Gegründet 1947 Donnerstag, 14. November 2019, Nr. 265
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 07.09.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ungesagtes

Von Konstantin Arnold
RTR3D34H.jpg

An guten Tagen schrieb ich und ging dann ins Paco. An schlechten Tagen schrieb ich nicht und ging ins Paco. Wenn ich an guten Tagen ins Paco ging, wurden die Tage besser, an den schlechten gab es nichts, das hätte schlechter werden können. Ich versuchte jeden Tag zu schreiben, so gut wie ich schreiben konnte, aber das Schreiben war eins von diesen fragilen Dingen, die von vielen anderen Dingen abhingen, die nichts mit dem Schreiben zu tun hatten. Bist du nach dem Paco noch woanders hin, konntest du am nächsten Tag nicht mehr schreiben. Hattest du von woanders ein Mädchen mitgenommen, das morgens aufwachen und frühstücken und Pläne machen wollte, konntest du nicht schreiben. Brauchtest du Geld, musstest du über Dinge schreiben, über die du nicht schreiben konntest. Und doch hatten diese Dinge immer alle mit dem Schreiben zu tun, denn sie fanden, früher oder später, ihren Weg in die Geschichten. Und wenn es sehr heiß war, wie in jenem Lissabonner Sommer, als das Paco schloss, war es auch in den Geschichten sehr heiß, oder es war gar nichts, weil es zu heiß war und man nicht schreiben konnte und am liebsten direkt ins Paco gegangen wäre. An den guten Wintertagen hingegen, wenn die Sonne hinter den Häusern und Hügeln hing und aus einem anderen müden Land langsam und flach über den Fluss kam, fing ich schon sehr früh an zu schreiben. Alles war noch aus und zu und kühl, nur die Markthalle, die sich den Platz vor dem Haus nahm, war immer schon wach. Die Fenster standen weit offen, und das Straßenpflaster war nass. Irgend jemand blies auf einer Flöte über den Platz, und ich schaute immer raus und konnte nie erkennen, wer da mit seiner Flöte über den Platz blies. Wenn ich gut vorankam und später durch die Stadt zum Paco ging, den steilen Weg zur Burg hinauf, durch schmale Gassen bis zum Largo da Graça hinunter und dann im Jardim Botto Machado ein Buch von Sherwood Anderson las, waren die Tage glücklich und grenzenlos. Ich sah hinunter zum Fluss, ich sah das Pantheon und den alten Bahnhof, dachte nicht viel, und das, was ich dachte, war okay und klar. Es war meins, gewaltig und frei, mein Moment, mein Bahnhof, mein Pantheon, mein Fluss. Alles in mir, die ganze Welt in meinen Adern. Das einzige, was dem Glück jener Tage gefährlich werden konnte, waren Menschen, und solange ich einer Verabredung aus dem Weg gehen konnte, tat ich das, und die Tage blieben dann glücklich und ohne Telefon und frei. Oft hatte ich das Gefühl, innerlich verabredet zu sein oder verabredet sein zu müssen. Dann lief ich einfach weiter als nur bis zum Jardim Botto Machado, so tief in die Gassen einer Stadt, dass ich mich selbst nicht wiederfinden konnte und niemandem hätte sagen können, wer ich war und wo ich bin. Begrenzt wurde das Glück also nur von Menschen, abgesehen von den sehr wenigen, die so gut waren, wie diese Wintertage selbst.

Aber nicht alle Wintertage waren gut, manche waren fürchterlich kalt und schwer, und nachdem man geschrieben hatte, musste man den Tag so gut wie möglich überleben, ohne an das Schreiben zu denken. Man ging ins Paco. Es war immer da und immer warm und immer so wie immer. Es schloss nur während jener heißen Sommertage im August, an denen die Stadt leer war und tot, weil sich alles an den Küsten tummelte. Außer im August ging ich immer ins Paco. Ich erzählte niemandem davon, offiziell war ich spazieren. In Wahrheit saß ich da, las, rauchte und trank. In allerbester Gesellschaft: in keiner. Die wenigen Leute, die ins Paco kamen, waren angenehm, und da die wenigsten Leute sehr angenehm waren, kannte kaum einer das Paco. Es war ein guter Laden, weil es ein versteckter Laden war, Stil statt Dekoration. Ohne Vergangenheit, die seine Gegenwart bestimmen wollte. Nur viel roter Velvet, dunkles Holz und Messing, auf einem Hügel, der die beiden zusammenlaufenden Täler im Zentrum der Stadt trennte. Da, wo das Paco war, hätte man niemals so etwas wie das Paco vermutet. Es lag hinter einer unscheinbaren, doch edlen Fassade. Zum Finden, musste man wissen, und zum Reinkommen musste geklingelt werden. Durch seine abgelegene Lage konnte sich das Paco seine Klientel selbst aussuchen. Smartphones mussten draußen bleiben. Die Leute, die im Laufe des Abends hierherkamen, kamen aus den gleichen Gründen wie ich. Sie hatten Freiheit und Pantheons und alte Bahnhöfe in sich, die sie den Tag über vor Verabredungen bewahrt hatten. Niemand, den ich kannte, kannte das Paco, weil hier niemand war, den sie gekannt hätten. Niemand hätte sich nach ihnen umgedreht, denn keiner, der ins Paco kam, kam hierher, um gesehen zu werden, wie er ins Paco kam. Wenn mal eine Frau ins Paco kam, machten alle weiter das, was sie auch tun würden, wenn keine Frau ins Paco gekommen wäre. Und die schönsten, vergebenen Mädchen der Stadt kamen deswegen ins Paco. Dass sie so vergeben und schön waren, trug sehr zur Atmosphäre bei. Man hätte nicht sagen können, dass die Mädchen aussahen wie Grace Kelly oder Brooke Shields, weil Brooke Shields oder Grace Kelly eher aussahen wie die Mädchen, aber sie sahen aus wie Frauen von Präsidenten oder die Töchter der Heiligen Mutter Gottes. Sie waren in Begleitung und trugen teure Kleider oder eben nicht.

Viele feine Abende begannen hier, und man konnte den Abend schon sehr früh beginnen, weil das Paco keine Fenster hatte. Meistens kam nach dem Paco nichts mehr. Nur noch Delirium. Alles war schwarz. Dass es im Paco so teuer war, machte niemandem etwas aus, denn alle zogen viel Befriedigung aus ihrer Arbeit und erfreuten sich an ihren inneren Bahnhöfen und dass sie sich einen Drink im Paco leisten konnten. Menschen, die sich mehr leisten konnten oder für ein bisschen Unsterblichkeit mit teuren Autos umherfuhren, die nicht mal durch Gassen passten, fühlte man sich im Paco überlegen. Die Menschen, die ins Paco kamen, fühlten sich eigentlich allen, die nicht ins Paco kamen, sehr überlegen.

Das Paco war also gut, und dafür war das Paco teuer, und das war o.k. so. Die Barmänner trugen Manschettenknöpfe und Westen und wussten, wie man Weinflaschen öffnet und wieviel Gespräch an der Bar genehm ist. Der Wermut war toll. Die Bar war eine Art Geländer, und man konnte sich festhalten und seine Jacke an einen Haken unter die Bar hängen. Zu den Drinks gab es Nüsschen. Die Nüsschen und die Haken erinnerten an eine Zeit, in der das Rauchen noch gesund war und Aperitifs vor den Mahlzeiten de riguer. Die Barmänner waren sehr stolz, Barmänner zu sein, und an den Wänden hingen Bilder toter Künstler, und es war meistens stickig und grell, aber eine Grelle, die man sich schöntrinken konnte. Die Sitzecken hatten hohe Polster und verhielten sich wie Galaxien, in denen sich Männer gegenseitig die Welt erklärten. Andere Männer, Männer, die nie ins Paco gekommen wären, hätten zwischen diesen stolzen Polstern Anträge gemacht oder Fotos. Und in der Tat sah ich im Paco nie einen Mann ein Foto machen.

Von allen Männern, die ich jemals im Paco gesehen hatte, überstrahlte Miguel Saramoni sie alle. Er war groß und hager und Italiener, und ihm gehörte das Paco. Er war Katholik und ein genialer Barmann mit dem Gesicht eines Lastwagens, und er war diese Art Vaterfigur, die so einen Ort ausmachte. Er hatte die Ausstrahlung einer Atombombe. Kein Blick führte an ihm vorbei. Sein Wesen ergriff dich sofort oder früher oder später. Er war sehr freundlich und hatte gute Augen, die beim Reden oft feucht wurden, weil sie nie viel gesehen hatten. Sein Vater war im Krieg gefallen, und seine Mutter kam mit ihm hierher, als er drei war. Eine schöne kräftige Italienerin sollte er mal heiraten und Arzt werden oder Anwalt, irgendwas mit Geld studieren, aber Miguel Saramoni wollte eine dünne Portugiesin und eine Bar eröffnen, an deren Wänden tote Künstler hängen. Seine Mutter stellte ihn vor die Wahl, entweder sie oder die Bar und die Portugiesin. Er trennte sich von der Portugiesin und eröffnete die Bar. Kurz darauf starb seine Mutter. Ein schwerer Schlag. Trotzdem sprach Miguel Saramoni stets von den ganz einfachen Dingen des Lebens, und wenn er die Bar auffüllte, oder die Zitronen schnitt, tat er das mit der Eleganz von Präsidenten, die Reden hielten, oder von Männern, die sich zum ersten Mal den Eltern ihrer Frauen vorstellen. Er muss sehr glücklich gewesen sein, dachten wir alle, weil er alles, was er war, in alle Dinge legte, die er tat. Und waren es noch so kleine Zitronenscheiben. Er fragte mich immer, ob ich mit der Schönheit steigen oder mit dem Leid der Welt hinabsinken möchte. Jedes Mal fragte er mich das. Meine Antworten variierten. Wenn man ihn an der Bar um Rat fragte, war das wie bei der Beichte, nur dass man dabei einen Drink bekam. Am liebsten zitierte er dann Tolstoi, Tolstoi half bei allem. Die etwas komplizierteren Dinge des Lebens wurden im Paco einfach in Zitate von Tolstoi gepackt. So blieben sie immer noch ungelöst, aber in Tolstois Poesie übersetzt, klang alles Ungelöste so einfach, als könne man einfach so ungelöst damit weiterleben.

Ich mochte Miguel Saramoni sehr, weil er alt war und all das nicht hatte, was mir an Menschen in meinem Alter so missfiel. Er war selbstlos und wusste, dass er irgendwann sterben würde. Erinnere dich an den Tod, damit du das Leben nicht vergisst, hatte er gesagt. Memento mori, rief er, aber wir nahmen das nicht zu ernst. Er konnte zuhören und war ein guter Mann mit noblen Werten. Manchmal fragte er mich komische Sachen, deren Antworten mich noch nicht interessierten. Wenn ich an die Bar kam, fragte er zuerst, ob ich auch gut gearbeitet hätte und wieso ich so nass geworden wäre und ob mir der Regen draußen denn nichts ausmachen würde. Ich dürfe nicht einfach so nass hier reinkommen und solle immer gut essen, italienisch essen, und mir endlich mal eine feste Freundin suchen. Wir Schriftsteller wären so ein lausiges Pack, zum Verlieben, aber zum Leben viel zu kompliziert, aber leider doch aufregend genug, für die leichten Weiber. Allein würden wir von den Dingen träumen, die wir leben, wenn wir dann vom allein sein träumen würden. Verdammt aussichtslos wäre das. Wir würden eine Frau wollen und keine, und eine, die uns in diesem Chaos findet. Irre wäre das. Nichts als Irre, wären wir, scheiß Egoisten, die alles dafür tun würden, um heimlich bewundert zu werden, von ihren Eltern, Freunden und Wixern. Ich spürte, was er meinte, und wusste, irgendwann würde ich das mal zu Ende denken müssen. Aber zu dieser Zeit war ich noch dümmer als jetzt und an Frauen verfallen, zu denen mich mein Trieb versklavte. Miguel Saramoni sagte, ach, halt’s Maul, der Trieb, fettiges Essen wäre auch ein Trieb, frisst du deshalb jeden Tag Pommes? Damals glaubte ich daran, dass ich alles, was Miguel Saramoni sagte, damit begründen könnte, dass ich eben nur einmal bin. Und das glaube ich auch heute noch.

Miguel Saramoni starb im August, und das Paco schloss für immer. Es war ein trauriger Tag. Nicht traurig, weil, nicht traurig, wegen, einfach nur traurig, weil er im geschriebenen Prosagebirge durch seine schlichte Sterblichkeit besticht. Miguel Saramoni starb, wie er es voraussagte, im August, denn die freien Tage bringen ihn um, pflegte er oft zu sagen. Es war ohnehin ein kranker Sommer, der von Gewittern und Stürmen fast um die eigene Jahreszeit gebracht wurde. Manche sagten, er hätte sich erhängt, andere meinten, das würde er nie tun. Viele Geschichten wurden seitdem in den Zeitungen über ihn geschrieben, aber nie eine, die so gut war wie er. Irgendein Arschloch übernahm dann das Paco und machte eine moderne Bar draus, mit Facebook-Seite und Events. Die Männer, die das Paco gefunden hatten, gingen, und neue Männer kamen, aber es waren Männer, die nicht finden, sondern folgen. So war das mit den guten Bars und den guten Restaurants und den guten Frauen, und die Bilder der toten Künstler an den Wänden mussten IKEA-Fotografien von Paris weichen. Ich ging nicht mehr hin, wir gingen alle nicht mehr hin, und ich dachte, ich könnte einfach woanders hingehen. Anfangs saß ich in Bars, in denen es nichts zu beschreiben gab, bis auf die Kellner. Es waren wütende Mistkerle, denen egal war, was du frisst. Sie waren arm und profitgeil und arrogant, und das einzig Würdevolle an ihnen, war ihre Arroganz, mit der sie sich am Leben hielten und die ganzen schlechten Drinks vergessen konnten, die sie servierten. Es hatte in meinem Leben nur drei ernsthafte Bars gegeben, die mir etwas bedeuteten. Das La Venencia in Madrid, das Rothschild 12 in Tel Aviv und das Paco, und irgendwann würde ich dann die Bars großer Hotels für mich entdecken, die Waldorf Astorias, Kempinskis, Four Seasons und Savoys, und ich würde mit wackligen Beinen an ihren Bars sitzen, und ein Mädchen, das auch wacklige Beine hätte, säße dabei. Die Hotelbars und sie würden aber noch eine Zeit auf sich warten lassen, und ich dachte auch nicht daran, sondern dachte an das Paco und Miguel Saramoni und irre Schriftsteller und fragte mich, wo all die Leute aus dem Paco wohl hin wären, die Bahnhöfe und Pantheons in sich tragen. Miguel Saramoni und seine Bar waren so wahr, dass sie dich zu einem anderen Menschen machen konnten. Ich dachte, ich könnte ohne das Paco einfach so weitermachen, aber wenn ich in anderen Bars stand, wollte ich immer der sein, der ich nicht mehr war, seitdem ich in anderen Bars stand. Ich versuchte jeden Tag, gut zu arbeiten, wollte aber nicht nur Geschichten schreiben, in denen es heiß ist oder stürmisch.

Ohne gearbeitet zu haben, sollte man nicht trinken, hatte Miguel Saramoni immer gesagt, und nach seinem Tod nahm ich vieles, was er zu mir gesagt hatte, sehr ernst. Ich saß unter gelben Laternen auf Treppen, und wenn es regnete, wollte ich nicht nass werden, weil der Regen nicht mehr nur das war, was er einmal war, er war jetzt etwas Gewaltiges, etwas, das dein Leben veränderte. Ohne das Paco wusste ich oft nicht, wohin, und vertrieb mir die Zeit mit Zwangsvorstellungen und Schuldgefühlen. Dazu bestellte ich mir Bücher von Hemingway. Ich mochte Hemingway sehr, weil er mir zeigte, dass auch Machoarschlöcher wie ich ernstzunehmende Autoren werden können. Aber das Leben wurde sehr langweilig, und die Bücher, die ich wollte, kamen nie an. Am Abend las ich oberkörperfrei, was ich da hatte, trank ein bisschen Wermut und schaut über die Stadt. Onanierte, betete und schlief ein. Wenn ich nicht schlafen konnte, schaute ich von Haus zu Haus und wollte meinen Blick nicht von den Häusern leiten lassen, die ich schon kannte. Ich dachte, dass das cool aussehe, wie ich hier so lehnte mit Stift und Glas und Buch und über die Stadt guckte, konnte mir aber nicht vorstellen, wie das zu einer festen Freundin passen würde, die sich im Hintergrund langweilte. So vergingen die Tage, mehr taten sie nicht. Ab und an nahm ich mir Weiber, aber die hatten alle nur Strand und Schuhe im Kopf und wollten schnell und sportlich ficken. Sie hießen Emilia oder Joana und hatten kleine oder große Brüste, grüne oder blaue Augen, braune oder blonde Haare, aber eine mit dunkelblonden hatte ich nie. Sie zogen sich die Schuhe mit Absätzen aus oder die Schlaghosen, hatte schöne Schlüpfer oder keine und keins von diesen Weibern sah aus, wie die im Film oder die vergebenen aus dem Paco. Die Frauen aus den Filmen im Paco waren flachbrüstig und schlau, hatten schöne Lippen und strenge Väter und waren stets vergeben. Die leichten Weiber hingegen hatten wertvolle, von ihren Vätern bezahlte Körper, die jedoch niemals ausreichen würden. Ich vertraute mich dem Fremden an, und alles Vertraute wurde sehr fremd.

Jahre später traf ich dann ein Mädchen. Wieder ein Mädchen, aber eins, von dem ich schreiben wollte, obwohl sie weder vergeben noch im Paco gewesen. Aber sie konnte eine Mahlzeit zu einem Ereignis werden lassen, und wenn wir Geld hatten, gingen wir Austern bei Ramiro essen und tranken kalten weißen Wein. Wir aßen wunderbare Mahlzeiten miteinander und führten tolle Gespräche und machten Spaziergänge und gingen zusammen verloren, und ich erinnerte mich, was Miguel Saramoni damals zu mir gesagt hatte. Ich konnte es wieder spüren. Es war da, als ich mit ihr war, und es war da, als ich nicht mit ihr war, und wenn ich mit anderen war, war es auch da. Als ich aufwachte, war es da, und wenn mir der Mond nachts im Bett ins Gesicht schien, wollte es gar nicht mehr gehen. Das Leben kam mir gefühlt so einfach vor, aber das Leben war nicht einfach, dachte ich. Nichts war einfach, wenn man jung war, nur haben wollen, aber nicht haben wollte. Also gingen wir im Dunkeln so vor uns hin, ein Schritt nach dem anderen, schauten in Schaufenster und liefen durch die Rua Augusta, kamen auf den Rathausplatz und fragten uns einfache Sachen: Wie der Tag so war oder ob einer von uns schon mal im Rathaus gewesen ist. Aber nichts war einfach, nicht einmal einfache Sachen fragen oder im Dunkeln nebeneinander einschlafen, vom Lieben einer Frau, die man liebt, mal ganz abgesehen. Das einzige, was wirklich einfach schien, war Wegrennen und wieder nicht zu lieben oder wieder nicht gut zu lieben, was wieder das Gleiche gewesen wäre. Aber wir hatten uns, und wir hatten Wissen, das wir uns über die Zeit voneinander angeeignet hatten, Wissen, das unser Wissen war, und es wäre sehr schade gewesen, um all das, was wir schon voneinander wussten. Und ich dachte an Miguel Saramoni und Tolstoi und was der alles wissen musste und wusste, dass es das war, was ich damals im Paco spürte. Diesmal würde ich es zu Ende denken.

Konstantin Arnold, Jahrgang 1990, ist freier Autor und lebt in Lissabon. Er schreibt Reportagen für Tageszeitungen und Magazine, um sich freitags gute Oliven und portugiesischen Rotwein leisten zu können.

Mehr aus: Wochenendbeilage