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Aus: Ausgabe vom 11.09.2019, Seite 2 / Inland
Kampf den Klimakillern

»Es muss die letzte IAA gewesen sein«

Internationale Automobilausstellung in Frankfurt am Main. Demonstrationen und Blockade für das Wochenende angekündigt. Ein Gespräch mit Marie Klee
Interview: Gitta Düperthal
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Von wegen Verkehrswende: 900 PS starker Geländewagen am Dienstag auf der IAA in Frankfurt am Main

Die Internationale Automobilausstellung, IAA, öffnet an diesem Donnerstag in Frankfurt am Main ihre Tore. Die Konzerne verweisen in dem Zusammenhang auf neue Elektromodelle und nennen sich »visionär«. Wieso steht uns dennoch ein großes Protestwochenende bevor?

Es ist lächerlich, wenn sich die Autokonzerne als »grün« darstellen. Deren Hauptziel ist einzig, immer mehr Autos zu verkaufen. Ein reiner Antriebswechsel, den die Industrie jetzt schönzureden versucht, ändert überhaupt nichts an den grundlegenden Problemen, die wir im Verkehrssektor haben. Selbst mit einem Umstellen auf Elektroautos ist nichts gewonnen. Wir haben in unseren Städten Verkehrstote: Entweder sind Menschen direkt in Verkehrsunfälle involviert, oder sie sterben auf lange Sicht daran, ständig Abgasen ausgesetzt zu sein.

Auch Elektroautos brauchen Energie zum Antrieb, sie nehmen der Allgemeinheit Platz weg. Außerdem ersetzen sie keine Pkw mit Verbrennungsmotor, sondern werden angeboten. Bei der Frankfurter Automesse werden jede Menge SUVs ausgestellt. Das Geschäft mit ihnen wird munter weitergehen.

Welche Aktionen sind geplant?

Wir werden am Sonntag friedlich, aber entschlossen den Zugang zur Messe blockieren. Es muss die letzte IAA gewesen sein. Die verlogene Selbstdarstellung der Industrie muss aufhören. Um das Klima zu retten, brauchen wir jetzt eine radikale Verkehrswende. Die wird es aber mit diesen Konzernen nicht geben.

Lobbyisten der Autoindustrie beklagen angesichts der Proteste, Arbeitsplätze könnten verlorengehen, die Mobilität nicht mehr gewährleistet sein. Was fordern Sie konkret von den Konzernbossen?

Seit vielen Jahren sind die katastrophalen Auswirkungen ihres Handelns bekannt. Die Autobosse haben aber einfach weitergemacht und vor der Realität Augen und Ohren verschlossen. Sie haben die Entwicklung verschlafen, sogar bewusst Lobbyarbeit betrieben, damit sich nichts ändern wird. Jetzt haben sie ein Riesenproblem.

Sie müssen ein Umbaukonzept entwerfen. Doch selbst jetzt, da diese Industrie unter Druck geraten ist, hören wir nichts von etwaigen Plänen. Es ist geplant, eins zu eins umzustellen auf Elektroautos. Das ist aber nicht hilfreich für die Umgestaltung der Städte zu einem sozialen und autofreien Lebensraum. Technisch ist das jetzt schon möglich. Es muss nur politisch gewollt sein. Und wir fordern den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs sowie eine gute Fahrradinfrastruktur.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung diffamierte Ihre angekündigten Proteste, indem sie diese unter der Überschrift »Der neue Hass auf das Auto« mit der Aktion einer Gruppe »Steine im Getriebe« in Zusammenhang brachte und brennende Autos zeigte. Sind Sie deshalb sauer?

Wir finden es absurd, so etwas zu veröffentlichen. Auf unserer Webseite kommunizieren wir unmissverständlich: Wir sehen unsere Aktionen in der Tradition des friedlichen zivilen Ungehorsams.

Wie erklären Sie sich, dass so versucht wird, im Vorfeld die Debatte zu eskalieren?

Uns ist klar, dass wir einen mächtigen Gegner adressieren und insofern mit Gegenwehr rechnen müssen.

Am Montag gab es ein Streitgespräch zwischen einer Vertreterin Ihres Bündnisses »Sand im Getriebe« und dem Vorstandsvorsitzenden von VW, Herbert Diess. Wie kam es dazu, obgleich das Bündnis ursprünglich beschlossen hatte, den Verursachern der Klimakrise kein Forum bieten zu wollen?

In dem Fall hatten nicht Lobbyisten angefragt oder der Verband der Automobilindustrie, VDA, sondern die Taz. Wir hatten unsere Vorbedingungen für dieses Gespräch angemeldet. Wir wollten darüber sprechen, wie wir eine wirkliche Transformation und eine radikale Verkehrswende schaffen können. Herbert Diess ist genau der richtige Adressat für unseren Protest. Allein VW ist mit dem Betrieb und den Auswirkungen seiner Autoflotte für ein Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich und trägt damit große Verantwortung in der Klimakrise. Wir wollen die Konzernspitze demaskieren und ihr die Möglichkeit nehmen, sich als »grün« zu präsentieren.

Marie Klee ist Pressesprecherin des Bündnisses »Sand im Getriebe«

Infos unter: sand-im-getriebe.mobi

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