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Aus: Ausgabe vom 11.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Und schon ist man draußen

Konfusionen, am Körper der Hauptfigur illustriert: »Synonymes«
Von Peer Schmitt
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»Dieser Kampfbühnenkörper«: Yoav (Tom Mercier)

Nackt in der Badewanne, nass, halb erfrierend, Todesengel und Jenseits halluzinierend, den Umständen ausgeliefert, am Ende und Anfang zugleich. Todesphantasie und Neugeburt. Das ist die Versuchsanordung von Nadav Lapids Film »Synonymes«, dem Gewinner des Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale, der nun in den Kinos angelaufen ist.

Yoav (Tom Mercier) ist aus Israel mit nicht mehr als einem Rucksack und der Kleidung am Leibe nach Paris gekommen und steht in einer vollkommen leeren Altbauwohnung (die, nebenbei, ein mittleres Vermögen kosten müsste). Er schläft ein, sein Hab und Gut wird ihm gestohlen. Er ist auf den nackten Körper zurückgeworfen, traumatisiert wie ein Neugeborenes. Ein junges Paar vom selben Aufgang, offensichtlich wohlhabende Rentiers – Emile (Quentin Dolmaire), Möchtegernschriftsteller, und Caroline (Louise Chevillotte), Orchestermusikerin (Oboe) –, gabelt und päppelt ihn auf.

Das Paar stattet seinen Gast u. a. mit einem gelben Wollmantel aus – so eine filmhistorische Signalfarbe wie die gelbe Bluse von Joan Crawford in Nicholas Rays »Johnny Guitar – Wenn Frauen hassen« (1954, einer von Truffauts Lieblingsfilmen und selbst für den nunmehr greisen Godard, siehe auch unlängst sein »Bildbuch«, noch immer gleichsam die Farbpalette der Welt).

Mit dem gelben Mantel und einem französischen Wörterbuch bewaffnet – er hat es zusammen mit Postkarten von Napoleon und Kurt Cobain erstanden – streift Yoav, Vokabeln fauchend, durch die Pariser Straßen. Den Gebrauch seiner hebräischen Muttersprache lehnt er fortan strikt ab. Er will Franzose sein. Ebenso streng unterzieht er sich einer Armutsdiät aus Billignudeln mit Tomatensauce. Und obwohl sein Hass auf seine israelische Heimat erklärtermaßen groß ist (irgend etwas sehr Böses muss während seines Militärdienstes geschehen sein), nimmt er paradoxerweise einen Job ausgerechnet als Security-Type bei der israelischen Botschaft an, bei dem er die Männlichkeitsrituale seiner Militärzeit parodistisch wiederholt.

Mit dem Paar entwickelt sich eine Ménage à trois. Die Frau schläft gelegentlich mit ihm und heiratet ihn für die Aufenthaltserlaubnis. Der Mann kauft ihm Erinnerungen aus Israel ab. Nach einem unerfreulichen Gefühlsausbruch während einer Orchesterprobe wendet sich das Paar wieder von Yoav ab. Alles scheint im Kreis gelaufen zu sein. Soweit der Plot. So ein Plot ist immer eine Enttäuschung.

»Die Frage, warum das Publikum von einem Plot verlangt, dass er glaubwürdig ist, kann mit einer Parallele zur Umgangssprache beantwortet werden. Alltagssprachliche Situationen folgen gewissen unausgesprochenen Grundsätzen. Einer von ihnen besagt beispielsweise, dass wir uns zu unserem Gegenüber so verhalten, als ob er oder sie versuchen würde, etwas Sinnvolles zu sagen (try to make sense). Obwohl es vollkommen im Rahmen des Vorstellbaren liegt, dass es Leute gibt, die Unsinn (nonsense) reden, nehmen wir zunächst an, dass sie es nicht tun.

In ähnlicher Weise haben sich die Zuschauer des kommerziellen Kinos daran gewöhnt, von Filmen – zumindest von Filmen bestimmter Genres – zu erwarten, dass deren Plots versuchen würden, einen Sinn zu ergeben. Filme, die diesem Grundsatz nicht folgten, wurden als ›experimentell‹, ›Avantgarde‹ usw. eingestuft und auf andere Art und Weise konsumiert.

Ein Grenzfall wäre etwa ein durchschnittlicher Zuschauer, der einen frühen französischen Nouvelle-Vague-Film sieht und konfus verunsichert ist, auf welche Art und Weise man den Film der äußeren Annahme nach aufzufassen hat, bis er oder sie sich vom Plot am Ende hintergangen fühlt.« (Manuel De Landa, »Wittgenstein at the Movies«, 1981)

Es ist immer wieder die Sinnfrage, die die Leute verrückt macht.

»Synonymes« ist ein Film, der die Grenzziehungen und Konfusionen am Körper seiner Hauptfigur (seines Hauptdarstellers) illustriert. Sagt zumindest sein Regisseur selbst: »Yoavs Körper ist auch eine Bühne für den Kampf zwischen zentralen Werten Frankreichs und Israels. Er ist umgeben von Menschen, die entweder die eine oder die andere Seite repräsentieren. Die Vergangenheit einerseits, die Gegenwart andererseits. Yoav entwickelt sich zwischen seinem israelischen Körper und seiner französischen Sprache. Was das angeht, ist es eigentlich kein Wunder, dass er seinen Körper quält und bekämpft.«

Wie diese – stillschweigend vorausgesetzten – »zentralen Werte« überhaupt aussehen, wäre noch auszumachen. Darum geht es. »Synonymes« ist weniger Entwicklung eines Plots als Aneinanderreihung exemplarischer diskursiver Figuren, die gleichsam in den Boxring geführt werden: Was Wörter in einem jeweils historisch geformten Setting von Sinngebung so mit den Körpern anstellen. Ein Amateurpornograph zwingt Yoav als Aktmodell dazu, auf Hebräisch Obszönitäten aufzusagen und pornographische wie soldatische Posen einzunehmen. Während seines Französisch-Integrationskurses brüllt Yoav die »Marseillaise« (deren Lyrics bekanntlich nicht die friedfertigsten sind) usw. usf.

Der soldatische Körper, die Homoerotik, im Hintergrund die politischen wie kulturellen Diskurse – auch für dieses Anordnung gibt es ein Vorbild, das Lapid mit seinen Kompagnons von Komplizen-Film (Ulrich Köhler und Maren Ade) teilt: die Filme von Claire Denis, in denen einsame Männer und ihre »Fremdheit« sowie soldatische Körper nicht eben selten sind. So wird die berühmte Plansequenz mit dem einsamen, suizidalen Fremdenlegionär auf der Tanzfläche eines Bordells/Clubs am Ende von Claire Denis’ »Beau travail« (1999) in »Synonymes« von Yoav in einer Pariser Bar – exzessiv Sandwiches futternd – liebevoll nachgestellt. Der Film ist keineswegs ohne Humor.

Sinn ergibt etwas, weil das Wörterbuch den Platz anweist. Ein Synonym scheint auf denselben Platz zu gehören und ist dennoch etwas lediglich Ähnliches. Werden die Plätze mit zu viel anderem Ähnlichen angefüllt, ergibt sich leicht Durcheinander. Ist man durcheinander, gilt schon sehr bald nicht mehr automatisch die Annahme, man würde etwas Sinnvolles von sich geben. Und schon ist man draußen. Da, wo plötzlich andere Grundsätze die Plätze anweisen.

In der letzten Szene des Films steht die Hauptfigur – dieser Kampfbühnenkörper – wieder vor der Tür, die ihm am Anfang einen Spalt breit geöffnet wurde. Diesmal bleibt sie ihm verschlossen.

»Synonymes«, Regie: Nadav Lapid, Frankreich/BRD/Israel 2019, 124 min, bereits angelaufen

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