Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 12.09.2019, Seite 16 / Sport
Straßenradsport

Das ungeschriebene Gesetz

Abgeklärt und fair dominiert Primoz Roglic die »Vuelta a España«
Von Janusz Berthold
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Wollte »der beste Skispringer der Welt« werden: Primoz Roglic am Wochenende

Lange bot die »Vuelta a España 2019« reichlich Absurditäten, aber kein klares Bild in der Gesamtwertung. Das sollte sich erst mit dem zehnten Tagesabschnitt am 3. September grundlegend ändern. Beim gut 36 Kilometer langen Zeitfahren von Jurançon ins französische Pau erwarteten alle ein Ausrufezeichen von Topfavorit Primoz Roglic (Team Jumbo-Visma). Der Slowene konnte es setzen. Er gewann den Kampf gegen die Uhr souverän, verwandelte einen leichten Rückstand in der Gesamteinzelwertung in einen komfortablen Vorsprung.

Mit satten 1:52 Minuten Rückstand folgte der aktuelle Weltmeister Alejandro Valverde (Movistar), 2:11 Minuten nach Roglic der hoch gehandelte Kolumbianer Miguel Ángel López (Astana) auf Platz drei. Die folgenden beiden Etappen durch bergiges Terrain im nordwestlichen Spanien wurden von permanenten Attacken geprägt. Folgerichtig gab es schöne Siege aus Ausreißergruppen heraus.

Die 13. Etappe am vergangenen Freitag bot das geeignete Profil für einen Großangriff auf den Träger des »Maillot Rojo«. Für den Start in Bilbao hatten die baskischen Gastgeber eine besondere Geste erdacht. Im »San Mamés«, dem Fußballstadion des legendären Athletic Club Bilbao, fuhr das Peloton während der neutralisierten Startphase eine Ehrenrunde. Drei baskischen Vuelta-Fahrern wurde dabei die Ehre zuteil, in historischen Radtrikots des Fußballklubs zu glänzen, der vor knapp hundert Jahren auch über eine Radsportabteilung verfügt hatten. So kamen die populärsten Sportarten der Region in Rot-Weiß zusammen – leider vor leeren Rängen, Zuschauer waren aus unerfindlichen Gründen nicht zugelassen.

Primoz Roglic dominierte die folgende Königsetappe mit ihren sieben Bergwertungen. Am Ende der 166,4 Kilometer ging es eine bis zu 25 Prozent steile Rampe hinauf zum Ziel in Los Machucos. Der Slowene wehrte erst sämtliche Attacken ab, um letztlich selbst erfolgreich zum Angriff überzugehen. Lediglich sein Landsmann, der erst 20jährige Tadej Pogacar (UAE Team Emirates), konnte folgen. Die beiden besprachen sich am Schlussanstieg kurz, arbeiteten dann bis ins Ziel zusammen. Und Roglic befolgte das ungeschriebene Gesetz, als Gesamtführender nicht allzu gierig zu sein: Er überließ Pogacar den Etappensieg. Pogacar übernahm damit auch das Weiße Trikot des besten Jungprofis von Miguel Ángel López.

Zur märchenhaften Laufbahn des Gesamtführenden Roglic gehört, dass er als Skispringer begann. »Im Ausdauersport war ich immer gut, ich bin aber vornehmlich gelaufen«, sagte er einmal. Er pfiff auf die enormen Kapazitäten, die bei einer Messung ermittelt worden waren, bis ihn 2007 eine Windböe fürchterlich auf den Hang der Flugschanze von Planica nagelte. Auch wenn schwere Verletzungen damals wie durch ein Wunder ausblieben, verlor Roglic den Anschluss an die Spitze. »Ich wollte der beste Skispringer der Welt werden, der Traum hat sich nicht erfüllt.« Jetzt ist er im Begriff, der beste Straßenradsportler zu werden.

Am Montag baute er seinen Vorsprung auf dem Weg hinauf zum Alto de la Cubilla in Asturien weiter aus. Der Tagesabschnitt ließ Erinnerungen an den »Spanischen Oktober« wach werden. Im Zuge des Asturischen Bergarbeiterstreiks von 1934 entstand hier eine stabile Allianz aus proletarischen Gewerkschaften, Anarchosyndikalisten und Kommunisten. Eine asturische Kommune, Keimzelle der späteren Volksfront im Kampf gegen Franco. Roglic dürfte die Spanienrundfahrt sympathisch abgeklärt zu Ende bringen und am Sonntag in Madrid ganz oben auf dem Podium stehen.

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