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Aus: Ausgabe vom 10.09.2019, Seite 8 / Ausland
Friedensprozess in Kolumbien

»In sozialen Kämpfen vereinen sich alle Unterdrückten«

In ganz Lateinamerika befindet sich die Frauenbewegung im Aufschwung. Ein Gespräch mit Marcela Galeano
Interview: André Scheer
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Die Rose in der zum Himmel gestreckten Hand als Zeichen des Kampfes gegen geschlechtsspezifische Gewalt

In einem Referendum wurde das 2016 unterzeichnete Friedensabkommen zwischen FARC-Guerilla und kolumbianischer Regierung mehrheitlich abgelehnt. Wie können Sie als Soziologin dieses Ergebnis erklären?

Es gab einen großen Unterschied zwischen der Land- und der Stadtbevölkerung. Die Menschen auf dem Land haben den Krieg selbst erlebt. Allerdings war es für die Menschen in den ländlichen Regionen schwieriger, sich zu beteiligen, also zu den Abstimmungslokalen zu gelangen. Für die Bewohner der großen Städte war das anders. Zugleich waren sie in viel größerem Maße der verzerrenden Propaganda der Gegner des Abkommens ausgesetzt.

Zwei Jahre danach fällt die Bilanz des Friedensprozesses nicht sehr positiv aus. Ist das Abkommen gescheitert?

Diese Frage ist in der Form schwer zu beantworten. Aber wir können sagen, dass das Friedensabkommen zu 80 Prozent gescheitert ist. Doch es gibt auch Erfolge, zum Beispiel für ehemalige Kämpfer und für die Menschen, die direkt die Folgen des Krieges erlebt haben. Sie wollen diese Errungenschaften des Friedensprozesses verteidigen, denn für sie ist das Leben heute besser. Sie sagen: Der Prozess hat zwar nicht zu einem Leben geführt, wie es uns ausgemalt wurde, aber verglichen mit damals bevorzuge ich meine jetzige Lage.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in Kolumbien. Wie können wir die Ergebnisse des Friedensprozesses und die gegenwärtige Lage in Ihrem Land aus dieser Perspektive bewerten?

Frauen sind in größerem Ausmaß Opfer der sozialen Konflikte und werden zugleich in größerem Maße als Männer von politischer Beteiligung abgehalten. Ihnen werden noch immer Bildung und Informationen vorenthalten, wozu auch ein in der Gesellschaft stark verankerter Konservatismus beiträgt.

In vielen Ländern Lateinamerikas, auch in Kolumbien, hat es zuletzt große Demonstrationen gegeben, mit denen sich Frauen gegen die hohe Zahl an Morden und die weit verbreitete Gewalt gewehrt haben.

Die Frauenbewegung und der Feminismus befinden sich in ganz Lateinamerika im Aufschwung und greifen neue Themen und Schwerpunkte auf. Dadurch werden sie auch Teil anderer Auseinandersetzungen, etwa von Arbeitskämpfen, so dass wir es oft mit Kämpfen zu tun haben, die nicht mehr nur unter dem Stichwort Frauen, Gender oder LGBT zu fassen sind. In diesen sozialen Kämpfen vereinen sich alle Unterdrückten.

Haben auch die kolumbianischen Gewerkschaftsverbände verstanden, diese Kämpfe zusammenzuführen?

Der Feminismus hat sich seinen Weg auch in die Arbeiterorganisationen gebahnt, und die Gewerkschaften haben ihren Diskurs hinsichtlich der Geschlechterrollen entwickelt. Aber ob es nun eine Mehrheit oder eine Minderheit der Gewerkschafter ist, die diese Dimension verstanden haben, ist kaum zu beantworten. Aber wir setzen nicht so sehr auf Versuche, neue geschlechtsneutrale Wörter zu erfinden, wie »Nosotres« statt »Nosotros« oder »Nosotras« für »Wir«, auch wenn es an den Universitäten eine entwickelte Diskussion darum gibt, wie sich Ungleichheit in der Sprache widerspiegelt. Und in den linken Organisationen wird zunehmend auf die eigene Sprache geachtet, was zumindest ein erster Schritt ist. In der Sprache spiegeln sich Machismus und Ausgrenzung stark wider, aber es ist ein langer und langsamer kultureller Prozess, das zu überwinden.

Wann wird Kolumbien die erste Präsidentin haben?

Ich glaube, da sind wir noch weit entfernt, nicht weil die Frauen es nicht könnten, sondern weil die Geschichte der Regierungen und der politischen Verhältnisse in unserem Land dagegen spricht. Aber es gibt schon eine Bewegung unter der Losung »Wir sind bereit«, die sich für mehr Beteiligung der Frauen an der Politik einsetzt. Das gibt mir Hoffnung.

Marcela Galeano ist eine kolumbianische Soziologin und beteiligt sich insbesondere an Bildungsprojekten in armen Gegenden ihres Landes

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