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Aus: Ausgabe vom 05.09.2019, Seite 12 / Thema
Psycholytische Psychotherapie

Therapie mit Substanzen

Eine Erinnerung an den Nervenarzt, Psychotherapeuten und LSD-Forscher Hanscarl Leuner
Von Norbert Andersch
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Hanscarl Leuner war der Überzeugung, dass sich mit Hilfe einer rauschhaften Auflockerung der Psyche, sprich mit der dosierten Gabe von Drogen, Psychosen und Angstzustände behandeln lassen (»Bond«, Gemälde von M. C. Escher von 1956)

In der offiziellen Ruhmeshalle großer deutscher Nervenärzte wird man Hanscarl Leuner nicht finden. Dafür war er zu kritisch, zu streitbar, zu unangepasst. In neurologischen und psychiatrischen Lehrbüchern taucht sein Name ebenfalls nicht auf. Dafür waren seine Konzepte zu revolutionär. Sein bahnbrechendes Werk »Die experimentelle Psychose« (1962) und sein radikal neues Konzept einer »konditional-genetischen Psychopathologie« sind auf dem Index deutscher Nervenheilkunde gelandet, und haben dennoch weiterhin das Potential, den Umgang mit psychischen Krisen grundlegend zu reformieren.

Dem konservativen psychiatrischen Zeitgeist der frühen 1960er Jahre weit voraus, setzen Leuners Forschungen über experimentelle Psychosen gerade dort an, wo Karl Jaspers in schweren psychischen Störungen »etwas seelisch Letztes, immanent Wesentliches und nicht weiter Ableitbares« erkannt hatte. Leuner nutzt – in nervenärztlichen Fachkreisen hochumstritten – das Halluzinogen LSD 25 und gesunde, freiwillige Versuchspersonen.

Schlimmer noch: Theoretisch beruft sich Leuner nicht auf Sigmund Freud, Emil Kraepelin oder Jaspers, sondern auf zwangsexilierte Antifaschisten wie den Psychologen Kurt Lewin, den Nervenarzt Kurt Goldstein und den Philosophen Ernst Cassirer. Dessen paradigmatischer Methodenwechsel in der Betrachtungsweise von »Substanz- zu Funktionsbegriffen« lässt menschliches Bewusstsein nicht mehr als lokalen Organdefekt des Gehirns, sondern als relationale Ordnung einer interaktiven Funktionsmatrix zwischen dem Selbst und seinem sozialen Resonanzraum erkennen. Erst auf dieser Basis sei das Konzept einer neuen Psychopathologie – so Leuner – zu etablieren. Dabei unterzieht er das bis heute gültige Standardwerk phänomenologischer Psychiatrie, Karl Jaspers’ »Allgemeine Psychopathologie« (1913), einer radikalen Kritik. Leuners empirische wie theoretische Arbeiten mit und über Halluzinogene werden später durch das von den USA eingeforderte Verbot der Halluzinogenforschung aus dem psychiatrischen Diskurs verdrängt, bleiben aber auch im 21. Jahrhundert von herausragender Bedeutung für die Fortentwicklung klinischer und psychopathologischer Konzepte.

Hanscarl Leuner, geboren am 8. Januar 1919 in Bautzen in eine Familie von Lederfabrikanten, studiert, mehrfach unterbrochen vom Militärdienst, von 1939 bis 1946 Medizin. Schon während dieser Zeit setzt er sich mit den klinischen Arbeiten über Hypnose, Traum und Imagination auseinander. Ab 1947 arbeitet er an der Psychiatrischen Universitätsklinik Marburg, absolviert dort eine Lehranalyse, also eine Psychoanalyse, bei der der Analytiker selbst der Analysierte ist, und beginnt 1955 umfangreiche Forschungsarbeiten mit Halluzinogenen. Die künstlich erzeugten Modellpsychosen mit gesunden Probanden sollen Aufschlüsse über ihre verdeckte, komplexe Struktur geben. 1959 wechselt er als Assistent in das Team von Klaus Conrad, dem Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Göttingen. Mit Conrad verbindet ihn das Interesse an gestalttheoretischen Aspekten der Psychosen. Eigene Ergebnisse der Halluzinogenforschung und seine psychopathologischen Reformansätze drängen Leuner zur Einführung eines neuen, klinisch wirksamen Behandlungsverfahrens, dem »katathymen Bilderleben« (KB).¹ In Göttingen gründet er 1974 die bis heute aktive »Arbeitsgemeinschaft für Katathymes Bilderleben und imaginative Verfahren in der Psychotherapie« (AGKB). 1975 wird er in Göttingen zum Leiter der Abteilung Psychotherapie und Psychosomatik.

In der traditionellen Diagnostik, so Leuner, werde der in der Psychose gegebene Erlebnisstrom durch eine isolierende Betrachtungsweise auseinandergerissen. Dies führe – hier stimmt er mit Klaus Conrad überein – zu einer »ermüdenden Abspaltung der Phänomene«. Diese oberflächliche Betrachtung führe letztlich zu falschen Zuordnungen und Fehldiagnosen. Dennoch vertritt Leuner nicht Conrads organisches Konzept der Psychosen, sondern stellt ihm einen »konditional-genetischen« Ansatz gegenüber, in dessen Licht die Schizophrenie »als eine aus der Lebensgeschichte verstehbare, abnorme seelische Erlebnisreaktion aufgefasst werden muss«. »Genetisch« meine das Aufdecken eines historisch komplexen Entwicklungsganges, der sonst beziehungslos nebeneinander stehende Erfahrungstatsachen lediglich additiv oder deskriptiv verbinde. Die in der Krise auffällige Symptomatik sei oft nur die Fassade, die die relevanten Zusammenhänge verdecke. Das einzelne seelische »Gebilde« sei nicht vorrangig durch sein Aussehen oder eine oberflächliche Phänomenologie zu definieren, sondern eben »konditional«, als eine Mannigfaltigkeit, ein Bedingungskomplex, eine relationale Ordnung zwischen dem Subjekt und seinem sozialen Resonanzraum.

Mit diesem neuen Ansatz können bisher scheinbar widersprüchliche, phänomenologisch gewonnene Aussagen in ihrer funktionalen Struktur erkannt und miteinander in Einklang gebracht werden. Krankhaftes sei zuerst, so Leuner, aus einer Funktionsstörung des seelisch Gesunden abzuleiten. Daher seien auch Experimente mit gesunden Probanden hilfreich und könnten zusätzliche Aufschlüsse geben, da ihre Erfahrungswelt bzw. ihr Resonanzraum – anders als bei schwer erkrankten – nicht eingeschränkt sei. Eine solide »Erlebnisanalyse« des Probanden/Patienten bringe einen wesentlich besseren Ertrag als eine bloße Verhaltensbeschreibung.

Eine neue Theorie

Als theoretischer Bezug des neuen Leunerschen Ansatzes fungiert Kurt Lewins Abhandlung über »gespannte dynamische Systeme« (»Vorsatz, Wille und Bedürfnis«, 1926). Als erfahrener Psychologe war Lewin nach seiner Emigration aus Nazideutschland in den USA zu bemerkenswertem Ansehen und Einfluss gekommen war. Das Studium von Ernst Cassirers Grundlagenwerk »Substanzbegriff und Funktionsbegriff« (1910) hatte ihn schon in den 1920er Jahren erkennen lassen, dass mentale Spannungszustände – anders als von Freud postuliert – nicht notwendigerweise zu Auflösung und Erledigung drängen, sondern, ganz im Gegenteil, als lebendige parallele Spannungsbögen die Grundmatrix von Wachheit und Bewusstsein sind. Sie bilden beim Erwachsenen in der Regel eine große Anzahl nebeneinander bestehender gespannter Systeme, die aber nur selten und meist unvollkommen wirklich entspannt, das Energiereservoir menschlichen Handelns darstellen. Ohne ihre relativ weitgehende Sonderung gegeneinander wäre ein geordnetes Denken und Handeln unmöglich. In dieser kreativen Matrix stabilisierter Spannungsbögen sieht Leuner nunmehr fortlaufende Gestaltungsvorgänge, die als »eigentlich wirksames Moment« der Bewusstseinsbildung identifiziert werden können.

Leuner postuliert dabei eine Doppelrolle des mentalen Systems, das sowohl ein Sich-Selbst-Darstellendes wie ein Bewirkendes sein kann; einen Übergang von einer im krankhaften Erleben mehr reaktiven zu einer in gestalterischem Bewusstsein intentional-aktiven Rolle, die in der psychischen Krise zeitweilig wieder verlorengeht.

Die von Leuner erkannte Wandlung der Symbolfunktion lässt ihn die »verzerrende Symboldeutung des Freudschen Ansatzes« zurückweisen, die Symbole einseitig als regressiv und pathologisch bewertet. Statt in der Freudschen »Traumfixierung« müsse die Rolle der Symbolik in allen spontanen seelischen Abbildungsvorgängen erkannt werden. Aus dem Vorgang der Bebilderung (in Traum und Psychose) könne nicht automatisch – wie von Freud – auf einen Verdrängungsvorgang geschlossen werden, vielmehr müsse eine genuine mentale Fähigkeit zur Formgebung angenommen werden, die bildhaft-physiognomisch ihr Umfeld und rückwirkend sich selbst (!) forme. Dieses System absorbiere notwendigerweise Energie, und seine bildproduzierende Potenz sei Teil einer bereits im gesunden Zustand funktionierenden »normalpsychologisch vorliegenden Funktionsmatrix«, die in Krisen übersteuert und quasi »entgleist«. Sie trage in der psychischen Krise (im Verlauf von Halluzinationen) aber auch zur Entspannung pathologischer Erregungsvorgänge bei und verzögere regressive Entwicklungen.

Im Symbol liege die Potenz zur »Aufschlüsselung extrem psychotischer Verläufe, die bisher als unverstehbar, als etwas phänomenologisch Letztes, nicht weiter Reduzierbares galten«. Bei den von ihm selbst untersuchten drogeninduzierten Psychosen zerfalle so nicht die reine Wahrnehmung (Gestaltzerfall), vorherrschend sei vielmehr die Unfähigkeit des Probanden/Patienten, das Geschehende »prägnant« darzustellen; es sei die Einbuße der inneren Konstruktionsvorstellungen, des vermittelnden Relationsgefüges und der unterliegenden Architektonik, an deren Stelle dann in schweren psychotischen Verläufen »präformierte Schablonen« träten. Auch akut halluzinatorische Bildgebung reduziere diffuse Angst durch Formelemente und erlaube – manchmal selbst bei bedrohlicher Bildgestaltung – wenigstens eine Positionierung des Betroffenen gegenüber einem sonst noch weniger berechenbaren Geschehen. So absorbiere die bildliche Rahmensetzung schon erhebliche Energien aus der reflexiv-emotionalen Bewegung und führe sie in die sich auftuende Form ab. Das aus traditioneller Sicht beweisende »Symptom« psychotischer Störungen (z. B. Stimmenhören oder optische Halluzinationen) deutet Leuner als kreative Abwehrleistung des Bewusstseins, und in ihren Radikalen erkennt er die neuen Bausteine zukünftiger Funktionsebenen. Gleichzeitig können pathologische Fixierungen als erstarrte dynamische Systeme betrachtet werden, bei denen durch therapeutische Toxingabe (LSD) die innere Dynamik reaktiviert und so einer hilfreichen Abreaktion zugeführt werden kann. Dies hat Leuners niederländischer Kollege Jan Bastiaans an erfolgreichen Therapien schwerst traumatisierter ehemaliger KZ-Häftlinge eindrucksvoll demonstriert.

Kritik an Jaspers

Leuners Konzept einer »konditional-genetischen Psychopathologie« versteht sich ganz explizit als Gegenposition zu Karl Jaspers’ psychiatrischem Ansatz und zu dessen Standardwerk »Allgemeine Psychopathologie«. Dabei verwirft Leuner die »Starrheit und Substanzorientierung« einer nur beschreibenden Psychopathologie, die »eine Verwechslung bzw. Gleichsetzung von Erscheinung und Phänomen vor(nehme), also (die) Verwendung eines vulgären Phänomenbegriffes, der voraussetzt, dass das Phänomen der empirischen Anschauung selbst zugänglich und an sich selbst wesentlich sei«. Dies sei ein verhängnisvoller Irrtum, der dazu geführt habe, dass der »vulgäre Phänomenbegriff« in die Psychiatrie unauslöschlich eingeführt worden sei. Auch sei Jaspers’ »Dogma des Verstehens« als einer »Erkenntnisform sui generis« nicht haltbar. Es sei höchst evident, dass das Verstehen als solches im Grunde von äußerster Begrenztheit sei und alle Möglichkeiten der Täuschung in sich trage, da es seine Grenze immer in der Struktureigenart und Enge oder Weite der Person des Betrachters finde.

Einfache Außenbeobachtungen, so akkurat sie auch seien, könnten diese Lücke nicht schließen und den qualitativ spezifischen Charakter von Psychosen nicht wiedergeben. Bei der isolierenden Betrachtung der Phänomene durch Jaspers würden die funktionalen Abläufe des Seelischen, das eigentlich Fließende, das Geschehen und das Akthafte zu »Zusammenhängen von Erscheinungsformen« degradiert. Das in der Psychiatrie weithin akzeptierte Jaspersche Dogma einer Unverstehbarkeit der Psychose betrachte er als das maßgebliche Hindernis, um zu den ungelösten Detailproblemen und der offensichtlich erkennbaren Struktur schwerer psychischer Störungen vorzudringen.

Seinen eigenen Ansatz beschreibt Leuner als eine »kopernikanische Wendung« in Abwendung von der formalen Symptomatik hin zu den Erlebnisinhalten. Nur eine patientenzentrierte Psychodiagnostik halluzinatorischer Erfahrungen (»Erlebnisanalyse«) führe zum Verständnis einer unterliegenden Architektur psychotischer Störungen. Diese werde aber bislang klinisch nicht praktiziert, um so mehr als vulnerable Patienten ihre psychotischen Inhalte ohne besonders geschütztes Settings oft nicht mitteilen könnten oder wollten. Leuner gibt – das bleibt kritisch anzumerken – der Symbolfixierung auf extrazerebrale (äußere) Zeichen keine signifikante Bedeutung, obgleich dieser intentionale Anbindungsakt den Denkraum stabilisiert und als Erinnerung reproduzierbar macht; ganz im Gegensatz zu der passiven, reaktiv-autoregulativen, (unbewusst) einsetzenden Symbolbildung in der psychotischen Krise, die immer flüchtig ist, nicht erinnerungsfähig und deren bewusste Anteile oft von grandiosen oder destruktiven Komplexen absorbiert werden. Hierin unterscheidet er sich von der Position Ernst Cassirers, aber auch der sowjetischer Psychologen wie Alexander Lurija, Alexej Leontjew oder Lew Wygotski.

Internationale Halluzinogenforschung

Mit seinen detaillierten Untersuchungen zu experimentellen Psychosen wird Leuner zu einer internationalen Kapazität der Halluzinogenforschung. Seine Studien geben ausführlichen Einblick in die Wirkungsweise toxischer Psychosen und den stufenweisen Auf- (bzw. Ab-)bau der davon betroffenen dynamischen und strukturellen Ebenen von Sinnstiftung und Symbolbildung. Leuner revidiert frühere Schlussfolgerungen aus der Meskalinforschung, dass drogeninduzierte Psychosen »absolut pathologische und psychologisch völlig unverstehbare Äußerungen eines krankhaft veränderten Hirnes« (Kurt ) seien. Die Frage nach der Freisetzung von verdrängtem Komplex- und Triebmaterial in der rauschhaften Auflockerung der Psyche war seinerzeit von Behringer ausdrücklich verneint worden. Tatsächlich – so Leuner – fördern die Psycholytica eine Fülle solchen Materials zutage. Der Arzt muss nur in der Lage sein, die entsprechenden Erlebnisschilderungen der Patienten im Zusammenhang zu sehen. Selbst bei transpersonalen, universalen oder kosmischen Halluzinationen gehe das subjektiv-biographische Moment niemals verloren.

1960 wird Leuner Mitorganisator des ersten europäischen Symposions über »Psychotherapie unter der Gabe von LSD 25«. 1964 gehört er zu den Gründern der »Europäischen Gesellschaft für psycholytische Psychotherapie«. Während die von ihm entwickelte Therapie des katathymen Bilderlebens – auch international als »Symbol Theory« – Anerkennung und Anwendung findet, muss er erleben, dass eine Anti-LSD-Hysterie in den USA die gesamte internationale Halluzinogenforschung zum Erliegen bringt. Leuner versucht deren aufschlussreiche Ergebnisse zu sichern und Schlussfolgerungen seiner Studien zu veröffentlichen. 1985, im Jahr seiner Emeritierung, gehört er zum Gründungsbeirat des »Europäischen Kollegiums für Bewusstseinsstudien« (ECBS). Zwei der drei internationalen Kongresse »Welten des Bewusstseins« sehen ihn als leitenden Präsidenten. Kurz nach dem Heidelberger Kongress 1996, an dem er noch aktiv teilnimmt, verstirbt er.

Leuners erstes ausgearbeitetes psychiatrisches Strukturmodell ist relativ schwer verständlich. Leuners Theorie verlangt von Klinikern, sich auf seinen philosophischen und systemtheoretischen Ansatz einzulassen. Dazu sind in der von faschistischen Mitläufern fortbestimmten psychiatrischen Diskussion im Westdeutschland der 1960er Jahre nur wenige bereit. Leuners radikale Abgrenzung von Karl Jaspers, der in der Bundesrepublik unhinterfragten Lehrbuchautorität, trägt dazu bei, dass seine Reformideen nur auf geringe Resonanz stoßen. Das faktische Verbot der Halluzinogenforschung in den 1970er Jahren bedeutet für Leuner das Ende seines experimentellen und theoretischen Einflusses. Er selbst kritisiert diesen Vorgang als »erstaunliche Überreaktion« staatlicher Autorität, als schweren Rückschlag für die psychiatrische Forschung, aber auch für sein eigenes Projekt einer radikal reformierten psychiatrischen Krankheitslehre.

So müssen nicht nur aussichtsreiche Projekte für Alkoholkranke und schwer persönlichkeitsgestörte Patienten mit Hoffnungen auf maßgebliche Verbesserung ihrer Behandlungsergebnisse abgebrochen werden. Wesentlich stärker betroffen zeigt sich Leuner von der »zunehmenden, stark wertenden Ablehnung« durch seine psychiatrischen Fachkollegen: »Die irrationale Reaktion dieser Gruppe (die dem Forschungsverbot zustimmte, N. A.) war um so überraschender, als man glaubte, davon ausgehen zu können, dass Wissenschaftler sich kritisch auf rationale Kategorien stützen und den Missbrauch von der kontrollierten, wissenschaftlich begründeten Anwendung der Mittel wohl zu unterscheiden wüssten.«

Trotz aller Rückschläge in der Halluzinogenforschung ist Leuner im Therapiesektor erfolgreich. Mit dem »katathymen Bilderleben« führt er ein neues Behandlungsverfahren ein, das durch die Reinstallierung von Symbolgestalten zwischen dem Selbst und seinem Resonanzraum große therapeutische Wirksamkeit entfaltet. KB hat – auch international – in breitem Rahmen Eingang in die Therapieprogramme psychiatrischer und psychologischer Kliniken gefunden. Dieser Erfolg bringt Leuner wieder in größere Nähe zu psychoanalytisch orientierten Kollegen, die – wie er – das aktive und heilende Moment von Symboltechniken aktiv nutzen wollen.

Hanscarl Leuners Arbeiten über die »Modellpsychose« und sein Konzept einer »konditional-genetischen Psychopathologie« bleiben Meilensteine der deutschen und internationalen Psychopathologieforschung. Sie stellen den Patienten und seine Einbindung in den sozialen Resonanzraum ins Zentrum aller Heilungsbemühungen. Das von ihm mit Hilfe umfangreicher Halluzinogenforschung erstellte Modell einer mentalen Matrix erbringt gesicherte Erkenntnisse über bislang verborgene Detailstrukturen schwerer psychischer Störungen. Die erneute Durchsicht von Leuners Forschungsergebnissen und seinen theoretischen Schlussfolgerungen, begleitet von einer gerade wieder in Gang kommenden Halluzinogenforschung, erscheinen vielversprechend.

Anmerkung:

1 katathym = affektbedingt, durch Wahnvorstellungen entstanden

Norbert Andersch ist Neurologe und Psychiater mit langjähriger klinischer Berufserfahrung. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. August 2017 über die theoretischen Schwächen der herrschenden Psychiatrie und symbolorientierte Modelle (Kritik der Psychiatrie).

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