnungen von Bauern entstanden die ersten Arbeiten.

Gegen Ende des Jahres konnte Tübke bereits die künstlerische Konzeption für das Monumentalbild vorlegen. In dem Bild sollte »die Vielfältigkeit der historischen Zusammenhänge simultan gedeutet werden. Die szenische Abwicklung des Monumentalgemäldes, die verwendeten Symbole und Allegorien sollen in kompositorisch geschlossener Form die Dialektik des Geschichtsprozesses im Zeitraum der frühbürgerlichen Revolution erfassen.« Auf eine »chronologische Abfolge« wollte der Maler daher bewusst verzichten. Die gesellschaftlichen Zustände der Zeit der frühbürgerlichen Revolution wollte er progressiv erfassen: »Im Bild werden Szenen der Schlacht der beiden Heere dargestellt, die Persönlichkeit Müntzers in ihrer Entwicklung und historischen Wirksamkeit charakterisiert und der Kampf der progressiven Kräfte der Zeit um ein neues Welt- und Menschenbild verdeutlicht. Die Entwicklung der Produktionsverhältnisse der Zeit der frühbürgerlichen Revolution wird an der Schilderung des Lebens der Klassen und Schichten und ihrer Stellung in der Gesellschaft zueinander erlebbar. Entdeckungen und technische Leistungen sollen genauso bildnerisch gestaltet in Erscheinung treten wie die geistigen Strömungen der Zeit. Die beabsichtigte geistige Substanz des Panoramagemäldes ergibt sich aber nicht aus der Aufzählung der Bildstoffe, sondern aus der Aussagekraft und dem Beziehungsreichtum der simultanen Bildgestaltung. Symbolhafte Elemente und Allegorien werden das Assoziationsvermögen entsprechend fordern, aber auch zur Verdichtung der Aussage beitragen.« Was Tübke plante, war ein Simultanbild: »Die Malerei wird nicht durch sinnierte Rahmungen untergliedert, eine Szene greift in die andere über. Insgesamt entsteht ein Simultanbild, innerhalb dessen sehr anschauliche Handlungsvorgänge. Die Aufgabe ist nur zu lösen durch einen bedingungslosen figurativen Realismus. Geplant ist eine Fülle und Überfülle von Figuren, die sich auf dieser Rundszenerie bewegen, miteinander, gegeneinander agieren etc. Die Bildfläche wird vollständig mit Malerei bedeckt.«

Die Leinwand

Für den Künstler und natürlich auch für den Auftraggeber galt als Voraussetzung, dass die Leinwand höchsten Qualitätskriterien entsprechen musste. Da es in der DDR nicht möglich war, die Leinwand herstellen zu lassen, und ein Import aus dem westlichen Ausland aus Devisengründen ausgeschlossen war, wurde ein Angebot des UdSSR-Kulturministeriums angenommen. Am 12. September 1978 – nahezu fünf Jahre bevor die Malarbeiten begannen – wurde die mehr als eine Tonne schwere Leinwand mit einer Abmessung von 15 Metern Breite und 125 Metern Länge angeliefert. Während der sehr langen Lagerzeit war eine ständige Umlüftung der Leinwand zu sichern. Deshalb durfte selbst in der sorgfältig ausgeführten Transportverpackung keine Einlagerung auf dem Betonfußboden des Bildsaales erfolgen. Aus diesem Grunde wurde die Leinwandrolle in zwei Holzböcke eingehängt, so dass ein Abstand von der Unterkante der Rolle zum Fußboden von 2,50 Metern sowie eine staubgesicherte Umlüftung gewährleistet waren. Um während der Lagerzeit keine Druckstellen entstehen zu lassen, wurden die Holzböcke mit kugelgelagerten Kurbeln ausgestattet und mit dem Holzkern der Leinwandrolle verbunden. Auf diese Weise war es möglich, die Rolle kreisförmig zu bewegen und damit einen längeren einseitigen Druck auf bestimmte Gewebeteile zu vermeiden. Um eine Diffusion von Feuchtigkeit durch das Verpackungsmaterial in das Gewebe hinein zu verhindern, wurden ständig eine Temperatur von 18 bis 22 Grad Celsius und eine relative Luftfeuchtigkeit von circa 60 Prozent eingehalten, auch um einem Mikrobenbefall vorzubeugen. Mit der Anlieferung der Leinwand ging die erste Etappe auf dem langen Weg zum Monumentalbild zu Ende.

Das Urbild für das Panorama entstand ab Juli 1979 auf fünf Holztafeln (139 Zentimeter hoch und 246 Zentimeter breit) in drei aufeinanderfolgenden Arbeitsgängen: einer Vorzeichnung in Kohle, einer Hell-dunkel-Untermalung in Ei-Tempera und schließlich einer abschließenden Lasurübermalung aus Harzöl und mit Pasten. Nachdem die Stadt Leipzig das Großatelier »Junge Kunst« im Schillerweg 12 zur Verfügung gestellt hatte und damit dem Maler ermöglichte, die fünf Tafeln zu einem Ganzen zusammenzufügen, begann die eigentliche Arbeit. In strenger Abgeschiedenheit nach einem strengen Zeitplan arbeitend, malte Tübke, wie er später sagte, wie in einem Rausch. Rückblickend erklärte er in einem Gespräch: »Und die eigentliche Empfindungsphase … Da habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht, was da kommt. Was machst du jetzt? Ein Schlachtfeld könnte mal dran sein, oder Kain und Abel bringst du unter. Ich wusste nicht, wie das Ganze aussieht, ich habe improvisiert und wusste nicht, was zwölf Meter weiter hinten kommen soll. Bloß den Anschluss musste ich dann wieder finden, das war klar, es war ja ein Rundbild.«

Während der Maler am Urbild arbeitete, hatte er stets das künftige Monumentalbild vor Augen: »Ich begann 1979 mit der 1:10-Fassung. Ich habe bis dahin in Ruhe ›vor mich hin‹ gezeichnet und ein Bild nach dem anderen gemalt, bis das letzte, sozusagen das Schlüsselbild, entstand. Bei diesem legte ich die Raum-Flächen-Konstruktion endgültig fest. Figurengröße unten: doppelte Lebensgröße oder etwas darunter. Diese Figuren wirken im Saal mit etwa 40 Metern Durchmesser absolut lebensgroß, sind nicht gigantisch und nicht zu klein. (…) Ein Rundbild hat zusätzliche Probleme. Der Betrachter, je nach Abstand, sieht immer nur einen Teil des Bildes. Auch darauf hatte ich mich einzustellen. Das Problem scheint gelöst zu sein dadurch, dass ich so gliederte, dass jeweils eine Akzentuierung (also eine große Form, eine Farbballung usw.) sichtbar ist. Auch musste Gleichförmigkeit beim Ablaufen des Bildes vermieden werden. Daher ist unterschiedlicher Rhythmus eingeführt wie Prinzip der Reihung, der Ballung, der Häufung, der Streuung usw. Dazu kommt Unterscheidung durch dunkle Zonen, helle Zonen (z. B. 25 laufende Meter Winterlandschaft). Um einen Karusselleffekt zu vermeiden, wird das Bild ein Zentrum erhalten, direkt gegenüber dem Eingang, also Achsenbildung. Das Zentrum wird die eigentliche Schlacht sein, in zarter Frühlingslandschaft. Hier gibt es einen konkreten Himmel. Ansonsten ist der Himmel ein abstraktes Schwarz-Braun. Bildpartien mit einem sehr hohen Grad von Verallgemeinerung sind monochrom gemalt (Jüngstes Gericht, Musen beweinen Deutschland, Huttens Dunkelmännerbrief usw.).«

1:10-Fassung

1980 malte Tübke das Gros des 3.000 Figuren umfassenden Szenariums und entwickelte eine Fülle von Gestaltungsformen. Am 14. Januar 1981 schloss er die Untermalung der 1:10-Fassung mit Ei-Tempera ab und legte damit den gesamten figurativen Bestand des Kunstwerkes detailliert fest. In der Zeit vom 24. April bis zum 19. November 1981 erfolgte die farbige Übermalung der 1:10-Fassung mit Lasuren aus Harzöl und Halbpasten. Sie verliehen dem Urbild ein edelsteinhaftes Kolorit und eine suggestive Lebendigkeit. Im Juli 1982 wurde das Urbild mit einem abschließenden Firnisüberzug vollendet.

Der Künstler und sein Auftraggeber waren sich einig darin, dass die 1:10-Fassung als eigenständiges Kunstwerk in Dresden im Oktober 1982 auf der IX. Kunstausstellung der nationalen und internationalen Öffentlichkeit vorgestellt werden sollte. Günter Meißner fasste die Wirkung zusammen: »Erst knapp ein Jahr später war das freilich schon zuvor in der Presse teilweise reproduzierte Bild Tübkes auf der IX. Kunstausstellung in Dresden erlebbar. Fast zwangsläufig rückte es, als ›Jahrhundertwerk‹ bewertet, in den Mittelpunkt des Publikumsinteresses. Die Faszination des originalen Schaueindrucks währte lange, ehe die ersten ikonografischen Analysen einsetzten. Wie das ganze vielseitige und trotz seiner 12,30 Meter Länge verwirrend kleinteilige, plane Monumentalbild bei zehnfach vergrößerter Rundumtotalität aussehen würde, vermochte sich niemand vorzustellen.«

Natürlich konnte Tübke die weiteren Arbeiten nicht allein ausführen. Mit Hilfe des Lehrkörpers der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst gelang es, die Helfer für den Meister zu gewinnen. Tübke entwickelte gemeinsam mit den Professoren Heinz Wagner und Gerhard Eichhorn die Technologie zur Umsetzung der 1:10-Fassung in das Monumentalbild und vereinbarte ihre Mitwirkung bei der Auswahl und Malunterweisung der jungen künstlerischen Helfer. Für die weitere Arbeit schwebte Tübke wie beim mittelalterlichen Kathedralenbau das Prinzip der Bauhütte vor: »Unter dem Oberbegriff der Werktreue ist ein solches Ausmaß an schöpferischer Kraft der Mitarbeiter nötig, dass wir alle gar keine Zeit haben werden, über Eigenes und Fremdes nachzudenken. Unser Arbeitsplatz wird kein Atelier sein, sondern eine Baustelle, und Bauhüttengesinnung wird wachsen im Sinne der Aufgabe.«

Nachdem die Leinwand aufgehängt war, erfolgte die Grundierung der 1.722 Quadratmeter großen Malfläche, eine komplizierte Arbeit, die von einer sowjetischen Spezialistinnenbrigade unter Leitung von Julia Pawlowna Ossipowitscha erledigt wurde. Dieser zwei Monate dauernde Arbeitsprozess, für den die Brigade besengroße Spezialbürsten nutzte, erfolgte nach alten russischen Rezepten. Zur Verarbeitung kamen neben Gelatine und Spezialstoffen das Öl ausgesuchter Sonnenblumen und ein aus der Blase eines besonderen Störfisches gewonnener Leim. Damit schuf man auf der Leinwand eine weiß strahlende, für fettige Ölfarben undurchlässige Malfläche, von der die Farben nicht abblättern können und die für Jahrhunderte haltbar, feuer- und schädlingssicher ist.

S 13.jpg
Zunächst wurde das zuvor in einer 1:10-Fassung erstellte Gemälde in seinen Umrissen auf die Wand gemalt – Werner Tübke im Frühjahr 1983 an der 123 Meter langen Leinwand

Nachdem die Grundierung der Leinwand fertiggestellt war, begann am 2. Februar 1983 im Panoramasaal die eigentliche Arbeit. Es gab nicht wenige Pessimisten, die bezweifelten, dass es möglich sein würde, auf einer 123 Meter langen und gewölbten Leinwand eine solche Konturenzeichnung herstellen und dabei noch höchste Präzision gewährleisten zu können. Unter Anleitung des Projektleiters Heinz Wagner lösten die neun jungen Mitarbeiter die Aufgabe mit großer Zuverlässigkeit. Man ging folgendermaßen vor: Die vergrößerten Rasterquadrate auf Fotopapier wurden von einem leistungsstarken Episkop, das auf einem fahrbaren Arbeitsgerüst montiert war, gleitend auf die weiße Leinwand geworfen. An der Leinwand vollzogen die jungen Helfer dann in brauner Farbe die Umrisszeichnung. Wegen der unbedingt erforderlichen Passgenauigkeit mussten die Projektionswinkel ständig geändert werden, wobei auch der Umstand, dass die Leinwand nach innen zum Panoramasaal gewölbt ist, zu berücksichtigen war. Bis nahezu auf den Millimeter genau gelang die Ausführung.

Erster Farbauftrag

Für den Künstler und seine Helfer war es eine große Freude und Genugtuung, als am 4. Mai 1983 das Konturenbild erstmals geschlossen auf der Leinwand zu sehen war. Alle, die damals diesen Arbeitsstand kennenlernen konnten, ahnten bereits, welch großes Kunstwerk da im Entstehen begriffen war. An einem heißen Sonntag, dem 16. August 1983, bestieg Tübke im Panoramasaal das große Arbeitsgerüst und setzte erstmals Farbe auf die Leinwand. In 14 Metern Höhe, im Bildbereich des »Jüngsten Gerichts«, begann der Maler seine gut vierjährige Arbeit am Bild. Auf dem mit fünf Etagen ausgestatteten, fahrbaren Arbeitsgerüst malte er im halbdunklen Saal und bei einer Raumtemperatur, die oft 30 Grad Celsius erreichte. Gleißendes Scheinwerferlicht kam noch hinzu. Geistig und physisch anstrengend war die Arbeit: In den verschiedensten Körperhaltungen, vom Über-dem-Kopf- bis zum Liegend-Malen, sammelte Tübke selbst alle notwendigen Arbeitserfahrungen in der Tradition der Bauhüttengesinnung. Die auf der weißen Leinwand vorhandene Konturenzeichnung gab ja nur eine Orientierung für die Strukturen und die Größenverhältnisse. Auch die mehrfach vergrößerten Farbfotoausschnitte der 1:10-Fassung waren zwar sehr wichtig, aber ebenfalls nur Hilfsmittel. Sie konnten trotz einer guten Qualität nicht absolut zuverlässig die genauen Farbtöne sowie alle Farbnuancen, wie sie auf dem Wandbild erscheinen mussten, garantieren. Mehrfach während des zehn- bis zwölfstündigen Arbeitstages war der Gang zur 1:10-Fassung nötig (sie befand sich im oberen Foyer), um sich eine Figur oder Farbwerte bzw. Stimmungen einzuprägen. Alle Anstrengungen bewältigte Tübke mit der ihm eigenen Konsequenz, Disziplin und Zähigkeit und übertrug seine schöpferische Haltung auf die Helfer sowie alle Mitarbeiter der Gedenkstätte. Seine Arbeitszeit war die Arbeitszeit aller. Er bestimmte das Arbeitsregime im Hause.

Die Helfer

Bis zum 22. Januar 1984 arbeitete der Maler allein an der Bildwand. Er erkundete alle maltechnischen und gestalterischen Probleme und schuf auf diese Weise für seine Helfer ein genügend großes, beispielhaftes Bildfeld. Während der Malarbeiten leitete er auch weiterhin das Training seiner Helfer im Foyer des Bildsaales.

Zur Vorbereitung des Einsatzes der Helfer hatten die Techniker der Gedenkstätte ein zweites, kleineres fahrbares Arbeitsgerüst geschaffen. Mittlerweile hatten Helmut Felix Heinrichs und Eberhard Lenk die nötigen Fertigkeiten und Kenntnisse, so dass Tübke sie an der Leinwand einsetzen konnte. Er setzte die Helfer allerdings nur im oberen Drittel des Bildes zur Malarbeit ein, während er sich vorbehielt, die unteren zwei Drittel selbst zu malen. Am 23. Januar 1984 begannen die beiden Maler mit ihrer Arbeit. Die anderen Künstler trainierten weiter. In den Monaten März, April und September des Jahres 1984 erfolgte schließlich der Einsatz der Maler Volker Pohlenz, Andreas Katzy und Matthias Steier. Tübke kam mit seinen fünf Mitarbeitern gut voran, behielt sich aber stets die abschließende Kontrolle vor. So wertete er am Ende jedes Arbeitstages die Leistungen der Helfer aus.

Schon am 9. Januar 1985 war die Hälfte der Leinwand bemalt. Der für die Vollendung des Kunstwerkes im Jahre 1987 angepeilte Termin schien garantiert werden zu können. Der Künstler und der Auftraggeber hielten nun die Zeit für gekommen, das bis dahin erreichte Ergebnis der Öffentlichkeit vorzustellen. Am 26. Februar 1985 wurde deshalb im Panoramasaal eine Pressekonferenz durchgeführt. Die anwesenden Vertreter der nationalen und internationalen Presse nahmen das vom Künstler und seinen Helfern bisher Geschaffene mit großem Respekt auf. Nahezu einhellig sprachen danach die Medien von der großen Gestaltungskraft des Künstlers und der Einmaligkeit seines Kunstwerkes. Der Kunstkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Eduard Beaucamp schrieb am 18. Januar 1986 von einem »Jahrhundertwerk«. Das Bild sei »der geradezu titanische Versuch« einer »anachronistischen Erneuerung des Panoramabildes des 19. Jahrhunderts«, um »zu einem historisch vielschichtigen Weltbild« vorzudringen und dabei »Terrain, das schon an die modernen Massenmedien verloren schien, noch einmal für die Kunst zurückzugewinnen«.

Alles sah aus, als könnte das Panoramabild zeitig fertiggestellt werden. Aber 1986 stockte die Arbeit plötzlich. Nur etwa 300 Quadratmeter gemalte Fläche kamen zum Werk hinzu. Helmut Felix Heinrich erkrankte an einem Augenleiden und musste ausscheiden. Kurz darauf ereilte Werner Tübke durch den Riss einer Sehne an der rechten Hand ein schwerer Unfall. Eine komplizierte Operation wurde nötig. Der Heilungsprozess zog sich hin, hinzu kam eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, so dass der Maler gezwungen war, eine viermonatige absolute Arbeitspause einzulegen. Im Anschluss daran erlaubten ihm die Ärzte nur wenige Stunden künstlerischer Arbeit. Aber Tübke blieb dennoch optimistisch, nichts konnte ihn aufhalten, das begonnene Werk zu vollenden.

Publikumsmagnet

Am 11. September 1987 war schließlich mit dem letzten Pinselstrich das Monumentalbild vollendet. Am 16. Oktober 1987 übergab Werner Tübke feierlich dem Auftraggeber, dem Kulturminister der DDR, Hans-Joachim Hoffmann, sein Werk mit der Abschlusssignatur »Tübke 1987«. Damit wurde nach zwölf Jahren ein Malauftrag vollendet, der in der Kunstgeschichte unserer Zeit einmalig ist.

Bevor aber das Bild der Öffentlichkeit übergeben werden konnte, musste noch das Problem der Ausleuchtung gelöst werden. Der Ingenieur für Beleuchtungstechnik Uwe Rotex vom Fernsehen der DDR schuf ein computergestütztes Modell. In einer mehrtätigen Arbeitsphase wurde Schritt für Schritt das gesamte Monumentalbild ausgeleuchtet, frei von Schatten und Glanzbildung. Auch der Wunsch des Künstlers, dass die Besucher zunächst einen dunklen Saal betreten und das Bild aus dem Dunkel heraus nach und nach zu strahlen beginnt, konnte erfüllt werden.

Das Ende eines langen Weges war erreicht. Am 14. September 1989 wurde das Bauernkriegspanorama anlässlich des 500. Geburtstages von Thomas Müntzer eröffnet. Während unmittelbar nach der »Wende« über eine Schließung des Panoramamuseums diskutiert wurde, erfreut sich das Bild heute großer Aufmerksamkeit und zählt zu den touristischen Publikumsmagneten des Freistaates Thüringen.

Richard Stephan war Leiter der Abteilung für Kultur der SED-Bezirksleitung in Halle an der Saale. Er hat die Entstehung von Werner Tübkes monumentalem Panoramagemälde über die »Frühbürgerliche Revolution« von Anfang an verfolgt. Dazu veröffentlichte er 2013 bei AVM in München »Im Bannkreis eines Epochengemäldes. Von der Idee zur Wirklichkeit. Das Bauernkriegspanorama auf dem Schlachtberg bei Bad Frankenhausen«.

Ähnliche:

  • Durch die Welt ein Riss, die alte Vorstellung zerfällt – Ausschn...
    12.09.2019

    Im Panorama

    Die Entstehung des Bildes »Frühbürgerliche Revolution in Deutschland« von Werner Tübke (Teil 1)
  • Ronald Paris: Unser die Welt – trotz alledem, 1975/76, Dispersio...
    15.11.2017

    Ein eigenes Urteil bilden

    Das Potsdamer Museum Barberini zeigt Kunst aus der DDR – darunter zahlreiche Bilder, die nach 1990 nicht mehr zu sehen waren
  • »Formal neuartige, persönliche Vision von deutscher Geschichte«:...
    30.07.2009

    Der Weltbild-Maler

    Prinzip Theatralität: Vor 80 Jahren wurde Werner Tübke geboren