Gegründet 1947 Donnerstag, 19. September 2019, Nr. 218
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 12.09.2019, Seite 11 / Feuilleton
Oper

Geh doch nach drüben!

An diesem Abend in der Deutschen Oper stand die Mauer noch: Frank Castorfs Verdi-Premiere in Berlin
Von Maximilian Schäffer
ads.jpg
Wenigstens war es nicht völlig egal

Frank Castorf trudelte, wankte jedenfalls über die Premierenbühne, verteilte mit großer Geste Bussis und zeigte Peace-Zeichen, zog zwischendurch ein paar Schmollmünder. Seine Routine: Das Buhen und Johlen, das Grunzen wie das Klatschen einfach wegalbern, mit genug Rotwein oder Bier, und den Stinkefinger tunlichst vermeiden. Hatten die Alten und Reichen von Westberlin ihm doch die Vorstellung versauen wollen! Englische, deutsche und portugiesische Sprechpassagen in seiner Inszenierung waren zwischen dem Verdi-Gedudel nicht gut angekommen. »Geh doch nach drüben!« hatte gar einer gerufen und man konnte sich freuen, weil die Mauer an diesem 8. September 2019 in der Deutschen Oper Berlin (West) noch stand.

Während das Publikum die Sprechschauspieler verhöhnte, deren Banalitäten über das Westwärtsgehen nach Amerika nicht verzieh, beklatschte es die mediokren Gesangsleistungen der Singschauspieler artig. Diese trällerten den italienischen, noch banaleren Mist von 1862 in vier Akten Füllmusik, unterbrochen von netten Chorsätzen im dritten und akzeptablen Duetten im vierten Aufzug. Musik machten hier weder das lahme Orchester unter Jordi Bernàcer, noch María José Siri in der Hauptrolle, sondern einzig Russell Thomas. Der Tenor ist eine Attraktion – nicht nur, weil er hervorragend singt, dabei Blut, Wasser und Soul schwitzt. Er besitzt zudem einen riesigen Schlund, den vielleicht größten der Operngeschichte, mit Zahnlücken und breiten Lippen über einem bulligen Kreuz. Er hätte alleine singen können, das hätte Aufwand, Geld und Castorf gespart.

Letzterer macht, was er halt macht. In einem riesigen Bühnenbild vom serbischen Baumeister Aleksandar Denic, der 2013 Castorfs »Ring« in Bayreuth rahmte, gibt es einen Haufen Perspektiven, Höhlen und Verstecke, Aufgänge mit Geländer, alles dreht sich und wird gefilmt. Leinwände kommen von der Decke, Sprüche stehen in großen Lettern herum, überall doppeln sich Zeichen. Wer einmal Castorfs Volksbühne besucht hat, kann es sich vorstellen. »La Forza del Destino« (Die Macht des Schicksals) ist der Versuch eines Volksdramas, die schlechteste Oper Giuseppe Verdis: zusammengekleistert, zu lang, eine Zumutung. Zugriff nur historisch über absolute Werktreue oder, wie Castorf meint: Zertrümmern.

»Aus Ruinen auferstanden, da entsteht ja was Neues! Es gibt einen berühmten Satz von Heiner Müller, der meist nicht verstanden wurde: Der Krieg ist das letzte Refugium des Humanen. So glaube ich, dass die Oper das letzte Refugium der Musikkunst ist. Sie müssen diese Musik exekutieren können.« (Castorf am 9. September zur B. Z., über deren Kulturpreisverleihung an der Volksbühne er sich einst echauffierte.)

Heiner-Müller-Text gibt es auch an diesem Abend. Eine durchtrainierte Indio-Drag-Queen (Ronni Maciel) rezitiert, die spanische Fahne schwenkend, Sätze aus »Der Auftrag – Erinnerung an eine Revolution«, während die Opernliebhaber im »letzten Refugium der Kunst« (Castorf noch allgemeiner im Spiegel, 2018) zum ersten Mal recht reaktionär rumbrüllen. Bei Verdi geht es um »Rasse«, Stand und Kriegsgeilheit. Castorf erklärt darüber hinaus die USA zum modernen Paradies. Kokettieren mit Coca-Cola und Highheels, am Ende flimmern Bilder vom Times Square in Ultra-High-Definition. Im Feldlazarett tanzen blutverschmierte GIs zombiehaft und natürlich gibt es auch wieder ein altes Stand-MG zum pantomimischen Ballern. Man muss sich nicht so viel ausdenken bei der Oper. Wenn der Stoff eh tendenziell wirrer Mist, aber wenigstens thematisch ambitioniert ist (Krieg und Leid), kann man die freie Assoziation im selbst- und fremdfestgelegt genialischen Hirn schalten und walten lassen.

Wenigstens war es nicht egal. Nach dem klein- bis großbürgerlichen Eklat im Parkett hatten alle etwas zu reden. Ein Mann, vermutlich aus Tirol oder der Steiermark, echauffierte sich vor einer Gruppe Heranwachsender, die seinem seichten Geschimpfe gebannt zuhörten. Eventuell der Lehrer einer Schulklasse, mochte man verständnisvoll schlussfolgern, für Universitäten ohne Numerus clausus reicht die österreichische Matura. Andere lachten, ein paar schüttelten die Köpfe und tranken noch ein Sektchen. Die Alten schleppten sich über die Stufen, die Reichen wurden weggekarrt und die Bezieher von Freikarten freuten sich darüber, nicht bis zu 180 Euro ausgegeben zu haben.

Fazit: Ein Stürmchen im Wasserglas für alle Kaiser-Wilhelm-Fans, die die Volksbühne noch nie mochten.

Nächste Aufführungen: 14., 18., 21., 24., 28.9., jeweils 19 Uhr

Ähnliche:

  • Kritisches »Theater der Grausamkeit«: Zum Beispiel »Macbeth« (An...
    30.07.2019

    Allzeit wutbereit

    Der Choreograph und Kommunist Johann Kresnik ist tot – Nachfolger seiner radikalen Kunst nicht in Sicht
  • »Spannungsbogen gut austariert« (Ensemble-Szene)
    06.04.2018

    Ein Block der besonderen Art

    »Welcome to Hell«, ein Musical zu den Hamburger G-20-Protesten, an der Neuköllner Oper in Berlin

Mehr aus: Feuilleton