Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 12.09.2019, Seite 12 / Thema
DDR-Kunstgeschichte

Im Panorama

Die Entstehung des Bildes »Frühbürgerliche Revolution in Deutschland« von Werner Tübke (Teil 1)
Von Richard Stephan
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Durch die Welt ein Riss, die alte Vorstellung zerfällt – Ausschnitt aus Tübkes Panoramabild »Frühbürgerliche Revolution in Deutschland«, das vor 30 Jahren erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde

Im September 1971 besuchten Edith Brandt, Mitglied des Zentralkomitees der SED und Sekretärin für Wissenschaft, Volksbildung und Kultur der Bezirksleitung Halle, und der Autor das ­Borodino-Panorama in Moskau. Nach diesem Besuch war klar: Ein Panorama nach dem Moskauer Vorbild wäre eine vorzügliche Möglichkeit, die Kämpfer des Deutschen Bauernkrieges mit ihrem führenden Repräsentanten Thomas Müntzer zu würdigen. Der Standort für das Panorama konnte nur der bei der Stadt Bad Frankenhausen liegende Hausberg (Schlachtberg) mit einer Höhe von 267,50 Metern sein. Den historischen Zeugnissen nach war es jener Ort, wo am 14. und 15. Mai 1525 die letzte große Schlacht des Deutschen Bauernkrieges stattgefunden hatte. Auf dem Berg stand die Wagenburg der Aufständischen, an diesem Ort predigte Thomas Müntzer, dort verrieten die Emissäre der Fürsten in Verhandlungen die Kämpfer Müntzers.

Die Idee für ein Panorama bei Bad Frankenhausen fand auch in der Regierung der DDR und im Zentralkomitee der SED uneingeschränkte Zustimmung. Die Arbeit konnte beginnen. Dass sie fast zwei Jahrzehnte andauern sollte, ahnte keiner der Initiatoren und Beteiligten. Die Zielvorgabe lautete: Im Panorama soll ein historischer Augenblick der Auseinandersetzungen der Streitmacht des Volkes unter der Führung Thomas Müntzers gegen die Heere der Fürsten, die militärischen Kräfte der Feudalgewalt dargestellt werden. Auch wenn die Schlacht grausam endete, sollte es doch möglich sein, den Heroismus und den Glauben der Bauern an eine bessere Welt der Gerechtigkeit zum Ausdruck zu bringen.

Neue Bauweise

Unmittelbar nach dem Beschluss zur Errichtung des Panoramas begannen Studienreisen von Architekten, Kulturfunktionären, Kunstwissenschaftlern, Historikern und Ingenieuren nach Moskau und Wolgograd, um die sowjetischen Erfahrungen kennenzulernen. Von 1972 bis zum Frühling 1974 erarbeiteten die Leipziger Historiker Manfred Bensing und Siegfried Hoyer wissenschaftliche Grundlagen für den Inhalt des geplanten Panoramas. Die Hallenser Architekten Harald Zaglmeier und Gleb Samodelkin schufen in dieser Zeit die Grundkonzeption für die Architektur der Gebäude und Anlagen. Bereits am 8. Mai 1974 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung für das Panorama auf dem Schlachtberg.

Die Bauleute legten ein gutes Tempo vor. Schon am 15. Mai 1975 war Richtfest für den Rohbau des Rundbaus mit einer Höhe von 27,85 Metern und einem Außendurchmesser von 43,72 Metern. Wenige Monate später, am 19. Dezember, beging man das Richtfest für den Rohbau des Eingangsgebäudes (54 Meter breit und 24 Meter tief.)

Am 13. Mai 1977 kam es zum vorläufigen Abschluss der Bauarbeiten am gesamten Projekt. Vorläufig deshalb, weil klar war, dass die Herstellung und der Kauf der überdimensionalen Leinwand, ihre Hängung, die Präparierung und ihre künstlerische Gestaltung noch sehr viel Zeit in Anspruch nehmen würden. Dies traf ebenso auf die Herstellung des Vorbodens vor der Leinwand im Panoramasaal zu.

Um der interessierten Öffentlichkeit von Anfang an Einblicke in die Gestaltung des Panoramaprojektes zu ermöglichen, wurden zugleich an diesem Tage in einer festlichen Veranstaltung das Eingangsgebäude, der unterirdische Treppenaufgang und das obere Foyer der Öffentlichkeit zur musealen Nutzung übergeben. Bis zum Mai 1983 wurden dort zahlreiche Ausstellungen von Studienarbeiten Werner Tübkes und von Malern und Grafikern der DDR sowie andere Veranstaltungen durchgeführt. Sie fanden bei den Bürgern der Stadt Bad Frankenhausen, aber auch bei vielen anderen kulturell interessierten Bürgern der DDR einen regen Zuspruch.

Über die Architektur des Panoramarundbaus ist in den späteren Jahren oft debattiert und gespottet worden. Der Volksmund wollte darin ein »Elefantenklo« erkennen. Natürlich gab es seinerzeit auch andere architektonische Vorschläge. Man entschied sich jedoch für eine einfache, aber machbare Art des Bauens mit Spannbeton und Fertigteilelementen, eine damals revolutionäre Lösung im Bauwesen, zumal der Ingenieur Herbert Müller aus Halle die hyperbolische Paraboloidschale, kurz HP-Dreieckschale, erfunden hatte. Sie kam erstmals in größerem Umfang beim Dach des Rundbaus für das Panorama zur Anwendung. Neben der Einsparung von Material war es so möglich, einen großen Zeitgewinn zu erreichen.

Die Konstrukteure des Panoramabauwerkes lösten sich ganz bewusst von althergebrachten Regeln und Traditionen des Bauens. Die erhebliche praktische Bedeutung einer solchen Lösung kann man auch aus einem von Herbert Müller angestellten Vergleich ersehen. Die im 16. Jahrhundert gebaute Kuppel über der Peterskirche in Rom mit einer Spannweite von 40 Metern, teilweise in einer Doppelschale aufgelöst, hatte eine durchschnittliche Gewölbestärke von drei Metern und, daraus resultierend, ein Gewicht von 10.000 Tonnen. Dagegen hat die Schalenkonstruktion des Panoramabaus zur Überdachung des Rundbaues mit einer Spannweite von 41,80 Metern lediglich eine mittlere Schalendicke von acht Zentimetern und ein Gesamtgewicht von 440 Tonnen. Das sind nur 4,4 Prozent des Gewichtes der Kuppel der Peterskirche.

Idee erweitert

Der Bau des Bauernkriegspanoramas war erfolgt. Ein Teil des gesetzten Zieles war erreicht. Um aber das Projekt zu vollenden, war noch eine vielfältige Arbeit erforderlich. Es war der Inhalt des Panoramas mit Hilfe der Historiker und Kunstwissenschaftler sehr genau zu bestimmen. Vor allem erwies es sich als dringend erforderlich, die oder den Maler für die überdimensionale Leinwand wie auch die Gestalter des Vorbodens auszuwählen und zu gewinnen. Schließlich musste auch die Beschaffung der Materialien, wozu vor allem die Leinwand und die Farben gehörten, mit Verträgen gesichert werden. Zur Lösung dieser Aufgaben studierten Spezialisten mehrerer Arbeitsgruppen in Moskau, vor allem im Grekow-Studio, die vorhandenen Erfahrungen. Es wurden Abkommen und Verträge mit dem Ministerium für Kultur der UdSSR und nachgeordneten Einrichtungen vorbereitet und abgeschlossen.

Während dieses sich über längere Zeit hinziehenden Arbeitsprozesses vollzog sich eine Wandlung bezüglich der Idee. Es kam zu einer Korrektur der von der DDR-Regierung beschlossenen politisch-inhaltlichen Zielsetzung, wie sie bis dahin dem Plan für das Panorama in Bad Frankenhausen zugrunde gelegen hatte. Dies führte am Ende zwangsweise natürlich auch zur grundlegenden Veränderung der Form, der Art und Weise, wie das Panorama insgesamt inhaltlich gestaltet werden sollte. Anhand der Studien in Moskau und Wolgograd, der wissenschaftlichen Ausarbeitungen der Historiker und Kunstwissenschaftler, aber auch der Gespräche mit Malern und Grafikern war immer deutlicher geworden: Die beschlossene politisch-inhaltliche Zielstellung erwies sich als zu eng gefasst. Die Geschichtswissenschaft der DDR hat stets die Reformation und den Bauernkrieg als eine Einheit verstanden, als die Zeit der frühbürgerlichen Revolution in Deutschland. Nur in diesem Zusammenhang war es möglich, die Kämpfe, Siege und Niederlagen im Deutschen Bauernkrieg, vor allem aber die Rolle Thomas Müntzers und seiner Getreuen, historisch gerecht zu würdigen. Zudem wurde deutlich, dass die Panoramamalerei alten Stils als nicht mehr zeitgemäß angesehen und von vielen bildenden Künstlern geradezu abgelehnt wurde. Die Initiatoren des Projektes, die beteiligten Wissenschaftler und bildenden Künstler waren sich daher einig: Sowohl thematisch als auch künstlerisch sollte es möglich sein, das große Thema »frühbürgerliche Revolution in Deutschland« zu gestalten, wie auch Übereinstimmung darüber bestand, die Frankenhäuser Schlacht mit Thomas Müntzer ins Zentrum der monumentalen Bildgestaltung zu stellen. Es gab zudem eine absolute Übereinstimmung darin, dass in der DDR wohl nur ein Künstler in der Lage war, die Riesenaufgabe eines solchen Monumentalbildes zu bewältigen: Werner Tübke.

Im Herbst 1974 reiste Fritz Dormer nach Leipzig zu Werner Tübke. In einem längeren Gespräch machte er ihn mit dem Projekt des Panoramas bei Bad Frankenhausen vertraut. Kurz danach kam es zu einem Gespräch zwischen DDR-Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann, nach dem Tübke zunächst seine konsultative Mitarbeit am Projekt zusagte. Im April 1975 bekundete er seine Bereitschaft, die künstlerische Konzeption für das Projekt zu verfassen. Mit starkem Interesse verfolgte der Maler die Bauarbeiten auf dem Schlachtberg. Zunehmend wuchs seine Sympathie, und schließlich entschloss er sich, das Panorama in Bad Frankenhausen zu gestalten.

Großes Zeitbild

Doch eine Frage blieb für ihn noch offen: Was sollte es denn für ein Panorama sein? Sollte weiterhin unbedingt dem Beispiel des Moskauer Borodino-Panoramas gefolgt werden? Sollte man sich auf ein Panorama mit einem Bild beschränken? Eine Studienreise nach Moskau im Januar 1976 brachte die endgültige Bestätigung für die Richtigkeit der Wandlung der Idee für das Projekt mit seiner neuartigen, aber kühnen künstlerischen Lösung. Die Studiengruppe kam zu folgenden Schlussfolgerungen:

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Die Errichtung des Rundbaus auf dem Schlachtenberg bei Bad Frankenhausen, dem historischen Ort der letzten großen Schlacht des Deutschen Bauernkriegs (Aufnahme von 1975)

1. Es sei unzulässig, eine Form der Gestaltung von Memorialstätten eines ganz bestimmten Landes zu ganz konkreten historischen Ereignissen zu kopieren. Zudem handele es sich bei den sowjetischen Beispielen immer um die Aufnahme der Panoramatradition des 19. Jahrhunderts unter den Bedingungen der UdSSR des 20. Jahrhunderts.

2. Die sowjetischen Panoramen beinhalten stets eine naturalistisch-illusionistisch gestaltete Darstellung der Ereignisse eines Augenblicks. Es sind keine Kunstwerke. Das in ihnen angewandte Gestaltungsprinzip mit einer bemalten Leinwand, auf der Himmel und Erde zu sehen sind, und einem Vorboden, auf dem sich Schlachtszenen nachgebaut finden, verbunden mit Inszenierungen von Licht und Feuer sowie einer Geräuschkulisse von militärischen Auseinandersetzungen, erzeugten beim Zuschauer die Illusion, mitten im Schlachtgetümmel zu stehen. Eine solche Darstellungsweise eigne sich für Bad Frankenhausen aber überhaupt nicht. Mit den Methoden der herkömmlichen Panoramamalerei ließen sich gesellschaftliche Prozesse und historische Zusammenhänge der frühbürgerlichen Revolution und des Deutschen Bauernkrieges nicht überzeugend gestalten. Die frühbürgerliche Revolution in Deutschland müsse in ihrer Ganzheit und Widersprüchlichkeit verstanden werden, nur das könne das Thema sein, das im Frankenhäuser Panorama gestaltet werden müsse.

3. Obwohl Werner Tübke aus sehr verständlichen Gründen in Moskau noch keine konkreten Ideen vorlegen konnte, betonte er doch schon zu diesem Zeitpunkt seine Absicht, ein großes Zeitgemälde zu schaffen. Ihm sei jetzt schon klar, dass im Kunstwerk etwa drei- bis dreieinhalbtausend Figuren auf der Leinwand erscheinen und dabei historische Persönlichkeiten wie Martin Luther, Müntzer, Philipp Melanchthon und andere den ihnen gebührenden Platz einnehmen würden.

4. Die Debatte um den Inhalt und die Gestaltung des künftigen Monumentalbildes unterstrich die gemeinsame Erkenntnis und den Wunsch Werner Tübkes, begründete aber auch die Notwendigkeit, dass Künstler, Wissenschaftler und Kulturfunktionäre, besonders Künstler und Historiker, engstens zusammenarbeiten müssten. Dies sei vor allem im Prozess der Ideenfindung für den Künstler von größter Bedeutung. Bereits in Moskau wurden daher zwischen Werner Tübke, Manfred Bensing und Siegfried Hoyer mögliche Arbeitsweisen besprochen.

5. Da bis zum Zeitpunkt der Reise im wesentlichen keine konzeptionellen Grundlagen für die museale Gestaltung des Frankenhäuser Panoramas erarbeitet worden waren, bildete man sich in der Studiengruppe auch dazu einen Standpunkt. Übereinstimmend wurde die Erfordernis betont, der musealen Gestaltung die generelle Zielstellung unterzuordnen, im besonderen aber den Inhalt des künftigen Monumentalbildes. Dies war von zentraler Bedeutung, weil sich schon zu diesem Zeitpunkt zeigte, dass sich das künftige Panorama immer im Spannungsfeld von Kunst, Politik und Geschichte bewegen würde. Den Standpunkt der Studiengruppe erhob der DDR-Kulturminister schließlich zum offiziellen Programm für das Panoramaprojekt.

Malerei im Zentrum

Es blieb dabei, wie es Werner Tübke schon im Sommer 1975 in seinem Brief an den Kulturminister geschrieben hatte. Darin hatte er nicht nur seine Zusage zur Übernahme des künstlerischen Auftrages erteilt. Für ihn war die vom zentralen Arbeitsstab am 5. Dezember 1975 beschlossene Wissenschaftskonzeption nunmehr der inhaltliche Rahmen für seine Arbeit. Und dann setzte er gegenüber dem Minister und allen am Projekt Beteiligten seine Prämissen: Das Panoramavorhaben dürfe nicht »museal-didaktisch (…) illustrativ geplant« werden. Die Orientierung müsse »in Richtung hochqualifizierter Malerei als Medium« gehen. Inhaltlich, so der Maler, könne die Konzeption nur bedeuten: »künstlerische Bewältigung der frühbürgerlichen Revolution in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der Geschehnisse in Bad Frankenhausen«. Und damit keinerlei Missverständnisse aufkämen: »Der museale Bereich der Gedenkstätte orientiert sich grundsätzlich auf die Malerei, wird historisch-emotionale Einstimmung auf die Malerei, historisch und ästhetisch zweckdienlich, insofern sich abhebend von anderen Museen mit entsprechendem Grundanliegen.«

Später kam der Maler auf die Zeit seines Einstiegs in das Panoramavorhaben zurück. In der »Stunde der Akademie«, einer Veranstaltung der Sektion Bildende Kunst der Akademie der Künste, führte er am 13. November 1986 aus: »Vergleichbar mit dem Borodino-Panorama in Moskau war ursprünglich geplant, die Bauernbewegung unter Thomas Müntzer darzustellen, also die Schlacht bei Frankenhausen im Mai 1525. Mir war von Anfang an klar, dass man dieses Panorama im alten Stil nicht machen kann. Wir, das waren das Ministerium für Kultur als Auftraggeber, der Rat des Bezirkes Halle, Historiker, Kunstkritiker – und nicht zuletzt der Maler –, haben fast ein Jahr lang progressive, sehr gründliche Gespräche geführt und über einen tatsächlich realisierbaren Plan beraten. Der im Endergebnis formulierte Bildstoff ›frühbürgerliche Revolution in Deutschland‹ implizierte die Reformations- und Kirchengeschichte, die Weltanschauung des Humanismus, den Aufbruch, die Übergangssituation am Ende des Mittelalters.«

Es kann beginnen

Am 21. April 1976 schloss Werner Tübke den offiziellen Vertrag mit dem Kulturministerium. Dem Künstler wurde die Aufgabe übertragen, für das Panorama bei Bad Frankenhausen ein monumentales Wandbild zu schaffen. Er verpflichtete sich, auf der Grundlage der Wissenschaftskonzeption und in ständiger Konsultation mit dem zentralen Arbeitsstab tätig zu sein. Er hatte Ideenentwürfe, Skizzen und Studien bis zum ersten Modellentwurf (1:10) anzufertigen und Vorschläge für die innenarchitektonische Gestaltung des Panoramas vorzulegen. Zum Auftrag gehörte die Ausführung der Wandmalerei in den im Panoramasaal vorgesehenen Maßen (14 mal 120 Meter). Man vereinbarte die Übernahme der gesamten künstlerischen Leitung durch Werner Tübke, wozu vor allem auch die Auswahl, Ausbildung und Anleitung einer noch zu gewinnenden Gruppe junger künstlerischer Mitarbeiter gehörte. Ganz bewusst wurde der Endtermin für die Erfüllung des Auftrages offengelassen. Dies entsprach dem Vertrauensverhältnis zwischen den Beteiligten, aber auch der Einmaligkeit der Aufgabe. Alle, die am Projekt teilnahmen, wussten: Werner Tübke wird das Ziel erreichen. Man kann dem Kunstwissenschaftler Karl Max Kober deshalb nur zustimmen, wenn er sagte: »Dass Werner Tübke den Auftrag übernahm und vom ersten Tage an als Partner mit Eigenverantwortung auftrat, der seine ideellen und künstlerischen Vorstellungen einbrachte, (…) zeigt die gesamte gegenseitige respektierte Souveränität, für die es in der Kunstgeschichte nicht viele Beispiele gibt.«

Völlig zu Recht haben einige Kunstwissenschaftler Mitte der 1990er Jahre des vorigen Jahrhunderts die Übernahme des Malauftrages durch Werner Tübke für das Panorama bei Bad Frankenhausen mit anderen Beispielen aus der Kunstgeschichte in Beziehung gebracht. Der Maler sagte selbst dazu: »Der weitaus größte Teil meiner Arbeit ist – natürlich – im ›Eigenauftrag‹ entstanden. (…) Das Gespräch habe ich im Vorfeld der Arbeit immer gesucht, und das Klima zwischen Auftraggeber und Maler war gut, sogar produktiv. (…) Auch für das Rundbild im Panorama Bad Frankenhausen gab es keine Einengungen. Im Gegenteil, das Klima Arbeitgeber/Arbeitnehmer war hervorragend, die Arbeitsbedingungen konnten besser nicht sein. (…) Will sagen: Zwischen ›Eigenauftrag‹ und ›Fremdauftrag‹ gibt es bei mir keinen Unterschied. Historisch gesehen, ist Kunst im Auftrag völlig normal, man könnte die größten Namen nennen.«

Schließlich schloss Tübke die Einstiegsphase ins Panoramaprojekt mit einem »Ausstieg« ab. Im Sommer 1976 entband das Ministerium für Kultur der DDR ihn vom Amt des Rektors der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und dankte ihm für die verdienstvolle Arbeit.

Der lange Weg zum monumentalen Bild konnte nun beschritten werden. Die politischen Entscheidungen waren getroffen, ebenso entschieden waren der neue Inhalt und demzufolge die veränderte Gestaltungsform für das Panorama. Der Künstler Werner Tübke stand bereit, seine ganzen Kräfte und sein künstlerisches Talent für ein Kunstwerk einzusetzen, das als ein einmaliger Auftrag in der Malerei bekannt werden sollte.

Richard Stephan war Leiter der Abteilung für Kultur der SED in Halle an der Saale. Er hat die Entstehung von Werner Tübkes monumentalem Panoramagemälde über die »Frühbürgerliche Revolution« von Anfang an verfolgt. Dazu veröffentlichte er 2013 bei AVM in München »Im Bannkreis eines Epochengemäldes. Von der Idee zur Wirklichkeit. Das Bauernkriegspanorama auf dem Schlachtberg bei Bad Frankenhausen«.

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