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Aus: Ausgabe vom 07.09.2019, Seite 1 / Titel
»Rheinmetall entwaffnen!«

Kriegsmaschine geblockt

Zufahrtswege dicht: Antimilitaristen störten Produktionsablauf der Waffen- und Munitionsfabrik von Rheinmetall in Unterlüß
Von Susan Bonath
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Erfolgreiche Blockade am 6. September 2019 vor dem Rheinmetall-Werk in Unterlüß

Unter dem Motto »Rheinmetall entwaffnen« haben am Donnerstag und Freitag mehrere hundert Menschen die Zufahrtswege zur Produktionsstätte des Rüstungskonzerns im niedersächsischen Unterlüß blockiert, darunter auch Gleise. »Viele Fahrzeuge für An- und Auslieferungen konnten nicht heraus- und hereinfahren, der Schichtwechsel war unterbrochen«, sagte am Freitag ein Sprecher des gleichnamigen Bündnisses gegenüber jW. Eine Blockade habe die Polizei bis dahin teils gewaltsam geräumt. »Auf unserer Seite gab es einige Verletzte«, so der Sprecher. Ein Aktivist sei von einem Beamten geschlagen worden.

Vor Beginn der Aktion hatten Antifaschisten in einem ehemaligen Außenlager des KZ Bergen-Belsen bei Unterlüß einen Gedenkstein angebracht. Dort waren ab 1944 rund 900 jüdische Frauen inhaftiert, um Zwangsarbeit für Rheinmetall zu leisten.

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Erfolgreiche Blockade am 6. September 2019 vor dem Rheinmetall-Werk in Unterlüß

Bei einigen Beschäftigten des Rüstungskonzerns seien die Blockaden nicht gut angekommen. Die Polizei habe Mitarbeiter, die zur Frühschicht wollten, auf Umwegen in die Firma geleitet. »Andere haben sogar versucht, über Gärten auf das Gelände zu gelangen«, berichtete er. Für ihn sei das »unverständlich«. »Wir demonstrieren nicht gegen die Arbeiter, sondern hätten sie gern mit im Boot«, stellte er klar.

Das Bündnis hatte die Blockaden im Rahmen eines Antikriegscamps angekündigt, das seit dem 1. September in Unterlüß stattfindet und noch bis Montag stehen soll. Es sei »gelungen, die Rüstungsproduktion zeitweise lahmzulegen«, teilte eine Aktivistin am Freitag mit. Sie mahnte: »Rheinmetall leistet unter anderem materielle Hilfe für die von Saudi-Arabien begangenen Kriegsverbrechen im Jemen und die völkerrechtswidrige Besatzung der türkischen Armee im nordsyrischen und ehemals kurdisch verwalteten Kanton Afrin.« Der Konzern, der in Unterlüß Waffen und Munition produziert, fahre »gigantische Profite mit dem Töten« ein.

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Erfolgreiche Blockade am 6. September 2019 vor dem Rheinmetall-Werk in Unterlüß

Über das Camp und die Blockaden des Rheinmetall-Werks schwiegen sich regionale und überregionale Medien weitgehend aus. Auch die Polizei hielt sich bedeckt. Sie gab lediglich am 2. September eine Pressemitteilung heraus, in der sie von einer Demonstration mit 400 Teilnehmern bis vor das Haupttor der Betriebes berichtete. Diese sei friedlich verlaufen, hieß es. Einen Tag später informierte sie über eine vierstündige Sitzblockade. Auch dabei habe es keine Zwischenfälle gegeben.

Die Blockade am Freitag erwähnte sie bis zum Nachmittag mit keinem Wort. »Warum sollen wir eine Mitteilung herausgeben, wenn alles friedlich und nichts weiter los ist?« gab sich der Celler Polizeisprecher Christian Riebandt auf jW-Anfrage verwundert. Von Verletzten habe er bis dato »keine Kenntnis bekommen«. Die Einsatzkräfte hätten eine Gleisblockade geräumt, drei weitere aber zunächst nicht. Eine Aktivistin habe sich zudem an einem Strommast angekettet. »Sie ist am Freitag morgen dann freiwillig heruntergeklettert«, so der Beamte.

Nach Angaben des Antikriegsbündnisses reiht sich die Aktion in einen »weltweiten Protest gegen die finanzielle und militärische Unterstützung des Erdogan-Regimes ein. Zeitgleich zu dem Camp fänden derzeit Aktionen gegen Rüstungskonzerne und -messen in europäischen Ländern sowie in Australien und Südamerika statt. Es brauche »massenhaften zivilen Ungehorsam, um die Produktion von Rüstungsgütern lahmzulegen«, erklärte das Bündnis. Am späten Nachmittag wurden die Blockaden beendet; die Teilnehmer zogen zum Camp.