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Aus: Ausgabe vom 07.09.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Grün-germanisch

Von Arnold Schölzel
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Weitgehend unbemerkt vom Westen verschärfe »Putin den Druck, Weißrussland in eine staatliche Union zu zwingen«, alarmieren die Grünen-Politiker Marieluise Beck und Ralf Fücks am Montag in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter der Überschrift »Putin greift nach Weißrussland«. Der Russe generell und speziell der jetzige Präsident haben einen unstillbaren Hunger auf Land, Raub ist ihr Metier, aber keiner bekommt es mit. Obwohl »der Iwan« 1945 wie aus dem Nichts in Berlin und an der Elbe auftauchte, weil schon damals der deutsche Regierungschef nicht ahnte, wie fix die Horden aus den östlichen Steppen an der Elbe sein können. Heute gibt es zum Glück grüne Politikberater, die warnen können. Ihnen geht es vor allem wie einst 1999 beim von einer SPD-Grünen-Regierung freigebombten Kosovo ums Selbstbestimmungsrecht. Beck und Fücks wissen, was die Zwangsunion von Belarus und Russland bedeuten würde: das »Ende der weißrussischen Unabhängigkeit«, was »die strategische Lage in Mittelosteuropa gravierend verändern« würde. »Der Iwan« hätte erneut freie Panzerbahn bis nach Berlin und sonstwohin.

Ähnliches soll in der vergangenen Woche auch John Bolton in Minsk dem Präsidenten von Belarus Alexander Lukaschenko gesagt haben: Er habe, wurde er zitiert, von einer Veränderung der geopolitischen Lage gesprochen. Sein Gastgeber kündigte an, mit ihm »offen und freundschaftlich« über die Beziehungen zu den USA zu sprechen. Die sind seit mehr als zehn Jahren, seit die damalige US-Außenministerin Condoleezza Rice 2005 Belarus als die »letzte wirkliche Diktatur im Herzen Europas« bezeichnete, vor allem durch Sanktionen, die von Washington verhängt wurden, gekennzeichnet. Eine »bunte« Revolution, ein »Volksaufstand« unter Betreuung von CIA, BND und allen angeschlossenen NATO-Diensten, scheiterte zwischendurch. Vielleicht meint Bolton das mit veränderter geopolitischer Lage: Was in Kiew vor mehr als fünf Jahren unter Mobilisierung von schießwütigen Nationalisten und Faschisten gelang, ein Putsch von EU und USA gegen die gewählte Staatsführung, lässt sich in Minsk schlecht organisieren.

Wo Bolton, energischer Befürworter des Irak-Feldzuges von 2003, also einer, dem Leichengeruch anhaftet, heute kapituliert, springen die Grünen gern ein. Hauptsache der Russe ist raus. Heute sei klar, blicken Beck und Fücks (einst Kommunistischer Bund Westdeutschland) in die Glaskugel, »dass Weißrussland zu einer Moskauer Provinz herabsinken würde«. Das wäre nach »der Annexion der Krim« ein »weiterer Triumph Putins, die Geschichte zu korrigieren«. Die Korrektur erledigen die grünen Umgestaltungsexperten gern selbst wie beim Herabsinken der Ukraine zur NATO- und EU-Provinz.

Nun wird der »letzte Diktator« auf einmal zum Hoffnungsträger der grün-germanischen Russophobie: »Noch leistet Lukaschenko hinhaltenden Widerstand.« Er beharre auf »Souveränität« loben ihn Beck und Fücks mit einer AfD-Leitvokabel. Und: »In der Abwehr der Umarmung des Kremls treffen sich die Interessen des Regimes mit den nationalen Interessen des Landes.« Die Bevölkerung wolle Unabhängigkeit mit guten Beziehungen sowohl zu Russland wie zur EU. Das liege »im strategischen Interesse der EU«, die einen Weg finden müsse, »die Unabhängigkeit zu stärken, ohne die diktatorische Herrschaft Lukaschenkos zu legitimieren«. Früher hieß das »Wandel durch Annäherung« und ein DDR-Außenminister charakterisierte die damit verbundene Politik als »Konterrevolution auf Filzlatschen«. Er behielt recht.

Wenn ein Massenmörder wie Bolton in Minsk auftaucht, also nach Belarus greift, schreiben Grüne das »Entspannungs«konzept dazu – wie dem Raubtier die Aasverwerter folgen.

Wenn ein Massenmörder wie Bolton in Minsk auftaucht, also nach Belarus greift, schreiben Grüne das »Entspannungs«konzept dazu – wie dem Raubtier die Aasverwerter folgen.

Debatte

  • Beitrag von Jens S. aus B. ( 8. September 2019 um 09:01 Uhr)
    Das hieß, glaube ich: »Aggression auf Filzlatschen«.

    Viele Grüße,

    Jens Schmidt

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Olivgrüne Krieger Vom einstmals bunten Pazifismus zum blutigen Bellizismus. Hat es in der Nachkriegsgeschichte er BRD (alt oder neu) jemals eine Partei gegeben, deren Protagonisten an Opportunismus und Karrieregeilheit...
  • Klaus Leger: Nichts Gutes Wer war nicht schon alles im Kommunistischen Bund Westdeutschland? Burkart von Braunbehrens (Spross der Waffenhändlerdynastie bei Krauss-Maffei und dann etliche Jahre im Aufsichtsrat dieser feinen Fir...

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