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Aus: Ausgabe vom 12.09.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Auf den Punkt

Zu jW vom 31.8.: »›Teil des Systems‹«

Der Halbsatz der Autorin, dass bei der Formel »Mensch und Natur vor Profit« letzterer immer noch Teil der Gleichung ist, trifft den reformistischen Nagel auf den Kopf. Dass die Interessen der Menschen vor denen des Kapitals kommen sollen, klingt ja erst mal gut und schön – doch gerade deshalb wird oft übersehen, dass die Interessen des Kapitals nicht mit demselben beseitigt werden sollen, sondern in der Vorstellung dieser Reformisten weiterhin ihren legitimen Platz, wenngleich nicht mehr oberste Priorität, haben (von der Frage, wer »der Mensch« ist und was seine Interessen sind, ganz abgesehen). Größtenteils völlig unbewusst kommt so in einer simplen und scheinbar wohlklingenden Formel das ganze reformistische Wesen der Linken (der Partei, aber leider auch nicht allzu weniger Linker) zum Ausdruck.

Ralph Petroff, per E-Mail

Fauler Apfel

Zu jW vom 3.9.: »Desaster ohne Folgen«

Als ganz desaströs empfinde ich (…) den Ausgang der Wahlen in Brandenburg und Sachsen nun auch nicht. (…) Denn die neoliberale FDP blieb bei beiden Wahlen unter der Fünfprozenthürde. »Ein fauler Apfel steckt hundert gesunde an«: Die FDP hat zuerst Helmut Kohls CDU/CSU angesteckt, dann Gerhard Schröders SPD, schließlich Joseph Fischers Grüne, und sie »inspirierte« sogar die Gründung der AfD. Dabei wüsste ich nicht, was dem entspannt AfD-FDP-freien Bundestag von 2013 bis 2017 gefehlt haben sollte. (…) Anders verhält es sich mit der existentiellen ökologischen Frage. Ein Genosse in Brandenburg (wo noch immer Braunkohle gefördert wird) sagte vor einiger Zeit, er diskutiere lieber dreimal über Soziales als einmal über Energie. Das war falsch und undialektisch. Spätestens wenn die bewohnbaren Nischen rar werden, bevor sie ganz verschwinden, ist klar, dass die soziale Frage unmittelbar von der ökologischen abhängt. Auch ist unsere Überlebensfrage zweifelsfrei eine Systemfrage, in der wir uns als Linke schon deshalb besser auskennen sollten als Kräfte rechts von uns. Slogans von »Fridays for Future« sind: »System change, not climate change«, und: »The solution – revolution!« Diskutieren wir die ökologische Frage von links! Schärfen wir unser ökologisches Profil! »We are unstoppable – another world is possible!«

Bernhard May, Solingen

Gut vermittelt

Zu jW vom 7./8.9.: »Jubel, Grusel und Retusche«

Über diesen Aufsatz habe ich mich sehr gefreut, da er von einem klaren Standpunkt aus das Erstarken faschistischer Tendenzen am thüringischen Beispiel darstellt und erklärt. Wir Marxisten neigen ja dazu, politische Phänomene wissenschaftlich-rational auf einem hohen Abstraktionsniveau zu erklären (siehe Georgi Dimitroff auf dem VII. Weltkongress der Komintern 1935). Doch meist fehlt dabei die subjektive Erlebens- und Vermittlungsebene: Warum fällt vor allem bei enttäuschten, sozial verunsicherten und durch die »Wende« gedemütigten Menschen der Irrationalismus faschistischen Denkens auf besonders fruchtbaren Boden? Diese Verknüpfung von objektiver Empirie und subjektiver Wahrnehmung ist Burga Kalinowski beispielhaft gelungen. (…)

Theiß Urbahn, Berlin

Inklusive Klassenpolitik

Zu jW vom 7./8.9.: »Dauerhafter Faktor«

Dass die völkisch-nationalistische AfD große Wahlerfolge erzielt, weil sie zunehmend von Lohnabhängigen gewählt wird, hat seinen Grund in der Ethnisierung der sozialen Frage. Indem die AfD-Ideologen die soziale Frage ethnisieren, deuten sie die vertikale soziale Frage hurtig um in eine horizontale. Der real existierende Gegensatz zwischen den Reichen oben, die Produktionsmittel besitzen, und den Armen unten, die bloß ihre Arbeitskraft besitzen, wird auf diese Weise hinweginterpretiert. An die Stelle des Klassengegensatzes zwischen Kapitalisten und Lohnarbeitern lassen die völkischen Ideologen sodann die Konflikte zwischen innen und außen treten. Zum grundlegenden Gegensatz werden dergestalt die Konflikte zwischen Migranten und einem als homogen herbeiphantasierten »deutschen Volk«. (…) Dieser völkischen Neuinterpretation der sozialen Frage stimmen etliche Lohnabhängige zu, weil in ihrem Alltagsbewusstsein »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« wirkmächtig ist. Sie richtet sich vornehmlich gegen Flüchtlinge und Migranten, deren (halluzinierter) »Landraub« gestoppt werden müsse. Gestoppt werden könnte der Aufstieg der völkisch-nationalistischen AfD mittels einer »inklusiven demokratischen Klassenpolitik«, schreibt der Soziologe Klaus Dörre in dem Buch »Arbeiterbewegung von rechts?«. In deren Zentrum müsse die Interessenvertretung aller Lohnabhängigen stehen – seien sie nun »Eingeborene« oder Migranten. Dabei komme es letztlich darauf an, den Rassismus, der die Basis des völkischen Populismus ist, »nicht nur zu kritisieren, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern, die ihn hevorbringen«. Gestoppt werden müsste also der »Mahlstrom des Marktes«, der die lohnabhängigen Menschen zu »variablem Kapital« (vulgo »Humankapital«) verdinglicht.

Franz Anger, per E-Mail

Seltene Klarsicht

Zu jW vom 9.9.: »Maulkorbträger des Tages: Peter-Michael Diestel«

Die besprochene MDR-Sendung »Riverboat« am vergangenen Freitag mit Peter-Michael Diestel habe ich live erlebt. Köstlich und höchst amüsant dessen bildhafte Vergleiche zur jüngeren Entwicklung in Deutschland. Die ausgesprochene Kritik ist sehr berechtigt und findet meine ungeteilte Anerkennung. Wenn doch nur viele der in Verantwortung stehenden Politiker, von der Kanzlerin aus dem Osten bis hin zu ihrem Ostbeauftragten (…), soviel Klarsicht hätten und diese Erkenntnisse nicht jahrelang zugeschminkt hätten. Die menschliche Gesellschaft würde im Land längst nicht so beschädigt sein und diese entsetzlichen Deformationen nach rechts aufweisen. Der »namenlose Onlineredakteur« beim MDR, der den 15minütigen Beitrag mit Peter-Michael Diestel aus der Mediathek verbannt hatte, muss feststellbar sein und sollte mutig vor das Fernsehpublikum treten. Eine beglaubigte Entschuldigung wäre das allermindeste. (…)

Rainer Döhrer, Barchfeld/Werra

Der ›Mahlstrom des Marktes‹ muss gestoppt werden, der die lohnabhängigen Menschen zu ›Humankapital‹ verdinglicht.