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Aus: Ausgabe vom 09.09.2019, Seite 1 / Titel
Afghanistan Taliban

Flucht aus Kabul

Berlin holt Bundespolizei und »Entwicklungshelfer« aus Afghanistan zurück. Trump setzt Verhandlungen mit Taliban aus
Von Knut Mellenthin
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Einen Tag nach dem Anschlag auf das »Green Village« in Kabul war auch am Dienstag noch eine Rauchwolke zu sehen (3. September 2019)

Die Bundesregierung hat die meisten deutschen Polizisten und Entwicklungshelfer aus der afghanischen Hauptstadt Kabul evakuiert. Einige wurden nach Masar-i-Scharif im Norden des Landes gebracht, wo die Bundeswehr einen Stützpunkt hat. Andere wurden nach Hause geflogen. Das wurde am Sonntag durch Presseberichte bekannt.

Die Maßnahmen wurden offenbar durch einen Angriff am späten Montag abend letzter Woche veranlasst. Dabei waren nach der Explosion einer Autobombe mehrere Kämpfer der Taliban in das »Green Village« eingedrungen und konnten erst nach mehreren Stunden niedergerungen werden. 30 Menschen wurden getötet, mindestens hundert verletzt. Das »Grüne Dorf« ist ein stark befestigter und gesicherter Bezirk im Osten Kabuls, in dem zahlreiche ausländische Organisationen, darunter auch die deutsche Bundespolizei und die »Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit« (GIZ), ihre Büros unterhalten. Die in direkter Umgebung gelegene Unterkunft sei nun nicht mehr bewohnbar, teilte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am Sonntag in Berlin mit.

Bei einem weiteren Angriff der Taliban in Kabul waren am Donnerstag zwölf Menschen, darunter ein US-amerikanischer und ein rumänischer Soldat, getötet worden. Das nahm US-Präsident Donald Trump am Sonnabend zum Anlass, überraschend den Abbruch der Verhandlungen mit den Aufständischen zu verkünden. Noch zu Anfang der vergangenen Woche hatte es so ausgesehen, als wäre eine Einigung zwischen der US-Regierung und den Taliban fast perfekt. Trumps Sonderbotschafter für die seit Oktober 2018 geführten Verhandlungen, Zalmay Khalilzad, hatte noch am vorigen Montag mitgeteilt, dass die US-Truppen sich innerhalb von 135 Tagen aus fünf Stützpunkten zurückziehen würden. Das sollte 5.400 der insgesamt 14.000 US-Soldaten in Afghanistan betreffen. Einschränkend hatte Khalilzad aber darauf hingewiesen, dass der Entwurf einer entsprechenden Vereinbarung noch der Zustimmung des US-Präsidenten bedürfe.

Nach dessen Twitter-Botschaften vom Sonnabend scheint alles bisher Erreichte wieder in Frage gestellt. Wenn die Taliban an diesem Punkt der Gespräche nicht zu einer Waffenruhe bereit seien, hätten sie vermutlich nicht den Willen, ernsthaft über einen Friedensvertrag zu verhandeln, schrieb Trump. Er habe insgeheim Vertreter der Taliban für Sonntag nach Camp David eingeladen, dieses Treffen aber aufgrund des Angriffs vom Donnerstag abgesagt. Offenbar wollte er sie als großen persönlichen Erfolg mit dem ebenfalls eingeladenen Präsidenten Aschraf Ghani zusammenbringen. Die Aufständischen lehnen bisher direkte Gespräche mit der Regierung in Kabul ab.

Trumps Darstellung der Ereignisse ist allerdings zweifelhaft: Erstens fällt auf, dass seine Reaktion erst zwei Tage nach dem Vorfall, bei dem der US-Soldat getötet wurde, erfolgte. Zweitens hatte der US-amerikanische Propagandasender Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL) am Sonnabend schon einige Stunden vor dem Tweet des Präsidenten gemeldet, dass Ghani einen geplanten Besuch in Washington »verschoben« habe. Der Sender zitierte außerdem einen Minister der afghanischen Regierung, der nicht namentlich genannt werden wollte, mit der Aussage: Die »Verschiebung« sei seitens der USA erfolgt, weil Ghani den Text der geplanten Vereinbarung mit den Taliban, den ihm Khalilzad vorgelegt hatte, abgelehnt habe.

Debatte

  • Beitrag von Matthias M. aus H. ( 9. September 2019 um 16:15 Uhr)
    Gestern hatte es in den Nachrichten mal kurz geheißen, dass in dem Zuge das Auswärtige Amt die Sicherheitslage in Afghanistan neu bewerten würde. Die Frage, ob wir weiterhin fröhlich nach Afghanistan abschieben, hängt ja stets von der Bewertung des AA ab. Wir werden sicher wieder feststellen, es muss zwei verschiedene Afghanistans geben. Das eine, wo wir »unsere Jungs« jetzt abziehen, weil es zu gefährlich wird. Und dann offensichtlich noch ein zweites, ein völlig anderes Land, bis in den letzten Winkel total sicher, mit blühenden Landschaften und bester Versorgungslage, Hort der Menschenrechte, alles schön, in das wir Monat für Monat einen Urlaubsflieger mit abgeschobenen Asylbewerbern hinschicken.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Emil S., Erfurt: Den USA geht es nicht um Frieden Natürlich ​reden ​die ​USA ​und ​die ​Taliban ​miteinander. ​Aber ​da ​geht ​es ​nicht ​um ​Frieden ​in ​Afghanistan, ​denn ​wenn ​es ​um ​einen ​Frieden ​in ​Afghanistan ​gehen ​würde, ​würde ​Trump ...

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