Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 13.09.2019, Seite 4 / Inland
Grüne im Südwesten

Grüner Autofreund macht weiter

Baden-Württemberg: Kretschmann kandidiert 2021 erneut. Linkspartei kritisiert »­konzernorientierten« Ministerpräsidenten
Von Kristian Stemmler
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Winfried Kretschmann am Donnerstag in Stuttgart

Sein Auftritt hatte etwas von Hof halten, auch wenn er den Satz »Wir leben ja nicht in einer Monarchie« einfließen ließ. Vor der Landespressekonferenz in Stuttgart verkündete Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Donnerstag vormittag, bei der Landtagswahl 2021 ein drittes Mal als Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen antreten zu wollen. »Ich werde wieder meinen Hut in den Ring werfen«, erklärte der bekennende Autofan, der seit 2011 das Ländle regiert, erst an einer Spitze einer »grün-roten«, jetzt einer »grün-schwarzen« Koalition.

Ausführlich ließ der erste und einzige grüne Regierungschef eines Bundeslandes die Journalisten an den persönlichen Erwägungen teilhaben, die zu der Entscheidung geführt hatten. Er habe sich in »intensiven Gesprächen« mit politischen Weggefährten ebenso ausgetauscht wie mit Freunden und der Familie. Seine Frau habe gesagt: »Mach das noch mal!« Auch sein Alter, Kretschmann ist 71 Jahre alt, habe in den Überlegungen eine Rolle gespielt. Er fühle sich fit genug für das Amt.

Er sei »immer noch neugierig« und wolle mit Leidenschaft die »großen Herausforderungen anpacken, vor denen wir stehen«, führte der Grüne weiter aus. »Wir leben in dramatischen Zeiten«, rief er aus und bezog das auf das Thema, das seiner Partei zuletzt neue Mitglieder und Wähler zugeführt hat: den Klimawandel. Er sei »fest davon überzeugt«, dass noch ein »Transformationsprozess der Wirtschaft« gelingen könne, der für die Rettung des Klimas sorge, ohne den Wohlstand zu gefährden.

Seine Aufgabe sehe er darin, so Kretschmann, »Orientierung in die Debatte zu bringen«. Er wolle das große Vertrauen, das er in der Bevölkerung genieße, »in die Waagschale werfen, um diese Prozesse zu gestalten«. Allerdings werde der ökologische Umbau »nicht ohne Zumutungen« zu haben sein, und das »für jede Gruppe, auch für die Wirtschaft«.

Kurz vor der Pressekonferenz hatte Kretschmann seine Absichten in einem »Brief an die Bürgerinnen und Bürger« auf seiner Homepage erläutert. In dem Text reiht der Grüne Allgemeinplätze aneinander. »Der Kitt unserer Gesellschaft beginnt zu bröckeln«, schreibt er, der Ton werde rauer. »Mutig und besonnen« müssten »die richtigen Weichen« gestellt werden. Deshalb habe seine Landesregierung als erste im Lande eine »umfassende Digitalisierungsstrategie aufgelegt«. Zudem wolle er, dass »das emissionsfreie Auto der Zukunft bei uns in Baden-Württemberg vom Band rollt«.

Die Landesvorsitzenden der Grünen, Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand, huldigten ihrem Zugpferd auf der Pressekonferenz. Kretschmann sei »ein hervorragender Ministerpräsident für dieses Land«, jubelte Detzer.

Weniger begeistert von der Personalentscheidung bei den Grünen zeigte sich Bernhard Strasdeit, Landesgeschäftsführer von Die Linke Baden-Württemberg. Die Ankündigung von Winfried Kretschmann, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren, sei »keine gute Botschaft für unser Land«, sagte er am Donnerstag im Gespräch mit junge Welt. Die Erklärungen des Grünen, den Klimawandel bekämpfen zu wollen, seien reine Rhetorik.

Kretschmann sei »konzernorientiert«, so Strasdeit weiter, er setze auf das Elektroauto, wolle die Automobilindustrie in Baden-Württemberg zum Weltmarktführer auf diesem Gebiet machen. Das halte die Linke für den falschen Weg. Zugleich stelle Kretschmanns Kabinett etwa viel zu wenig Geld für die weitere Elektrifizierung von Bahnstrecken zur Verfügung. Auch in der Sozialpolitik sei von dem Grünen wenig zu erwarten. So seien die Gebühren für Kitas im Land sehr hoch, der Ministerpräsident stelle sich dennoch gegen ein breites Bündnis, das gebührenfreie Kitas fordert. »Die CDU ist in vielen Punkten sozialer als die Grünen hier«, so Strasdeit.

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