Gegründet 1947 Donnerstag, 19. September 2019, Nr. 218
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.09.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Allein im Sturm

Zu jW vom 10./11.8.: »junge Welt hält Kurs«

Es gibt heute in Deutschland keine außerparlamentarische Opposition (…). Ein kleiner Streik hier, eine Demo da, zaghafte Schülerproteste der »Fridays for Future«, regionale Revolten und rebellische Blogs, das bedeutet noch keinen machtvollen Widerstand (…). Die einzige überregionale Opposition mit sozialistischen Absichten stellt die junge Welt dar! Aber (…) sie steht allein im Sturm, ohne Rückendeckung! Im Gegensatz zu den bürgerlichen Zeitungen (…) neigt die jW keiner Kapitalfraktion zu und zeigt sich nicht als Sprachrohr einer parlamentarischen parteipolitischen Richtung. Sie ist unabhängig, getragen von Genossenschaftsmitgliedern. Und sie steht explizit im Visier der uns beherrschenden Kaste. (…) Mit den Möglichkeiten einer Tageszeitung berichtet jW Hintergründiges, stellt Zusammenhänge her, damit sich die Leser ein eigenes Urteil bilden können. Schließlich passiert nicht auf den Schreibtischen von Journalisten und Autoren die Revolution der Gesellschaft! Soweit es sich mir aus der Lektüre der jW erschließt, vertritt die Zeitung Standpunkte, die ich als Lehren aus der Geschichte bezeichnen würde: Kapitalismus hat sich entfaltet als europäisches Projekt mit der Eroberung und Ausplünderung der Kolonien, Vernichtung anderer Menschen oder ihrer Unterdrückung als Sklaven; (…) der deutsche Imperialismus verfolgte (…) eigenständige Ziele, nachweisbar mit den von Deutschland ausgelösten zwei Weltkriegen, und verfolgt sie – trotz des Status als Vasall der USA – bis heute weiter, vorzugsweise gen Osten und den europäischen Süden gerichtet; die deutsche Geschichte kennt keine erfolgreiche nationale demokratische Bewegung gegen Fremd- und Feudalherrschaft, der Versuch einer bürgerlichen Revolution scheiterte, die Befreiung vom Hitlerfaschismus erfolgte von außen, seit ca. 200 Jahren erreichen Deutschland fortschrittliche Errungenschaften durch Niederlagen als Hinterlassenschaft der Sieger (Napoleon, Rote Armee). Auch die DDR wurde von außen erkämpft und abgesichert. (…) Meine Frage an Euch Kritiker der jW: Möchtet Ihr die Zeitung in eine eindeutige parteipolitische Richtung drängen und vom Kampf der Arbeiterklasse weltweit für Sozialismus abhalten? (…) Sitzt Ihr der Illusion auf, mit einem nationalstaatlich begründeten Kurs den US-Imperialismus abwehren zu können? Es ist mir ein Rätsel, warum Ihr mit solch vehementen verbalen Angriffen und öffentlichem Aufruf zur Abokündigung auf die jW einschlagt. Könntet Ihr sie nicht einfach links liegen lassen, wenn sie Eurem Anspruch nicht genügt? Versucht nicht, mir weiszumachen, dass redaktionelle Schludrigkeiten im Umgang mit Autoren schwer wiegen; so was kommt bei jeder Zeitung in der Hektik des Tagesgeschäfts vor. Die jW braucht unsere Solidarität und konstruktive Kritik, um sie noch besser zu machen!

Beate Brockmann, Praelo/Italien

Zurück zu Marx

Zu jW vom 3.9.: »Desaster ohne Folgen«

Es wäre schon befremdlich, wenn das Ergebnis der Wahlen in Brandenburg und Sachsen für bestimmte Medien keine Versuchung wäre, gegen die am Boden liegende Partei Die Linke noch nachzutreten. Die Presse titelt: Wagenknecht macht Linke mitverantwortlich für das Erstarken der AfD. Allerdings sind die Beispiele, die sie nennt, nur ein Teilaspekt. Die Wahlerfolge der AfD haben viele Ursachen, und sie haben auch ursächlich nichts mit Die Linke zu tun. Die AfD ist auch kein »Ostproblem«, wie es immer wieder heißt, ihr Erstarken hat seine Ursachen in den gesellschaftlichen Verhältnissen des Kapitalismus in West und Ost. Zur Erinnerung: Die AfD hatte bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg 2016 15,1 Prozent und in Hessen 2018 13,1 Prozent erreicht. Neben sozialen und ökonomischen Widersprüchen, die zu den AfD-Erfolgen geführt haben, gibt es auch weltanschauliche und ideologische. Der Antikommunismus war in der alten BRD Staatsdoktrin und ist es auch heute, er ist für die AfD die ideologische Grundlage. Der Antikommunismus ergibt jedoch, gepaart mit Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, unheilvolle Allianzen. Historisch betrachtet, ist der Antikommunismus eine Waffe zur Verteidigung des Kapitalismus. Das marktradikale Programm der AfD erfüllt genau diesen Zweck, es wird nur vorgegaukelt, man wolle Interessen der Bevölkerung vertreten. Die AfD hält das neoliberale System für optimal, hätte es aber gerne etwas nationaler, dadurch unterscheidet sie sich von den anderen bürgerlichen Parteien. Ideologisch stimmen AfD und die bürgerlichen Parteien darin überein, fundamentalistisch antikommunistisch zu sein. Wie hält es nun Die Linke mit dem Antikommunismus? Wir wissen, dass der Antikommunismus sich nicht nur gegen Kommunisten richtet, sondern gegen alle fortschrittlichen Bewegungen. (…) Wie verhält es sich mit der Forderung nach Distanzierung von der (antikapitalistischen) DDR? Was kann Die Linke der ideologischen Beeinflussung durch die neoliberalen Medien und Thinktanks entgegensetzen? (…) Die Linke ist verantwortlich für ihr eigenes miserables Wahlergebnis. Aus Fehlern lernen heißt in diesem Fall: die ideologische Arbeit verbessern und, zurück zu Marx, die Systemfrage stellen.

Eberhard Speckmann, Berlin

Nichts gelernt

Zu jW vom 4.9.: »Marine gegen Moskau«

Unter dem Motto »Die Ostsee muss ein Meer des Friedens werden« organisierte die DDR über mehrere Jahre für die Anrainerstaaten die »Ostseewoche«. Sie wurde von der Bevölkerung der teilnehmenden Staaten gut angenommen. Unter deutschem Kommando demonstrieren diese Länder heute mit Kriegsschiffen, dass sie mit so einem Motto nichts zu tun haben. Dieses Manöver ist eindeutig gegen Russland gerichtet. Die Wahl des Termins, 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, macht auch deutlich, dass man aus der Geschichte nichts lernen will. Provokatorisch hatte man schon den Start einer vorangegangenen großen NATO-Stabsübung auf den 9. Mai 2019 gelegt. Russland und die anderen Nachfolgestaaten der früheren Sowjetunion gedachten an diesem Tag des Endes des Zweiten Weltkrieges und des gemeinsamen Sieges über den Hitlerfaschismus 1945.

Horst Neumann, per E-Mail

Antikommunismus ist eine Waffe zur Verteidigung des Kapitalismus. Das Programm der AfD erfüllt genau diesen Zweck, es wird nur vorgaukelt, man wolle Interessen der Bevölkerung vertreten.