Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 13.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Der Mann an Ulbrichts Seite

Zum Tod von Herbert Graf (1930–2019)
Von Frank Schumann
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Die wichtigsten Jahrzehnte seines Lebens: Herbert Graf (l.) mit seinem Chef Walter Ulbricht (2. v. r., 1969)

Er sei der Sohn eines Dissidenten! Darauf legte er großen Wert. Doch sagte er das nur, um zu provozieren, denn der Begriff besaß inzwischen eine andere Bedeutung als noch vor Jahrzehnten. Auf seinem Geburtsschein – ausgestellt am 21. April 1930 vom Preußischen Standesamt Westeregeln – stand nämlich in der Spalte Religion des Vaters »Dissident«. Denn in der DDR war Herbert Graf kein Oppositioneller, sondern bewusst staatstragend. Mit 24 Jahren war er nach dem Ökonomiestudium in Karlshorst in die Regierungszentrale gekommen und Mitarbeiter Walter Ulbrichts geworden. Dies blieb er bis zu dessen Entmachtung. Diese zwei Jahrzehnte gehörten zu den wichtigsten seines Lebens, wie man in seinen Erinnerungen »Mein Leben. Mein Chef Ulbricht. Meine Sicht der Dinge« (2008) nachlesen kann. Wie kaum jemand vor oder nach ihm beschreibt Herbert Graf darin die 50er und 60er Jahre im Spannungsfeld sowjetischer Interessen und westlicher Angriffe. Er war ein Insider, er war der Mann an Ulbrichts Seite.

Nach der Zeit im Staatsrat, in der er Innenpolitik aktiv gestaltete, wurde er nicht ganz freiwillig, aber mit Überzeugung und Leidenschaft Außenpolitiker. Die Nelkenrevolution 1974 hatte das portugiesische Kolonialreich zerschlagen, im Dezember 1974 kam der mosambikanische Präsident Samora Machel nach Berlin und eruierte, wie die DDR seinem Land auf dem Weg zur Unabhängigkeit helfen könne. An der Spitze einer Expertenkommission bereiste Herbert Graf alle elf Provinzen, machte Vorschläge zur politischen und ökonomischen Neugestaltung des Landes. Er war dabei, als Machel am 25. Juni 1975 um null Uhr im Machava-Stadion in Lourenço Marques (heute Maputo) die Unabhängigkeit Mosambiks proklamierte.

In ähnlicher Weise engagierte er sich für die DDR im Jemen, in Angola und in der Republik Kongo, Graf war auf drei Kontinenten als Wissenschaftler, Berater und Lehrer unterwegs. So war er auch in den 70er Jahren an Gesprächen beteiligt, um zwischen Äthiopien und Eritrea Frieden zu stiften. Der Konflikt endete 2018, in Eritrea erinnerte man sich nun auch der geheimen Konferenzen in Berlin. Herbert Graf war der letzte lebende Beteiligte, und es gab keine Dokumente. So machte er sich daran, seine Erinnerungen für die Nationalgeschichte Eritreas aufzuschreiben. Es sollte sein letztes Buch werden. »Eritrea, Oase am Roten Meer. Ein junger Staat auf neuen Wegen« hatte er es überschrieben.

Herbert Graf war auch ein produktiver, kritischer Beobachter – ein kommunistischer Dissident. Er rezipierte nahezu alle wesentlichen Nachrichten und wichtigen Neuerscheinungen. Schickte ich ihm am Abend einen Wälzer ins Haus, konnte ich sicher sein, dass er am Morgen mit einer dezidierten Meinung aufwartete. Es verging kaum ein Tag, an dem er sich nicht mit einem Kommentar zum Zeitgeschehen bei mir meldete. Egal, ob von daheim, oder, was in diesem Jahr die Regel war, aus dem Krankenhaus. Und nebenbei schrieb er. Seit Monaten arbeitete er an einer Geschichte des geteilten Berlins zwischen 1945 und 1990, und immer wieder entdeckte er Neues, Verdrängtes oder Vergessenes. Am Freitag vergangener Woche, schon seit Wochen in ärztlicher Obhut, informierte er aus dem Hospital, dass er am 12. September zur OP müsse, die Unterlagen für das Berlin-Buch lägen bei ihm auf dem Schreibtisch.

Herbert, mein Lieber, du bringst die Sache allein zu Ende, drohte ich. Das ist ein Parteiauftrag. Na, ich weiß nicht, entgegnete er weniger nassforsch als ich, mach’s gut.

Er wusste es mal wieder besser. Am Sonntag ist Herbert Graf verstorben.

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