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Aus: Ausgabe vom 07.09.2019, Seite 4 / Inland
Ermittlungen gegen Oberleutnant

Nur als »Franco« vorgestellt

Terrorverdächtiger Offizier suchte Kontakt zu linken Gruppen in Berlin. Dort verschwieg er seinen rechten politischen Hintergrund
Von Claudia Wangerin
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Soldat der deutsch-französischen Brigade vor dem Stabsgebäude des Jägerbataillons 291 der Bundeswehr (Archivbild). Dort war auch Oberleutnant Albrecht stationiert

Gegen den terrorverdächtigen Bundeswehr-Offizier Franco Albrecht, der sich zeitweise als syrischer Flüchtling ausgegeben hatte, liegt offenbar mehr belastendes Material vor als bisher bekannt. Brisant ist das auch, weil Albrecht nach Informationen von junge Welt um die Jahreswende in Berlin Kontakt zu linken Gruppen gesucht und dabei nur seinen Vornamen genannt hat, ohne seinen rechten Hintergrund offenzulegen.

Die Ende 2017 erhobene Anklage gegen Albrecht war vom Oberlandesgericht Frankfurt am Main nicht zugelassen worden – die Bundesanwaltschaft hatte dagegen Beschwerde beim Bundesgerichtshof (BGH) eingelegt. Die Entscheidung könnte demnächst fallen.

Nach einem Bericht des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) vom Donnerstag wurden in einer Terminmappe des Oberleutnants Notizen gefunden, die als Ablaufplan für ein Attentat in Berlin gedeutet werden können. Das Medium berief sich auf einen entsprechenden Vermerk des Bundeskriminalamts (BKA). Demnach habe Albrecht von seiner Heimatstadt Offenbach aus mit einem Motorrad in die Hauptstadt fahren wollen, um dort von einem Komplizen eine Schrotflinte in Empfang zu nehmen. Laut RND sollte der Anschlag der Vorsitzenden der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane, gelten. Dass Albrecht Kahane als Anschlagsopfer in den Blick genommen hatte, war bereits bekannt. Die Bundesanwaltschaft hatte bei der Anklageerhebung im Dezember 2017 mitgeteilt, dass dies aus »Aufzeichnungen des Angeschuldigten« hervorgehe, ohne Details zu nennen.

Nach Überzeugung der Anklagebehörde wollte Albrecht aufgrund seiner rechten Gesinnung Politiker und andere Menschen töten, die sich für Flüchtlinge einsetzten. Außerdem besteht der Verdacht, dass er Anschläge »unter falscher Flagge« begehen wollte, um Stimmung gegen Asylbewerber zu schüren. Erwiesen ist, dass er sich als syrischer Flüchtling hatte registrieren lassen.

Im Internet kursieren mehrere Fotos, die jeweils Albrecht zeigen sollen – er ist demnach zumindest äußerlich wandlungsfähig. Politisch und ideologisch soll er sich um die Jahreswende als »Suchender« ausgegeben haben – seine Masterarbeit im Fachgebiet Militärgeschichte und Sozialwissenschaften hatte ein Gutachter im Januar 2014 als »radikalnationalistischen, rassistischen Appell« bewertet.

Mitglieder linker Gruppen, zu denen er später in Berlin Kontakt aufnahm, konnten den jungen Mann, der sich als »Franco« vorstellte, zunächst nicht einordnen. Thilo Haase vom Berliner Gesprächskreis der Nachdenkseiten sagte am Freitag gegenüber junge Welt, er habe zwar Medienberichte über »Franco A.« aus Offenbach gekannt, den terrorverdächtigen Oberleutnant aber nicht in der Hauptstadt vermutet. Außerdem habe dieser anders ausgesehen als auf Fotos, die im Internet kursierten. Außer zu dem Gesprächskreis habe Albrecht Kontakt zu einer Bezirksgruppe der Partei Die Linke gesucht. Auch hier habe er zunächst nur seinen Vornamen genannt. Als den Betroffenen klar wurde, mit wem sie es zu tun hatten, sei ihm jeweils nach kurzen Aussprachen mitgeteilt worden, dass er auf den Gruppentreffen unerwünscht sei. Obwohl Albrecht, wie Haase sagt, »Menschen für sich einnehmen« könne. Als äußerst manipulativ schilderte ihn eine Frau aus dem Umfeld der Friedensbewegung, die namentlich nicht genannt werden möchte.

Seine Registrierung als Syrer rechtfertigte Albrecht dem Vernehmen nach mit der Behauptung, es habe sich um eine Art investigative Recherche über das Behördenchaos im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise gehandelt. Anschlagspläne in dieser oder einer anderen Maske bestritt er stets.

Im Februar 2017 war Albrecht durch eine illegal beschaffte Pistole am Flughafen Wien aufgefallen, die er dort in den Räumen einer Behindertentoilette versteckt hatte. Seine Erklärung: Er habe die Waffe zufällig in einem Gebüsch gefunden, als er sich dort nach einer durchzechten Nacht habe erleichtern wollen.

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