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Aus: Ausgabe vom 11.09.2019, Seite 16 / Sport
Rugby

25 Quadratmeter Heiligtum

Saisonauftakt in der zweiten Rugbybundesliga: Bericht vom Derby beim DDR-Rekordmeister Stahl Hennigsdorf
Von Oliver Rast
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»Ins Rollen kommen«: Enrico Weiß (VRC) tankt sich gegen die Stahl-Rugger Julius Laetsch (Nr. 9) und Kai Friesicke (Nr. 11) durch

Das kleinste Vereinsheim eines deutschen Rugbyklubs liegt in Hennigsdorf, behauptet die Ruggergemeinde. Die Stadt liegt im Landkreis Oberhavel nördlich von Berlin, und der ist ein »Rugby-Hotspot« – in der Oststaffel der zweiten Liga zumindest. Neben Stahl Hennigsdorf raufen dort der Veltener RC (VRC) und die Rugbyunion Hohen Neuendorf ums Ei. »Bei uns gibt es fast niemanden, der nicht mit diesem Sport verbunden ist oder war«, sagt der Hennigsdorfer Stahl-Präsident Olaf Laetsch gegenüber jW.

Ein Oberhavelderby stand zum Saisonauftakt am Wochenende auf dem Programm. Der alte Rivale VRC gastierte bei Stahl. 300 Zuschauer sammelten sich auf den Stehplätzen; eine Kulisse, die Erstligisten selten erreichen.

Die Klubchronik von Stahl beeindruckt: 27mal wurde die 1948 gegründete Rugbysektion der BSG Stahl Hennigsdorf DDR-Meister, zweimal holten die Stahl- und Walzwerker zehn Titel in Serie (1962–1971, 1981–1990). Es folgten sportliche Durststrecken. Intermezzi in der ersten Liga gab es nur 1991 und 2000, den Tiefpunkt dann 2006/07: Abmeldung vom Spielbetrieb. Eine Saison später wurde ganz unten neu angefangen, 2018 gelang der Aufstieg in die Zweitklassigkeit.

Beim Auftakt am Sonnabend erwischten die Hausherren den besseren Start, tankten sich in der dritten Spielminute durch die VRC-Hintermannschaft, erster Versuch (fünf Punkte) plus Erhöhung (zwei Punkte). Die Veltener fingen sich, legten ihren ersten Versuch in Minute 13, verpatzten die Erhöhung. Zwischenstand: 7:5. Im Zehnminutentakt ging es weiter, Stahl legte das Oval im gegnerischen Malfeld ab, der anschließende Kick zwischen die Stangen saß: 14:5.

Ende der ersten Halbzeit wurde das Spiel ruppiger. Der VRC kämpfte sich mit seinem zweiten Versuch heran, die Erhöhung misslang erneut (14:10, 34. Minute). Beim Gassenspiel eine Minute später foulte Alex Brosowski (Stahl) im Luftkampf seinen Gegner, gelbe Karte, zehn Minuten Zeitstrafe. »Der wird och noch ’ne Weile lieg’n bleiben«, raunte er. Beim Stand von 14:10 ging es in die Halbzeitpause.

Das Derby war ein Stelldichein der alten Herren. Gerd Scharn, Jahrgang 1935, Gründungsmitglied der Gastgeber und von 1972 bis 1990 Präsident des DDR-Rugbyverbands, erinnerte sich daran, wie Klubikone Erwin Thiesies »anfangs durch Kneipen zog und Spieler mit Statur suchte«. Er habe einige gefunden, so Scharn: Ohne Thiesies’ Ehrgeiz hätte es die Kluberfolge nicht gegeben.

Nach der Pause wechselte sich Stahl-Coach Carsten Stamm selbst ein. »Im Spiel hat uns ein Führungsspieler gefehlt, einer, der koordiniert, strukturiert«, sagte er nach dem Schlusspfiff im jW-Gespräch. Und dass er sonst auf eigenständige Lernerfolge im Clinch setze, vor allem bei seiner jungen Hintermannschaft (Durchschnittsalter: 20,4 Jahre). Mit ihm zog Stahl bald nach dem Seitenwechsel auf 26:10 davon. Der VRC kam zwar noch zum 17:26, der letzte Versuch mit Erhöhung blieb aber Selbsteinwechsler Stamm vorbehalten – Endstand: 33:17.

Veltens Vereinspräsident Norbert Heidekorn bilanzierte für jW: »Hennigsdorf wollte den Derbysieg mehr als wir, stand kompakter, hatte mehr Struktur im Spielaufbau.« Am Saisonziel machte er deshalb noch keine Abstriche: »Wir wollen Erster werden.« VRC-Stürmer Enrico Weiß meinte gegenüber jW: »Das Derby kam einen Spieltag zu früh, wir brauchen immer etwas länger, um ins Rollen zu kommen.«

Nach dem Duell die Stippvisite im Klubhaus. Galerien von Wimpeln und Pokalen, fein säuberlich drapiert im Schmuckkästchen. »Tja, das ist seit über 40 Jahren unser Heiligtum«, sagt Laetsch stolz beim Rundgang auf knapp 25 Quadratmetern.

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